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Schweiz – Früherkennung von Dschihadisten in der Schule

Länder: Schweiz

Tags: Dschihadismus, Schule, Radikale Islamisten

Im schweizerischen Winterthur sollen Lehrer lernen, Radikalisierungstendenzen bei Schülern rechtzeitig zu erkennen. Doch nicht alle heißen die neuen Maßnahmen gut.   

In diesem Schuljahr bekommen die Lehrer von Winterthur eine neue Aufgabe: In der schweizerischen Stadt, fünfundzwanzig Kilometer östlich von Zürich, soll das Schulpersonal lernen, Radikalisierungstendenzen bei Schülern früh zu erkennen. Der Tageszeitung 24 Heures zufolge reagiert man mit der im August angekündigten Initiative auf die Sorgen der Bevölkerung, nachdem in den letzten Monaten mindestens fünf Jugendliche die Stadt verlassen hatten, um für den IS in den Heiligen Krieg zu ziehen.

 

Die Lehrer werden von Experten beraten und lernen, bestimmte Verhaltensweisen der Schüler richtig zu interpretieren. Trägt ein Mädchen plötzlich Kopftuch oder weigert sich ein Junge, eine Klassenkameradin mit Handschlag zu begrüßen, kann das den schweizerischen Behörden zufolge auf eine beginnende Radikalisierung hindeuten. Die neuen Maßnahmen werden auch in der Nachbarstadt angewandt, wo im Oktober eine Broschüre mit einer Liste verdächtiger Anzeichen an die Lehrerkollegien verteilt wird. Bei einer jährlichen Weiterbildungsveranstaltung werden außerdem angemessene Verhaltensweisen erklärt.

 

24 Heures zitiert den Terrorismusexperten Jean-Paul Rouiller, der die Initiative gutheißt. „Radikale Gruppen wie der IS suchen immer jüngere Rekruten“, erklärte er der Tageszeitung. „Schulen, Ausbildungsstätten und sogar der Arbeitsplatz sind Orte, an denen sich die Jugendlichen radikalisieren können. Es scheint mir daher absolut sinnvoll, den Lehrern, Dozenten und Erziehern die nötigen Werkzeuge an die Hand zu geben, um ein solches Abdriften rechtzeitig zu erkennen.“

 

Ein „etwas seltsames Vorgehen“

 

Andere Beobachter zeigen sich skeptischer. Die welsche Lehrergewerkschaft (Syndicat des enseignants romands (SER)) findet das Vorgehen „ein bisschen seltsam“: Ihrem Präsident Georges Pasquier zufolge sind Lehrer schon heute wachsamer als zuvor, denn die Schule habe unter anderem die Aufgabe, die Sozialisierungsfähigkeit der Schüler zu fördern.

 

„Verhält sich ein Schüler irgendwie sonderbar, versuchen wir mithilfe von Eltern und Experten, die Ursachen herauszufinden und das Problem zu lösen“, erklärte er gegenüber 24 Heures. „Ein spezielles Programm scheint mir jedoch unangebracht, zumal meines Wissens nach an keiner Schweizer Schule systematische Radikalisierungsprobleme auftreten.“ 

 

Bilal Ramadan, Mitglied des Büros des Lehrerkollegiums der Oberschulen in Genf (Union du corps enseignant secondaire genevois (UCESG), teilt diese Sichtweise und sagte der Zeitung: „Die Schule muss natürlich wachsam bleiben; eine solche Maßnahme muss sich aber in ein gut koordiniertes, sektorenübergreifendes System einfügen“, argumentiert er. „Wir haben gesehen, dass die Radikalisierung der Jugendlichen nicht im Pausenhof stattfindet.“ 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016