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So hat die Flüchtlingskrise die deutsche Gesellschaft verändert

Länder: Deutschland

Tags: Flüchtlinge, Angela Merkel

Vor einem Jahr sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel "Wir schaffen das". Als sie am 4. September 2015 den Weg für eine unbürokratische Aufnahme von 2.000 Flüchtlingen aus Ungarn ebnete, brach sie in Deutschland eine Welle der Solidarität los. Über eine Million Flüchtlinge kamen 2015 ins Land. An Silvester dann wurden Frauen in Köln angegriffen. Die öffentliche Meinung drohte zu kippen. Nach den Anschlägen von Würzburg und Ansbach im Juli 2016 steht Christdemokratin Merkel heute noch zu den Worten "Wir schaffen das". Sie will die Bürger weiter davon überzeugen, dass ihr Land für die Werte Humanität, Liberalität und Demokratie steht. Wie hat die Flüchtlingsaufnahme Deutschland ein Jahr nach Merkels Ausspruch die deutsche Gesellschaft verändert? Darüber hat ARTE Info mit Dr. Ludger Pries, Migrationsforscher an der Universität von Bochum, gesprochen.    

ARTE Info: Wie hat sich die deutsche Gesellschaft im letzten Jahr gewandelt? 

Heute verschließen viele die Augen vor den Problemen, die vor Europa und der Welt liegen.

Dr. Ludger Pries

Dr. Ludger Pries: Zuerst hat sich die deutsche Gesellschaft von ihrer sehr guten Seite gezeigt, die Flüchtlinge mehr oder weniger mit offenen Armen aufgenommen. Später kam die Ernüchterung und auch die Erkenntnis der damit verbundenen Probleme und den Herausforderungen für Integration. Heute verschließen viele die Augen vor den Problemen, die vor Europa und der Welt liegen, nämlich den Flüchtlingsschutz effizient und den rechtlichen Bestimmungen entsprechend zu organisieren. 

Der Hauptfokus liegt heute eher darauf, was die Rechten sagen und wie sie versuchen, aus dem Thema "Flüchtlinge" politisches Kapital zu schlagen. Von der Orientierung auf das Schicksal der Flüchtlinge und der Verpflichtung ihnen zu helfen, sind wir abgedriftet. 

 

Die Eckdaten der Flüchtlingskrise in Deutschland: 
Ende August und Anfang September 2015 wurden wichtige Wegmarken in der deutschen Flüchtlingspolitik gesetzt. Hunderttausende Menschen kamen seither in der Hoffnung auf ein sicheres und besseres Leben nach Deutschland. Ein Überblick über die wichtigsten Ereignisse.

Quelle: dpa

 

 

Hat sich die deutsche Gesellschaft im vergangenen Jahr auch geöffnet? 

Dr. Ludger Pries: Ja, das muss man auf jeden Fall so sehen. Wenn wir uns anschauen, wie viele zivilgesellschaftliche Initiativen im vergangenen Jahr entstanden sind, wie viele organisatorische Netzwerke heute bestehen, wie viele Menschen auch weiterhin in der Flüchtlingshilfe tätig sind, kann man das auf jeden Fall sagen. Auch in anderen europäischen Ländern findet man diese zivilgesellschaftlichen Strukturen wieder, in Spanien, Italien, Griechenland zum Beispiel. Was meines Erachtens fehlt, ist eine europaweite Diskussion und Verantwortungsübernahme im Sinne eines gemeinsamen Flüchtlingsschutzes.  

 

Hat die Flüchtlingsdebatte die deutsche Gesellschaft nicht auch gespalten? 

Dr. Ludger Pries: Es haben sich vor allem Positionen und Haltungen, die vorher schon latent vorhanden waren, im letzten Jahr deutlicher gezeigt. Es gab immer 10 bis 30 Prozent der Bevölkerung, die der Frage von Öffnung und Interkulturalität, von Einwanderung und Flüchtlingsaufnahme eher skeptisch gegenüberstanden. Das ist nicht neu. Interessanterweise konzentrieren sich diese Menschen, die sich abschotten wollen gerade in den Regionen, wo der Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte relativ niedrig ist. Interessant ist auch, dass die, die der Flüchtlingsaufnahme skeptisch gegenüberstehen, aus allen sozialen Schichten stammen, von den Ärmeren und denen, die weniger Bildungsabschlüsse haben, bis hin zu den Intellektuellen. 

 

Wie wird die Debatte Deutschland weiter prägen? 

Historisch gesehen tragen wir eine Verantwortung.

Dr. Ludger Pries

Dr. Ludger Pries: Das lässt sich im Moment noch nicht absehen. Ich kann nur hoffen, dass wir nicht von der relativ  großen Offenheit und Euphorie des letzten Herbstes in eine Lethargie und Abschottung geraten, die letztlich zum Ausdruck bringen würde, dass wir unsere Augen vor globalen Problemen wieder schließen, anstatt uns an ihrer Lösung zu beteiligen. 

Die Tendenzen in diese Richtung gibt es sicherlich. Es ist immer einfacher, voller Stereotypen zuerst einmal nur vor der eigenen Haustüre zu kehren. Wir müssen aber eines deutlich machen: Deutschland hat in den letzten 20 Jahren von der Globalisierung profitiert. Dabei haben wir uns als Land den Herausforderungen, die mit internationale Krisen verbunden sind und für die wir teilweise auch mit verantwortlich sind, zu wenig gestellt. 

In Deutschland hatten nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 40 Millionen Menschen (die deutsche Bevölkerung zählte damals 67 Millionen Menschen) selbst Erfahrungen mit erzwungener Migration. Das heißt, in unserem Land ist eigentlich die Erfahrung eingebrannt, die viele Menschen aus Syrien und aus anderen Länder gerade machen. Das muss man sich vor Augen führen und deutlich machen, dass wir auch historisch gesehen eine Verantwortung tragen.
 

Zuletzt geändert am 1. September 2016