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So könnte die EU die Flüchtlingskrise meistern

Länder: Europäische Union

Tags: Flüchtlinge, EU

"Integration ist ein Wettlauf mit der Zeit." Das ist eine der Erkenntnisse, die die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einem Bericht festhält, den sie Anfang Januar dem UN-Flüchtlingskommissar (UNHCR) vorgelegt hat. Er enthält ein Zehn-Punkte-Programm für eine bessere Integration der Flüchtlinge. Arbeit, Wohnung, Bildung, Gesundheit: Zahlreiche lokale Initiativen in Europa haben die vorgeschlagenen Maßnahmen bereits erprobt.

Heidelberg: Vorreiter in der Asylbearbeitung?

Die Integration der Flüchtlinge beschleunigen

Die OECD unterstreicht die Notwendigkeit, die Asylverfahren zu beschleunigen: "Je früher die Migranten Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen, desto besser sind die Aussichten auf eine langfristig gelungene Integration und desto weniger kosten sie den aufnehmenden Staat." Eine Auswertung der Bearbeitungszeit von Asylanträgen ergibt, dass die skandinavischen Länder dabei am schnellsten sind. Andere Länder, darunter Deutschland, bemühen sich aktuell, das Verfahren zu beschleunigen.

 

Berlin: Suche Flüchtling als Mitbewohner

Alle Beteiligten einbeziehen

Die staatlichen Behörden sind nicht die einzigen Akteure beim Empfang der Migranten. Der Bericht unterstreicht die Mitverantwortung der Bürger und der lokalen Entscheidungsträger. Die schockierenden Bilder des ertrunkenen Aylan haben zur Gründung zahlreicher Initiativen von Bürgern und Vereinen geführt, die sich solidarisch zeigen, indem sie Flüchtlingen eine Unterkunft bieten oder ihnen bei Behördengängen zur Seite stehen. 

Obwohl es nur Tropfen auf den heißen Stein sind, haben diese Initiativen doch einer beträchtlichen Zahl von Flüchtlingen Türen zur Gesellschaft des Aufnahmelandes geöffnet. Die OECD erwähnt besonders erfolgreiche Initiativen in Norwegen und den Niederlanden. ARTE Journal hatte im Januar von drei Berlinern berichtet, die ein Netzwerk zur Unterbringung von Flüchtlingen bei Privatpersonen aufbauen. Laut ihrer Website sind so seit November 2014 bereits 271 solcher "Wohngemeinschaften" entstanden. Die Initiative arbeitet inzwischen in zehn Ländern. Frankreich gehört noch nicht dazu, doch entwickelt dort der Verein "Singa" eine ähnliche Initiative, die sich am Modell AirBnB inspiriert.

 

Schweden: Besser integriert geht nicht

Sprachunterricht als erster Schritt

"Der Sprachunterricht muss sofort beginnen, um den Migranten einen raschen Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen", lautet eine weitere Empfehlung der OECD. Deutschland hat im November 2015 Kurse für als vordringlich eingestufte Asylbewerber eingerichtet: 600 Stunden Sprachunterricht und 60 Stunden Staatsbürgerschaftskunde. Belgien bietet über den Sprachunterricht hinaus auch Informatikkurse an. Schweden hat, wie andere skandinavische Länder, mehrjährige Programme entwickelt, die, vom Bildungsstand des Einzelnen ausgehend, Sprachunterricht, Staatsbürgerschaftskunde und Berufsausbildung kombinieren. Zusätzliche Besonderheit: Schwänzen wird mit finanziellen Abstrichen bestraft. 

 

Italien: Die seelischen Narben der Flüchtlinge heilen

Die unsichtbaren Wunden heilen

Um die körperliche Gesundheit kümmern sich die Aufnahmeländer im Allgemeinen zureichend. Die OECD hebt aber hervor, dass es auch notwendig ist, die schwerer auszumachenden seelischen Schäden zu behandeln. Mehr als eine Million Menschen sind im Vorjahr über das Mittelmeer in die EU gekommen. Viele von ihnen haben auf ihrer Flucht Traumatisches erlebt. Italien, durch die massive Ankunft von Flüchtlingen auf Lampedusa unter oft dramatischen Umständen besonders betroffen, hat zusammen mit dem Verein "Ärzte für die Menschenrechte" ein Pilotprojekt zur psychischen Versorgung von Flüchtlingen gestartet. 

 

Berlin: Jung, alleine und auf der Flucht 

Allein reisende Minderjährige betreuen

Flüchtlinge werden oft als abstrakte und globale Einheit betrachtet, ungeachtet der großen Unterschiede in Herkunft, Bildungsstand und bisheriger Lebenserfahrung. Die OECD unterstreicht die Notwendigkeit, das Hilfsangebot den individuellen Bedürfnissen anzupassen und den besonders Verwundbaren vermehrt zu helfen. Zu ihnen zählen alleinstehende Minderjährige, deren Zahl seit einigen Jahren in Europa stetig steigt. Die meisten von ihnen fliehen vor dem Krieg in Syrien und vor Zwangsheiraten in den Notlagern im Libanon. Laut OECD bleibt für sie die Schule das beste Integrationsangebot. In Italien und in Deutschland entwickeln mehrere Städte Schulprogramme, in deren Rahmen Tutoren diesen Kindern helfen, sich in Regelklassen zu integrieren

 

Frankfurt an der Oder: Flüchtlinge als Chance

Die Unterbringung auf die Arbeitsmöglichkeiten abstimmen

Die OECD zeichnet - nach der Aufnahme- und der Ausbildungsphase - eine dritte Achse vor: Die Flüchtlinge sollten demnach "in Regionen mit dynamischem Arbeitsmarkt untergebracht werden, nicht einfach dort, wo Unterkünfte am verfügbarsten sind." Tatsächlich versuchen viele Länder, darunter auch Frankreich und Deutschland, die Flüchtlinge in eher entlegenen ländlichen Gebieten zu integrieren. Die dortige Arbeitsmarktlage und die beruflichen Kompetenzen der Migranten werden dabei nicht berücksichtigt. Estland, Dänemark, Finnland, Portugal und Schweden werden in dem Bericht als die wenigen OECD-Länder genannt, die diese beiden Faktoren zu Kriterien bei der Verteilung der Aufgenommenen machen.

 

Stuttgart: Ein Praktikum für Asylsuchende

Den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern

Der Bericht stellt weiter fest: "Wenn die gesetzlichen Hürden zu hoch sind, drängt das zahlreiche Flüchtlinge zur Schwarzarbeit, was die Integrationschancen wesentlich schmälert." 

In Frankreich dürfen Asylbewerber erst neun Monate nach der Antragstellung legal arbeiten, in Portugal bereits nach einem Monat, in Deutschland nach rund drei Monaten. Das Fehlen von einheitlichen europaweiten Regeln ist ein Hemmnis für eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge und erklärt, warum diese massiv in bestimmte Länder drängen.  

Um dieses Ungleichgewicht abzufedern, hat die EU-Kommission am Mittwoch angekündigt, dass sie den Ländern, die in der Flüchtlingskrise an vorderster Front stehen, 700 Millionen Euro zur Verfügung stellen will. Ihr erklärtes Ziel: Die Idee stärken, "dass Europa diese Zuwanderer für seine eigene Entwicklung braucht."

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016