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Schutz für Christen in Jordanien

Länder: Jordanien

Tags: Chrétiens, Orient

Die Christen in Jordanien spielen eine wichtige Rolle für die Wirtschaft, sind voll in die Gesellschaft integriert, politisch überrepräsentiert und genießen einen im Nahen Osten einzigartigen Status. Ihr wichtigster Beschützer ist kein Geringerer als König Abdallah II.

 

 

Wenn von der Lage der Christen im Orient die Rede ist, erinnert die Wortwahl an eine Apokalypse. Doch im kleinen Königreich Jordanien, das an Syrien, den Irak und Saudi Arabien grenzt, wird der Schutz und die freie Entfaltung der dort lebenden Christen großgeschrieben. "Jordanien ist ohne Zweifel das Land, in dem sich die Christen am wohlsten fühlen", erklärt die am Collège de France tätige Forscherin und Jordanien-Expertin Hana Jaber gegenüber ARTE Info. "Sie sind gut integriert und werden vom Regime keinesfalls diskriminiert. Wenn überhaupt von Diskriminierung die Rede sein könnte, dann im positiven Sinne." Und das hat seine Gründe, denn obwohl die Christen nur drei Prozent der Bevölkerung stellen, sind ihnen sechs Prozent der Sitze im Unterhaus vorbehalten und König Abdallah II. hat 2010 zehn Prozent christliche Senatoren in den Senat berufen. Dazu kommt die ständige Präsenz christlicher Minister in den Landesregierungen. Mitte der 2000er Jahre hatte der Christ Marwan Muasher sogar die wichtigen Posten des Außen- und anschließend des Vize-Premierministers inne. 

Antoine Fleyfel von der Organisation Œuvre d‘Orient erläutert gegenüber ARTE Info die Hintergründe dieser großen politischen Bedeutung: "Das Bündnis zwischen den jordanischen Christen und dem Königreich geht auf die Gründungszeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. Übrigens kann es angesichts des Erzfeinds des Regimes, in diesem Fall der Muslimbrüder, nur im Interesse des Königs sein, die Christen möglichst an der Macht teilhaben zu lassen."

 

 

 

Königreich der glücklichen Christen?

 

Die Zukunft der jordanischen Christen hängt von der Zukunft des Islamischen Staats ab.

Antoine Fleyfel

Die Präsenz der jordanischen Christen ist nicht nur auf die Politik beschränkt. "Zwischen 25 und 33 % der Wirtschaft sind in ihrer Hand", versichert  Antoine Fleyfel und Hana Jaber fügt hinzu: "In manchen Bereichen wie zum Beispiel Luxusrestaurants haben sie eine Monopolstellung." Die trotz ihrer geringen Zahl mächtigen Christen Jordaniens bezeichnen sich gerne als "'qualitative Minderheit", wie der jordanische Erzbischof Maroun Lahham es ausdrückt. Trotzdem haben sie im Alltag gewisse Schwierigkeiten, so darf ein Christ keine Muslimin heiraten, ohne zum Islam zu konvertieren, der Übertritt vom Islam zum Christentum ist hingegen verboten und es gibt keinen christlichen Religionsunterricht an den staatlichen Schulen. "Während des Religionsunterrichts verlassen die Christen die Schule und spielen Fußball", bedauert Maroun Lahham.

Antoine Fleyfel fragt sich, ob Jordanien trotz alledem "das Königreich der glücklichen Christen" ist. Hana Jaber beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja: "Ich habe jahrelang in Jordanien gelebt, in einem Haus, zwischen einer Missionsschule und einer Moschee. Und all diese Leute haben sich untereinander gut verstanden. Ich habe niemals Verfolgung erlebt." Antoine Fleyfel hingegen ist beunruhigt über die Nähe der Organisation Islamischer Staat sowie den Zustrom von Flüchtlingen und äußert sich differenzierter: "Wir können es nicht wissen, alles hängt in der Luft. Die Zukunft dieser Christen hängt von der Zukunft des Islamischen Staats ab."

 

"Eine unteilbare Gesellschaft"

Angesichts einer ungewissen Zukunft, die trotz allem vielversprechender aussieht als in den Nachbarländern, wissen die jordanischen Christen, dass sie sich auf die Unterstützung von Abdallah II. verlassen können. Bei einem Besuch im Europäischen Parlament im März 2015 hielt der König von Jordanien eine von den Europaabgeordneten frenetisch applaudierte Rede, in der er die Angriffe gegen Christen im Nahen Osten als "Angriff auf die ganze Menschheit" bezeichnete und versicherte, dass "die arabischen Christen Bestandteil der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft" der Region seien. Abdallah II. sprach auch über seine Sicht auf sein Land, das er als "unteilbare Gesellschaft" bezeichnete: "Jordanien ist ein islamisches Land, das durch eine tief verwurzelte christliche Gesellschaft bereichert wird." Diese Worte haben im Parlament tiefen Eindruck hinterlassen und von der besonderen Stellung dieser Christen gezeugt.

 

Englische Rede von König Abdallah II vor den Europaabgeordneten am 10. März 2015 in Straßburg. 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016