SOS Méditerranée: Das "Bürger-Boot"

Länder: Italien

Tags: Flüchtlinge, Bürger-Boot, Aquarius

Im Jahr 2015 stiegen 115 000 Migranten an der Küste Libyens in Schlauchboote in Richtung Europa: 3800 von ihnen ertranken auf der Überfahrt.

Sos Méditerranée
Die Irrfahrt der Flüchtlinge der "Aquarius" Italiens populistische Regierung will in der Flüchtlingskrise härter durchgreifen und verwehrt einem Rettungsschiff, in einen italienischen Hafen einzulaufen. Die Irrfahrt der Flüchtlinge der

 

 

SOS Méditerranée kommt den Menschen auf der Flucht entgegen. Sie kreuzen mit ihrem "Bürger-Boot", der "Aquarius", von Sizilien aus bis dicht an die libysche Küste, um Schiffbrüchige zu retten – an Bord helfen Freiwillige, auch erfahrene Seeleute, die mindestens für drei Wochen anheuern. SOS Méditerranée ist ein europäischer Verein, der 2015 in Berlin gegründet wurde. Mit Spenden finanzierten er die Boots-Miete und die anfallenden Kosten für Betrieb und Mannschaft.   

Ende August 2016 gelang es der italienischen Marine und den verschiedenen Hilfsorganisationen mit ihren Booten in nur fünf Tagen beinahe 14 000 Menschen in Seenot zu retten. Die ARTE Reporter fuhren an Bord der Aquarius mit, um herauszufinden, wer diese Menschen sind, die dort helfen, in der größten Flüchtlingskrise in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

von Sébastien Mesquida und Yann Le Gléau - ARTE GEIE / What’s Up Productions - Frankreich 2016

 

Die "Identitäre Bewegung" will die Aquarius blockieren

"Defend Europe" nennt sich die Aktion der rechtsextrem-völkischen "Identitären Bewegung"*: Sie wollen die Boote der Hilfsorganisationen im Mittelmeer daran hindern, schiffbrüchige Flüchtlinge zu retten. Sie schreiben: "Mit dieser Kampagne will die Identitäre Bewegung auf den kriminellen Schlepperwahnsinn im Mittelmeer hinweisen. Denn seit Monaten schleppen durch Spenden finanzierte NGOs unter dem Deckmantel humanitärer Rettungsaktionen hunderttausende illegale Migranten nach Europa und schrecken auch nicht davor zurück, dafür mit kriminellen Menschenhändlern zusammen zu arbeiten. Damit sind diese Organisationen auch für das Ertrinken tausender Afrikaner im Mittelmeer verantwortlich, da diese überhaupt erst aufgrund der Erwartung, bereits wenige Kilometer vor der afrikanischen Küste aufgesammelt zu werden, die gefährliche Überfahrt riskieren."

Am 12. Mai 2017 blockierte bei Catania an der Küste Siziliens ein Boot der Identitären symbolisch das Rettungsschiff Aquarius der Hilfsorganisation SOS Méditerranée. Die italienische Küstenwache beendete die Aktion sehr schnell. Aber es gelang den Identitären damit, auf ihre Kampagne aufmerksam zu machen, denn sie wollen Geld sammeln per Crowdfunding, um eigene Boote und Besatzungen zu finanzieren. Zwei Tage nach der ersten Blockade stellten sie ein Video ins Internet, in dem vier Aktivisten aus verschiedenen Ländern ihre Anschauungen erklärten: Sie sagten, sie wollten Europa vor den NGOs und den Menschenhändlern beschützen, die ihrer Ansicht nach die Zukunft unseres Volkes bedrohten. Man müsse diese "Invasion vor unseren Augen" verhindern.

65 000 Euro Spenden

Auf ihrer Homepage werben sie mit dem Slogan: "Die Invasion stoppen – Europa verteidigen", um Spenden für ihre Kampagne zu sammeln. In zwei Wochen sollen dabei 65 000 Euro zusammen gekommen sein, mehr als die ursprünglich anvisierten 50 000 Euro. Über Twitter kündigten sie am 1. Juni an, ihre neuen Aktionen zu starten.

Paypal sperrt das Konto

Diese Kampagne erregte den Zorn vieler Menschenrechtsaktivisten im Internet. Die französische Zeitung Libération berichtete über verschiedene Vorschläge und Aktionen unter anderem gegen das Crowdfunding: juristische Mittel, Anzeige wegen Piraterie und Gefährdung von Menschenleben. Eine Mail-Kampagne, initiiert von der französischen Hilfsorganisation BAAM, erreichte schließlich, dass der Internet Bezahlservice Paypal das Konto der Identitären-Kampagne Defend Europe blockierte.

* Identitäre Bewegung in Deutschland und in Österreich, Génération Identitaire in Frankreich, Generazione Identitaria in Italien, Generation Identity in Großbritannien

Logbuch

Unsere Reporterin Hanna Peters ist in der sizilianischen Stadt Trapani an Bord gegangen und hat die Crew während einer siebentägigen Mission Anfang Juli begleitet. Nun berichtet sie von den Rettungseinsätzen, dem Schicksal der Geretteten und dem Leben auf der Aquarius. 

 

 

 

Zuletzt geändert am 15. August 2017