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Sozialprojekte in Frankreichs Vorstädten in Finanznot

Länder: Frankreich

Tags: Jugendliche, Einwanderung

Nach den Attentaten von Paris will die französische Regierung die Maßnahmen gegen islamistische Gewalttäter verschärfen, aber auch der Radikalisierung gerade von jungen Männern vorbeugen. 60 Millionen Euro sollen dazu bereitgestellt werden. Doch Vereinen wie „Zonzon 93“, die Jugendliche in sozialen Brennpunkten betreuen, wurden vor kurzem Subventionen gestrichen. Jugendliche aus Einwandererfamilien befürchten indes immer mehr, mit Terroristen und Islamisten in einen Topf geworfen zu werden. Eine Reportage von Nicolas Joxe.

France : la crainte du racisme
Jugendzentren in Gefahr

Mit den Terroranschlägen gegen Charlie Hebdo und den Koscher-Supermarkt in Paris ist das Thema Vorstadtsiedlungen wieder in den Mittelpunkt der politischen Debatten gerückt. Die Bewohner selbst, besonders die Jugend der Vorstädte, in denen zahlreiche Muslime leben, fühlen sich exponierter denn je. Sie haben Angst, mit den Terroristen in einen Sack gesteckt zu werden, leiden unter der Verstärkung der Polizeikontrollen und befürchten eine Banalisierung von Rassismus und Islamfeindlichkeit.

 
Vorstadt-Vereine in Finanznöten

In diesem Kontext kommt der Jugendbetreuung besondere Bedeutung zu. Schulnachhilfe, Vorbeugung gegen die Kriminalität, Kulturangebot, Förderung eines Bürger-Bewusstseins, all das wird in den Vorstädten vor allem von Vereinen getragen. Sie sind auch die wichtigsten Ansprechpartner der Behörden in den Vorstadtsiedlungen, die zunehmend an den Rand der Gesellschaft geraten und in denen sich die sozialen Probleme zuspitzen. Trotz dieser wichtigen sozialen Vermittlerrolle sehen sie sich mit drastischen Subventionskürzungen konfrontiert, die sie manchmal in ihrer Existenz bedrohen.

 

Finanzkrise auf Kommunalebene und Subventionskürzungen

Die Steuereinnahmen auf Kommunalebene sinken wegen der Wachstumsschwäche. Gleichzeitig hat der Staat beschlossen, seinen Beitrag zum Globalen Haushalt der Gebietskörperschaften in den nächsten Jahren um elf Milliarden Euro zu kürzen. Diese Sparentscheidung droht Regionen, Départements und Kommunen in schwere Finanznöte zu stürzen. Ein Senatsbericht vom November 2014 schätzt, dass 45 Prozent der Gemeinden ihre Ausgaben gegenüber 2013 um ein Drittel reduzieren werden. In den Vorstädten macht sich diese rigorose Sparpolitik bereits ganz konkret bemerkbar, durch drastische Kürzungen der Subventionen an die verschiedenen Vereine.

 

Die Vereine kämpfen um ihr Überleben

Die von mehreren Kommunen im Großraum Paris angekündigten Subventionskürzungen von 15 bis 20 Prozent stellen viele Vereine vor die Überlebensfrage. In den vom Front National regierten Kommunen ist die Situation noch drastischer. So hat etwa der FN-Bürgermeister des südfranzösischen Fréjus beschlossen, das Budget für die städtischen Jugendzentren um die Hälfte zu kürzen.

Der Verein "Zonzon 93", der in Villepinte, nördlich von Paris, 200 Jugendliche betreut, steht vor dem Aus. Der Verein, 2008 von der 32-jährigen Laetita Nonone gegründet, bietet eine Hausaufgabenbetreuung an, organisiert Museums- und Theaterbesuche und bemüht sich um die Entwicklung eines Bürgerbewusstseins.

Doch selbst wenn die Mitarbeiter alle unentgeltlich tätig sind, ist das engagierte Projekt nur mit einem Minimum von Subventionen zu finanzieren. Die Stadtverwaltung stellt einen Raum zur Verfügung, schießt ansonsten aber nur 2.500 Euro im Jahr zu. Der übergeordnete Städtebund hat beschlossen, seine Subvention von 10.000 Euro zu streichen.

Laetitia Nonone beklagt den Rückzug der Gebietskörperschaften, der Projekte wie ihres in einem Augenblick gefährdet, in dem die Öffnung der Vorstadtjugend auf die Welt wichtiger denn je erscheint. Mit den von ihnen organisierten Besuchen von Ausstellungen, Museen, Bibliotheken oder Theaterstücken unterstützen die Freiwilligen eine kulturelle Öffnung, die die Schule allein nicht immer tragen kann. 

 

 

Laetitia Nonone : "Éveiller les consciences"

 

Die Öffnung der Vorstadt-Ghettos

Zu den Prioritäten der Vereine in den Vorstädten gehört der Kampf gegen die Entstehung von Ghettos, im räumlichen wie im sozialen Sinn. Die Jugendlichen empfinden diese Tendenz stark. Sie leiden darunter, dass ihnen ständig die Last aufgebürdet wird, die tief verwurzelten gesellschaftlichen Vorurteile gegen die Vorstadt-Jugend zu widerlegen.

 

 

Khadija : "Qu'ils viennent !

 

Viele von ihnen wünschen sich mehr Begegnung mit Jugendlichen aus anderen Milieus. "Sie sollen mal zu uns kommen und sich ansehen, wie wir hier leben, dann würden sie begreifen, dass diese Viertel auch Positives zu bieten haben", sagen manche hier in Villepinte. Die Vereine warnen auch vor wachsender Voreingenommenheit. Zahlreiche Jugendliche berichten, dass sich seit den Attentaten die Polizeikontrollen aufgrund rein äußerlicher Kriterien häufen.

 

Scotty : "Ne pas rester parqués"

 

Um der Gefahr von Unruhen in den Vorstadtvierteln entgegenzutreten, haben die Vereine beschlossen, sich direkt an die Regierung zu wenden. 200 Vertreter solcher Initiativen haben sich im September 2014 in Nantes zu der landesweiten Koordination "Pas sans nous" – "Nicht ohne uns" – zusammengeschlossen, um verstärkt auf politische Entscheidungen einwirken zu können. "Es ist dringend nötig, dass sich der Staat wieder für diese viel zu lange einfach ihrem Schicksal überlassenen Viertel engagiert", heißt es in ihrer Erklärung.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016