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Söldner im weißen Kittel

Länder: Frankreich

Tags: Manque de, Medizin, Krankenhaus

Landflucht und unattraktive Gehälter an öffentlichen Kliniken - Ärzte sind vielerorts zur Mangelware geworden. 

 

Die Arztpraxis in Muron, einer 1 300 Einwohner zählenden Gemeinde südlich von La Rochelle, wurde frisch renoviert. Allerdings steht sie leer. Seit fünf Jahren bemüht sich Bürgermeister Hervé de Changy um einen Arzt für seinen Ort. Er veröffentlichte Presseartikel und rief bei der Ärztekammer an, doch der Erfolg blieb aus. Schließlich wandte sich das Gemeindeoberhaupt an Recruitmentfirmen, die auf die Vermittlung von ausländischen Ärzten spezialisiert sind, und beauftragte Medicis Consult mit der Suche nach einem Mediziner. Vier Jahre später hat sich immer noch kein geeigneter Kandidat gefunden, obwohl Muron 7 000 Euro in die Akquise investiert hat.

 

Seit Rumänien und Bulgarien der Europäischen Union beigetreten sind, zwei Länder,  aus denen viele Ärzte abwandern, ist die Zahl der Vermittlungsfirmen sprunghaft angestiegen. Rund vierzig davon gibt es bereits in Frankreich. Sie vermitteln nicht nur ausländische Fachärzte und helfen so, personelle Vakanzen zu überbrücken, sondern schließen auch eine Lücke im Gesundheitssystem, die durch die Landflucht der Ärzte und die unattraktiven Gehälter an öffentlichen Kliniken entstanden ist. Denn auch Krankenhäuser stellen Ärzte als Zeitarbeiter ein, was den „Söldnern“ erhebliche finanzielle Vorteile bringt. Laut einem Parlamentsbericht, der im Dezember 2013 veröffentlicht wurde, bewegt sich das Tageshonorar von zeitlich befristet arbeitenden Klinikärzten zwischen 600 und 800 Euro netto. Ihre festangestellten Kollegen kommen nur auf 260 Euro. Geschätzte Mehrkosten pro Jahr: 500 Millionen Euro.

 

„Bessere Verdienstmöglichkeiten“

 

„Öffentliche Kliniken haben immer häufiger Probleme damit, vakante Facharztstellen zu besetzen, vor allem bei beschwerlichen Tätigkeiten“, berichtet einer der Berichterstatter der Nachrichtenagentur AFP gegenüber. Olivier Véran ist Neurologe und sozialistischer Abgeordneter im Wahlkreis Isère. Chronischer Ärztemangel herrscht vor allem in den Fachrichtungen Anästhesiologie, Notfallmedizin, Radiologie, Gynäkologie und Geburtshilfe sowie in der Kinder- und Jugendmedizin, schreibt das Wirtschaftsmagazin l’Expansion. Die Klinikleitung ist an strenge Vorgaben gebunden und kann die Gehälter der festangestellten Ärzte nicht beliebig erhöhen oder zusätzliche Stellen schaffen. Manche kleineren Einrichtungen arbeiten daher heute ausschließlich mit Leihärzten. Die Situation wird noch dadurch verkompliziert, dass die fachliche Eignung nicht immer garantiert werden kann, da die Überprüfung der ausländischen Qualifikationsnachweise bisweilen problematisch ist. „Wir haben keine andere Wahl, wir müssen den Betrieb am Laufen halten“, erläutert Nicolas Longeaux gegenüber AFP. Longeaux ist Vorsitzender des Ärzteausschusses der Klinik im südfranzösischen Saint-Gaudens. Zur Unterstützung seines einzigen festangestellten Radiologen nimmt er die Dienste mehrerer Leihärzte in Anspruch.

 

Die Zahl der Ärzte, die je nach Nachfrage von einer Klinik zur nächsten wechseln, wird auf ca. 6 000 geschätzt. Auch wenn es im Bericht heißt, es gebe kein typisches Profil, werden nähere Angaben zu den Beweggründen der Mediziner gemacht und einige Zahlen genannt: 20 % seien junge Ärzte, die sich nicht sofort festlegen wollten, 25 % seien Mütter, die nur in Teilzeit arbeiten wollten, weitere 25 % seien ältere Ärzte im Ruhestand, und 30 % arbeiteten grundsätzlich als Leihärzte, um „für weniger Arbeit das gleiche Geld zu bekommen oder aber sehr viel mehr zu verdienen“.

 

Um dieser Fehlentwicklung entgegenzusteuern, erklärte die französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine im April 2014 in der Huffington Post, sie wolle mit ihrem „Gesundheitsgesetz“ die Vergütung der Honorarärzte begrenzen: „Der Einsatz von Leihärzten, die sich manchmal wie echte Söldner verhalten, verursacht horrende Kosten. Dagegen müssen wir angehen. Wir wollen beispielsweise die Vergütung für befristet beschäftigte Honorarärzte deckeln.“

 

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Zuletzt geändert am 17. Januar 2017