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Spiel ohne Gewinner

Länder: Vereinigte Staaten Von Amerika

Tags: Gesellschaftsspiel, Facebook, Ethik, Soziale Medien

Soziale Mutproben in der virtuellen Welt: Ein Tochterunternehmen des Medienkonzerns BuzzFeed hat das erste Kartenspiel für die sozialen Netzwerke herausgebracht: "Social Sabotage". Dabei entblößen sich die Spieler durch peinliche Mitteilungen, Bilder und Videos vor ihren Kontakten im Netz. Das Problem dabei: Die Community nimmt unwissentlich daran teil. 

Social Sabotage 

Flaschendrehen war gestern - zumindest wenn es nach "Buzzfeed Product Lab" geht. Diese Woche brachte der Medienkonzern ein Gesellschaftsspiel für peinliche Mutproben heraus: "Social Sabotage". Ein Partyspiel für Freunde, die sich gegenseitig in unangenehme Situationen bringen wollen. Es gewinnt derjenige, der sich am häufigsten online blamiert und so die meisten Punkte sammelt. Spieler ziehen zwei Arten von Karten. Auf der einen steht der Ort, wo sie etwas publizieren müssen, also auf Facebook, Instagram, eine SMS an die eigene Mutter, an einen Ex-Freund, etc. Auf der anderen Karte steht was genau sie versenden müssen: peinliche, unverschämte oder "lustige" Aussagen, Videos, Bilder, private Nachrichten. Nach dem Verschicken können sich die Spieler dann gemeinsam über die Reaktionen der Nachrichtenempfänger oder Kommentatoren amüsieren und "sich zurücklehnen und ihr eigenes digitales Leben zusammenbrechen sehen" (BuzzFeed Product Lab).

 
Unwissentliche Mitspieler

Es gibt zwei Arten von Menschen: 1. Die, die dieses Spiel spielen. 2. Die, die Fake-Nachrichten/Tweets/ Texte/Snaps von diesen Personen erhalten. [...] Ich werde zu Gruppe 2  gehören und freue mich nicht drauf!"

Chris Blechschmidt@chrisblec - Twitter-Nutzer

Ähnlich wie bei einem Klingelstreich an der Haustür weiß beim Spiel nur eine der beiden Parteien, dass es sich um einen Streich handelt. "Social Sabotage" macht die Personen am anderen Ende des Smartphones oder Bildschirms zu unwissentlichen Mitspielern. Sie antworten mit ehrlichen Emotionen auf "Fake-Messages" (gefälschte Nachrichten) und tragen durch ihre Reaktionen zum Amüsement der Spielergruppe bei. Die Krux dabei: Es kann laut der Bundesbehörde BfDI (Bundesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit) "nicht garantiert werden, dass die sozialen Medien die versandten Nachrichten oder Pinnwandeinträge endgültig löschen". Demnach bleiben nicht nur für die Spieler, sondern auch für die unfreiwilligen Mitspieler die scherzhaften Pinnwandeinträge im Internet gespeichert - trotz offizieller Löschung. 

 
Motor für Belästigung

Anders als bei einem versehentlichen Versenden einer Nachricht an einen falschen Empfänger, regt "Social Sabotage" aktiv dazu an, soziale Tabus und Schamgrenzen zu überschreiten und mit anzüglichen und diskriminierenden Aussagen das Gegenüber - wer auch immer das im Netz sein mag - zu provozieren. Zu den zu versendenden Nachrichten gehören neben Anfragen wie "Möchtest du der '+1' für meine Kuschelparty sein?", "Schick mir ein Foto von deinem schönen Ohr", auch das Versenden von Auberginen-Smileys, die im Netz einen Penis symbolisieren. 

BuzzFeed weist auf seiner Webseite darauf hin, dass das Spiel mit "normalem Menschenverstand" zu spielen sei. Die Spielemacher selbst stellen sich mit den Worten vor: "Das Game wurde von einer Gruppe von Leuten entwickelt, die Internet lieben, etwas seltsam sind und merkwürdiges Zeug mit ihren Freunden machen (aka BuzzFeed). Es tut uns sehr leid."  Worauf sich diese Aussage bezieht, ist unklar, deutet aber auf berechtigte Selbstkritik hin.  

Das amerikanische Technikportal und Mediennetzwerk "The Verge" wirft den Spielemachern vor, die wichtigste Frage jedes Entwicklers nicht ausreichend beantwortet zu haben: "Was ist das Schlimmste, was mit meinem Produkt getan werden kann und wie kann ich das verhindern?". The Verge bezweifelt, dass die BuzzFeed Tochter darauf eine andere Antwort gefunden hat als: "Ich kann es nicht verhindern!". Ein gerechtfertigter Grund also, ein solches Spiel gar nicht erst auf den Markt zu bringen, doch dafür scheint der Profit zu reizvolll zu sein. 

 

BuzzFeed - Wirtschaftlicher Erfolg um jeden Preis
Im Jahr 2011 gelang es den Machern von "Cards Against Humanity" (CAH) ein Kartenspiel zu entwerfen, das in nur einem Monat das beliebteste Spiel auf Amazon wurde. Beim Partyspiel CAH vervollständigen die Spieler mit lustigen, gerne aber auch rassistisch und politisch unkorrekten Aussagen, Lückensätze. Auf ethischer Ebene erntete das Spiel viel Kritik, da es Diskriminierung fördere. Nichtsdestotrotz brachte es den Erfindern laut Chicago Sun Times mindestens 12 Millionen Euro ein. Einen ähnlichen finanziellen Erfolg erhofft sich BuzzFeed mit seinem "Social Sabotage".

 
Spiel ohne Gewinner

"Social Sabotage"- "Soziale Sabotage": Der Name bringt auf den Punkt, was im Spiel passiert, per Definition übersetzt heißt das: "geplante Zerstörung sozialer Infrastruktur". Das klingt zunächst nicht nur nach dem Gegenteil von Spaß, sondern auch nach negativen Folgen. BuzzFeed Product Lab nimmt sich dabei selber nicht so ernst. Denn am Ende des Werbevideos für das Spiel heißt es:  

Spiel, bis Du dich wie ein richtiger Gewinner fühlst oder bis der Schaden in deinem sozialen Umfeld irreparabel ist - was auch immer zuerst eintrifft!"

BuzzFeed Product Lab

 

BuzzFeed Product Lab und die Spieler gehen bei der "Sozialen Sabotage" denkbar leichtfertig mit dem Datenschutz und der Unversehrtheit sämtlicher Internetnutzer um. Die Folgen des Spiels könnten also verheerend sein - von Diskriminierung über Belästigung, das Spektrum möglicher Konsequenzen ist breit gefächert.

Zuletzt geändert am 10. November 2017