Südkorea: Lieber sterben als alt werden

ARTE Reportage - Samstag, 6. Februar 2016 - 17:05

Länder: Südkorea

Tags: Südkorea, Selbsmord, Senioren

In Südkorea nehmen sich jeden Tag 50 Menschen das Leben, vor allem auch alte Leute – insgesamt doppelt so viele wie in Deutschland oder Frankreich. Der wirtschaftliche Aufstieg der letzten Jahrzehnte hat viele alte Familienstrukturen zerstört und den Zusammenhalt zwischen den Generationen.

Einsamkeit und Armut treiben die Senioren in den Tod, vor allem die Generation, die ihr Land nach dem Krieg wieder aufgebaut hat: Heute steht Südkorea auf dem 13. Rang unter den Industrienationen und bei der Selbstmordrate an erster Stelle in der OECD – und heißt deshalb auch: „Die Selbstmord-Republik“. Viele alte Menschen haben zu wenig oder gar nichts in die Rentenversicherung eingezahlt – sie wollen aber niemandem zur Last fallen, vor allem nicht ihren Kindern. Die Brücken in der Hauptstadt Seoul sind inzwischen mit einem Warnsystem ausgestattet, um Helfer zu alarmieren, wenn wieder einmal ein Mensch über das Geländer steigt und in den Tod springen will.

Die Individualisierung nach westlichem Vorbild trifft auch die jungen Leute: Der brutale Leistungsdruck in der Schule und auf der Arbeit vereinzelt die Menschen von klein auf, die frühere Solidarität der Generationen ist geschwunden. Viele junge Menschen setzen ihrem Leben selbst ein Ende, weil sie das alles nicht mehr aushalten. Tausende suchen Hilfe und finden sie in Seminaren, in denen sie lernen, ihr altes Leben zu begraben, um wie neu geboren wieder aufzuerstehen. Unsere Reporter zeigen das Bild eines Landes, in dem die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen erst allmählich begreifen, wie es um das Volk heute wirklich steht. 

 

Corée du Sud : quand les seniors se donnent la mort

 

Von Véronique Mauduy, Anne-Charlotte Gourraud und Philippe Couton – ARTE GEIE / Wild Angle Productions – Frankreich 2015

 

 

Unser Interview mit der Reporterin

 

 

Selbstmord aus dem Internet

Seit Jahren hat Südkorea die mit Abstand höchste Selbstmordrate unter den OECD-Ländern. Der rasante wirtschaftliche Aufschwung hat den Leistungsdruck und die Individualisierung der Gesellschaft enorm verstärkt. Viele Koreaner kommen damit nicht klar und setzen ihrem Leben ein Ende. Südkorea ist eines der am besten vernetzten Länder der Welt, deshalb holen sich viele Menschen Rat im Internet. Mit wenigen Klicks finden sie dort Anleitungen zum Selbstmord oder Partner, um gemeinsam in den Tod zu gehen. Über 10 000 solche Websites gibt es der koreanischen Zeitung Chosun Ilbo zufolge: Zwischen 2009 und 2012 habe sich ihre Zahl verzehnfacht.

Eine App gegen die Todes-Sehnsucht  

Während die technische Entwicklung Suizide in Südkorea zu vereinfachen zu scheint, setzt auch die koreanische Regierung auf moderne Technologie, um Selbstmörder aufzuhalten. So sind in der Hauptstadt Seoul seit Langem in allen U-Bahn-Stationen die Gleise mit Glastüren abgesichert.

Im März 2015 hat das südkoreanische Bildungsministerium eine App für Smartphones vorgestellt, die die hohe Selbstmordrate von Jugendlichen senken soll. Diese durchleuchtet alle Handy-Aktivitäten und scannt die abgeschickten Nachrichten, die Internet-Suchanfragen und das Verhalten in den sozialen Netzwerken nach Wörtern, die mit Selbstmord in Verbindung stehen könnten. Werden solche Wörter entdeckt, bekommen die Eltern der Jugendlichen eine Nachricht zugeschickt.

Die Anti-Selbstmord-Brücke

Eine Maßnahme, die bereits funktionieren zu scheint, ist die Mapo-Brücke in Seoul. In den vergangenen Jahren sprangen so viele Koreaner von dieser Brücke in den Tod, dass man sie „Suizidbrücke“ nannte. Als Gegenmaßnahme ließ die Stadt Sensoren an der Brüstung anbringen. Diese geben Alarm, wenn ein Selbstmordkandidat auf das Geländer klettert, um herunter zu springen: Lichter beginnen zu leuchten, gute Nachrichten und Bilder leuchten auf der Brüstung, die den Menschen die schönen Seiten des Lebens ins Bewusstsein rufen und sie vom Springen abhalten sollen. Auch Telefone mit Verbindung zu einer Anti-Selbstmord-Hotline stehen an der Brücke sowie eine Statue, die einen Mann zeigt, der einen anderen tröstet.

Im Jahr darauf gab die Stadt mit einem Werbespot bekannt, dass die Zahl der Koreaner, die von der Mapo-Brücke springen um 77 Prozent zurückgegangen sei. Seitdem rüstet Seoul auch andere Brücken nach und nach mit Sensoren und Kameras aus. 

 

seoul suicide bridge

 

 

 

 

 

Südkorea – die letzten 100 Jahre:

 

Unter dem „Schutz“ Japans

1894

 

 

Ende des 19. Jahrhunderts gewann Japan den Krieg gegen China (1894/95) um die Vorherrschaft auf der koreanischen Halbinsel. 1910 erklärte Japan das Kaiserreich Korea offiziell zum japanischen Protektorat und trieb die Industrialisierung des Landes voran. Mit Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg endete 1945 die Zeit der japanischen Besatzung.

 

1945

 

 

Teilung und Kalter Krieg

Die Siegermächte einigten sich 1945 darauf, Korea entlang des 38. Breitengrades zu teilen. Die Sowjetunion besetzte den Norden, die USA den Süden. Der Kalte Krieg verhinderte eine anschließende Wiedervereinigung. Im Juni 1950 wollte Nordkorea diese erzwingen und griff den Süden an. So begann der Koreakrieg. Die USA beteiligten sich im Krieg auf Seiten Südkoreas, China unterstützte den Norden. Über 3 Millionen Menschen starben bei den Kämpfen bis 1953.

 

1961

 

 

Diktatur und Aufstieg

In den 1960-er Jahren zählte Südkorea noch zu den ärmsten Ländern der Welt. Der wirtschaftliche Aufschwung begann mit General Park Chung Hee. Dieser putschte sich 1961 an die Macht und ließ sich 1963 zum Präsidenten wählen. 18 Jahre lang regierte er das Land mit eiserner Hand. Zugleich legt er mit seiner rigorosen Wirtschaftspolitik den Grundstein für Koreas Entwicklung zu einer der heute führenden Industrienationen. Er trieb die Bevölkerung zur Höchstleistungen an und förderte mit großer staatlicher Unterstützung und Fünfjahresplänen die junge Industrie, von Schuhen und Spielzeug, über Elektrogeräte bis zur Automobilproduktion. Nach Parks Ermordung 1979 führten seine Nachfolger zunächst dessen Regierungsstil fort. Im Sommer 1987 schlug der General Roh Tae-woo überraschend vor, die Verfassung zugunsten demokratischer Reformen zu ändern. Er  wurde im November 1987 durch die Bevölkerung zum Präsidenten gewählt und seine Amtszeit auf 5 Jahre begrenzt – damit begann Südkoreas Demokratie und der Aufstieg zur wirtschaftlichen Supermacht. 

 

EIn Internetdossier von Uwe-Lothar Müller, Judith Kormann und Donatien Huet.