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So könnte man die Flüchtlingskrise lösen

Länder: Monde

Tags: Europäische Union, Einwanderung

Anlässlich des europäischen Flüchtlingsgipfels suchen Emmanuel Macron und Angela Merkel nach Lösungen für die derzeitige politische Krise, in der die EU steckt. Soviel ist gewiss: Mit der Finanzierung von Lagern in Libyen und der Türkei ist es nicht getan. Was ebenfalls gewiss ist: Ankommenden Migranten bieten sich nicht viele Chancen und auch kein sehr herzlicher Empfang.

Hier sind einige lokale oder internationale Initiativen, um unsere Mitbürger (jenseits der moralischen und ethischen Pflicht, Migranten willkommen zu heißen) zu überzeugen, dass sich ein wenig Hilfeleistung lohnt.

 

1. Den Migranten danken, dass sie unsere leeren Landstriche wieder bevölkern

Willkommen im italienischen Camini. In Kalabrien haben Senegalesen Arbeit gefunden: Im Dorf Camini, das von der italienischen Bevölkerung verlassen wurde, waren Migranten sehr hilfreich bei der Renovierung von verfallenen Häusern, der Erhaltung einer Schule und ganz allgemein bei der Lebensrettung dieser Gemeinde. Heute lernen sie Italienisch, nehmen an Dorfbällen teil und freunden sich mit den Einheimischen an. 

Aus Frankreich berichten wir über eine ganz ähnliche Geschichte in dieser ARTE-Reportage, wo in dem Dorf Saint-Martory in der Umgebung von Toulouse, einer Gemeinde mit tausend Einwohnern mitten in einem leeren Landstrich, circa fünfzig Migranten aus Somalia, Pakistan oder Albanien aufgenommen wurden. 

Diesseits des Rheins verhält es sich genauso. Wie es der Deutsche Robert Kunzig in einer Reportage für National Geographic erzählt, gehören Geflüchtete mittlerweile zum Stadtbild der kleinen Gemeinde Rotenburg an der Fulda. Sie belegen eine Kaserne, dreistöckige Militärbaracken. Jedes der einst von Soldaten bewohnten Zimmer wird heute von Familien  bewohnt, die größtenteils aus dem Irak stammen. Zusätzlich zu Kost und Logis erhalten die Geflüchteten eine monatliche Vergütung von 112€ pro Erwachsenem und 63€ pro Kind. Damit beteiligen sie sich am Stadtleben und gelten bei den Geschäftsleuten als "wirtschaftliches Plus". 

Das Gleiche gilt für die unbenutzten Räume in den Städten...

In den Niederlanden sind es die Gefängnisse. Sie leeren sich, da die Verbrechensrate sinkt. Die Regierung verwendet die unbenutzten Zellen für Migranten. Schließlich handelt es sich um ein Obdach wie jedes andere auch! 

So wurden über 600 Migranten im Amsterdamer Gefängnis "De Bijlmerbajes" aufgenommen. Die Gleichung ist einfach: Betten + warme Mahlzeiten + Dach, bis die Aufenthaltsgenehmigungen ausgestellt worden sind und die Migranten arbeiten und ihrem Leben nachgehen können. Der Fotograf Muhammed Muheisen ist regelmäßig hingegangen, um sich ein Bild zu machen. 

In Hamburg hat die Verwaltung, in Ermangelung einer besseren Lösung, Menschen in pleitegegangenen Baumärkten untergebracht oder in stapelbaren Wohnmodulen aus Seefracht-Containern. 

 

2. Ein Patenschaftsystem Einheimische/Geflüchtete schaffen

Manche Länder gestatten Gruppen, sich zu organisieren und Geld zu sammeln, um Flüchtlinge in ihr Land zu holen und ihnen beim Niederlassen behilflich zu sein. So konnten seit den 1970er Jahren nahezu 300.000 Migranten auf diese Weise nach Kanada ziehen. Andere Länder, wie das Vereinigte Königreich, Irland und Australien treffen Vorbereitungen, um diese Art von Patenschaft zu ermöglichen.

In Deutschland stellen einige Verbände Kontakte zwischen Vormunden und Heimen für isolierte Jugendliche her. So erzählt der National Geographic die Geschichte von Olaf Knauft (51 Jahre), einem Vater, der sich nach dem Auszug seiner zwei Söhne vereinsamt fühlte. Nachdem er sich einverstanden erklärt hatte, mit einem Fremden zu leben, nahm er den achtzehnjährigen Eritreer Desbele bei sich auf und kam gut mit ihm aus. Einige Wochen später zog auch dessen sechzehnjähriger Bruder zu ihnen. Es sind ganz gewöhnliche Teenager. Obwohl er sie manchmal daran erinnern muss, das Licht auszuschalten, den Abwasch zu machen und, dass er das Sagen im Haus hat, bereut Knauft nichts.

 

3. Bedarf und Möglichkeiten zusammenführen 

Die Migranten, die es nach Europa schaffen, sind weder die ärmsten, noch die unbegabtesten Bewohner ihres Heimatlandes. Wenn sie es so weit gebracht haben, dann liegt es daran, dass es ihnen nicht an den notwendigen Mitteln mangelte und dass sie sogar manchmal mit universellen Fähigkeiten ausgestattet sind.

Fehlt es in Ihrer Gegend an Ärzten oder Elektrikern? Viele Regierungen verteilen die Migranten wie Nummern, doch wenn man berücksichtigt, WER sie sind und welche Berufe sie ausüben, dann könnte es den besagten Gegenden helfen. In Schweden zum Beispiel wird bei der Aufteilung der Flüchtlinge unter anderem ihre Bildung und ihre berufliche Erfahrung berücksichtigt. 

 

4. Und wenn wir ein Land ganz für sie schüfen?

Manche AnalytikerInnen möchten sich am Beispiel von Hong Kong orientieren, um aus der Krise zu gelangen.
Denn Hong Kong war anfänglich eine von Briten verwaltete und von Flüchtlingen aus dem maoistischen China bevölkerte Stadt. 

Gewiss, das war eine andere Zeit und heute vermischen sich die Migrantenbevölkerungen nicht immer auf die harmonischste Weise. Doch wenn es den Engländern gelungen ist, ein sicheres Heim für Tausende von Geflüchteten zu schaffen, warum sollte es dann nicht der gesamten entwickelten Welt möglich sein, allen Flüchtlingen den Schutz eines neu geschaffenen Rechtstaats zu gewähren?

Dazu könnte das Gebiet von einem Staat gemietet werden, so wie Hong Kong hundert Jahre lang von China gemietet wurde. Das ist möglich, wenn ein Philanthrop die Kosten für die Miete übernimmt. Oder wenn die Nachbarstaaten, oder die Europäische Union zusammenlegen, um diese Lösung zu finanzieren. 

So hat der reiche ägyptische Geschäftsmann Naguib Sawiris angeboten, eine italienische oder eine griechische Insel zu kaufen, um die Geflüchteten dort anzusiedeln. Er hat 23 unbewohnte Inseln identifiziert, die diesem Zweck dienen könnten, aber die griechische Regierung hat bisher nicht zugesagt. 

Eine Einschränkung gibt es dennoch: Projekte dieser Art können nur gelingen, wenn sie auf einem Gebiet verwirklicht werden, dass von keinem beansprucht wird und die gleiche Unabhängigkeit gegenüber fremden Einwirkungen aufweist, wie seinerzeit Hong Kong.

Dazu kommt, dass die Schaffung eines Staates für die Migranten dem Gedanken des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit zwischen den Völkern, trotz aller Unterschiede, eine Abfuhr erteilt. 

Zuletzt geändert am 27. Juni 2018