Stadterneuerung - Kontinuität in der französischen Stadtpolitik

Länder: Frankreich

Tags: Stadtplanung, Sozialwohnungen

Seit über zehn Jahren beobachtet der Soziologe Thomas Kirszbaum, wie im Rahmen der französischen Stadtpolitik 150.000 Sozialwohnungen abgerissen wurden.

Warum wurden so viele Wohnkomplexe in Frankreich abgerissen?

Thomas Kirszbaum: Mit der Politik der städtischen baulichen Erneuerung (Programme national de rénovation urbaine - PNRU) werden verschiedene Programme, die einst von den Links-Regierungen eingeleitet wurden, intensiv weiterverfolgt. Ziel dieser Stadtpolitik ist die Schaffung einer größeren „sozialen Vielfalt“ in den Problemvierteln. Es ist mittlerweile politischer Konsens, dass für eine Diversifizierung der Wohngebiete zuerst die alten Wohnkomplexe abgerissen werden müssen. Dadurch wird Platz für private Investoren und „höherklassige“ Sozialwohnungen geschaffen. So sollen privilegiertere soziale Schichten auch in diejenigen Viertel gelockt werden, in denen bisher einkommensschwache Menschen und Minderheiten wohnten. 2003 und 2005 wurden Gesetze verabschiedet, nach denen 250.000 Sozialwohnungen abgerissen und ebenso viele neu gebaut werden sollten. 500.000 weitere sollten saniert oder bewohnbar gemacht werden. Diese Zahlen wurden allerdings willkürlich festgelegt. Weder wurden die Wohnsiedlungen einer seriösen Prüfung unterzogen, noch sprach man mit den Anwohnern. Man wollte einzig die Handlungsfähigkeit des Staates demonstrieren. Bis heute wurden etwa 150.000 Wohnungen abgerissen, das sind etwa 10 bis 15 % aller Wohnungen in den Problemvierteln. Das gewünschte Ergebnis blieb allerdings aus: Die meisten Menschen wechselten zwar die Wohnung, aber nicht den Wohnort. Trotzdem wurde das PNRU als Erfolg gefeiert. Anfänglich sollte dieses Programm nur fünf Jahre dauern, inzwischen hat es sich jedoch als fester Bestandteil der französischen Stadtpolitik etabliert.

Warum wird ein Programm, dessen ursprüngliches Ziel nicht erreicht wurde, so gepriesen?

Thomas Kirszbaum: Zum einen, weil die Veränderungen durch diese Politik der städtischen baulichen Erneuerung für jeden sichtbar sind und beweisen, dass die Städte konkret handeln. Das PNRU ist somit politisch gewinnbringend. Zum anderen, weil die Vermieter von Sozialwohnungen durch das Programm eine finanzielle Unterstützung erhalten, um die Teile ihrer Wohnanlagen zu sanieren, die sie als renovierungsbedürftig einstufen. Allerdings zeigt sich mittlerweile, dass es ein Wunschdenken ist, die sozialen Probleme in den Vorstädten durch das PNRU in den Griff zu bekommen. Die verheißungsvollen Versprechungen der Politik zeigen lediglich, dass man sich schwer tut, die Existenz dieser Viertel zu akzeptieren und anzuerkennen, dass sie in der Gesellschaft eine wichtige Funktion erfüllen. Doch lieber bekämpft man die Symptome im Nachhinein, als dass man sich präventiv um die Ursachen der urbanen Segregation kümmert.

Wie wird diese Stadtpolitik von den betroffenen Bewohnern wahrgenommen?

Thomas Kirszbaum: Ein geringer Teil von ihnen lebt jetzt unter besseren Wohnbedingungen. Doch die schlechter gestellten Großfamilien – zumeist mit Migrationshintergrund – sind die Verlierer, da das Angebot von Sozialwohnungen im Durchschnitt gesunken ist. Es wurde kleinerer und teurerer Wohnraum gebaut. Es gab zahlreiche Proteste und sogar Revolten gegen die geplanten Abrissarbeiten, doch das hat nichts geändert. Die betroffenen Bewohner sind nicht organisiert und von der öffentlichen Debatte ausgeschlossen; sie können sich kein Gehör verschaffen. Der Diskurs über die Vororte wird heute vor allem vom Misstrauen gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund und „Sozialschmarotzern“ bestimmt. Mit diesen Ängsten gewinnt auch der Front national eine immer größere Wählerschaft. Ich habe gezeigt, inwiefern es eigentlich um ethnische Herkunft geht, wenn von „sozialer Vielfalt“ die Rede ist. Das erklärt auch, warum die Anwohner nicht befragt wurden: Wenn man sie zuvorderst als Problem betrachtet, wie kann man sie dann an der Lösungsfindung teilhaben lassen? Der neue Plan soll diesen Mangel beheben. Wie, bleibt allerdings offen.

Das Gespräch führte Irène Berelowitch