„Schau Schau“: das Web in Algerien

Länder: Algerien

Tags: Internet, Presseschau

Das politische System in Algerien wird seit fünfzehn Jahren von Abdelaziz Bouteflika dominiert, unabhängige Medien haben einen schweren Stand. Allerdings formiert sich im Internet mindestens ein Ventil, wenn nicht gar eine neue Stimme im politischen Diskurs. Dazu gehört das Videoportal "Chouf Chouf", wir haben uns mit Mitbegründer Karim Amellal unterhalten.

 

Die Videoplattform „Chouf Chouf“ (arabisch für „Schau, schau“) versammelt die Perlen des algerischen Internets. Dort posten algerische User markante, schockierende und witzige Videos, zwischen Zynismus und Politik. Der Grundton der Seite ist liberal, abgesehen von einigen netzüblichen Beschimpfungen. Allerdings werden die Kommentare moderiert, Informationen darin verifiziert. Karim Amellal, Schriftsteller und Akademiker hat die Seite mitgegründet, inzwischen erreicht „Chouf Chouf“ über 400.000 Besucher monatlich und kommt auf 100.000 Facebook-Fans.

 

Sein Antrieb ist „die Verteidigung bestimmter Werte: Freiheit, Fortschritt, Demokratie und Gleichheit. Diese Werte wollen wir mit unseren bescheidenen Mitteln fördern. Politisch verstehen wir uns als Republikaner, Demokraten und wir befürworten die Trennung von Staat und Kirche. Das passt nicht zusammen mit einer vierten Amtszeit für den Präsidenten, auch wenn er seine Verdienste hat, die ich anerkenne.“ Damit wendet sich Amellal gegen den Präsidenten Bouteflika, der schon in den Siebziger Jahren die algerische Befreiungsfront (FLN) anführte. „Viele Videos haben eine starke politische Dimension, besonders seit Beginn des Wahlkampfs. Aber es gibt auch eine große Bandbreite von Videos, die kulturelle, künstlerische oder humoristische Aspekte abbilden. Es werden darin aber auch Missstände angeprangert. Zum Beispiel der Zerfall der Universitäten der katastrophale Zustand bestimmter Krankenhäuser. Wir versuchen aktuell zu sein im Hinblick auf Gesellschaftsthemen: Jugend, Gesundheit. Wir wollen besonders innovative unabhängige künstlerische Initiativen weiterverbreiten.“

 

Die Nachrichtenrubrik ist bei weitem die größte auf „Chouf Chouf“. Dort wird der wahre Bekanntheitsgrad des Schriftstellers und Präsidentschaftskandidaten Yasmina Khadra überprüft, Dokumentationen über „Algeriens Jugend“ (deutsche Version) verbreitet und Nachrichten verbreitet, etwa die über den Aufkauf des französischen Unternehmens Fagor Brandt durch den algerischen Nahrungsmittelproduzenten Cevital.

In einem Land wo 70 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahre alt sind, haben es die jungen Algerier massenweise geschafft, „sich die Mittel anzueignen, um schnell lustige, bissige oder ironische Fotomontagen und Videos zu produzieren“, meint Kamel Amellal. „Der Präsidentschaftswahlkampf war da eine unendliche Inspirationsquelle. Besonders die Gegner Bouteflikas, der zum vierten Mal antritt, haben sich hier sehr hervorgetan. Im Web hat sich eine Wahlkampagne der etwas anderen Art entwickelt.“ Für die Antwort auf den sehr schlechten Wahlwerbespot Bouteflikas, der ernsthaft an Berlusconis Meno male che Silvio ché erinnert, hat sich die algerischen Internetgemeinde vom belgischen Pop inspirieren lassen:

 

Hier das Original "Notre serment pour l'Algérie" (« Unser Eid auf Algerien »):

Und die Parodie "Boutefoutai", frei nach Stromae:

 

Ein riesiges Netzwerk an Nutzern, "bewaffnet" mit Handykameras, schnelle Reaktionen und virales Potential sind die Erfolgsfaktoren von „Chouf Chouf“. Inzwischen produziert das Portal auch einige Videos, wie dieses Interview mit Lofti Double Kanon, einem bekanntenalgerischen Rapper, der sich gegen die politische Klasse des Landes engagiert.

 

Zum Abschluss noch ein Video von Bouteflika, wie er seinen Wahlzettel in den Müll wirft: 

 

Auf Youtube: 

Der Kanal von Chouf Chouf 

Kanal von Lofti Double Kanon, kritischer Rapper

 

Witzig: 

Trouve Boutef, ein Onlinespiel nach dem suchterzeugenden Schema von 2048, das die Abwesenheit des Präsidentschaftskandidaten persifliert.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016