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Satire - ein verantwortungsvolles Geschäft

Länder: Deutschland

Tags: Klaus Staeck, Charlie Hebdo, Satire

Es waren insgesamt 41 Strafverfahren, die den Weg des politischen Plakatkünstlers Klaus Staeck säumten. Das ist beruhigend, findet er, denn so ist seine Arbeit dem neutralen Blick eines Richters ausgesetzt und nicht einem Angriff mit der Waffe. Doch immer habe er ein bisschen Vorsicht bei religiösen Themen walten lassen - ohne sich einzuschränken. Religiöse und vor allem fanatisch religiöse Menschen seien besonders empfindlich und nähmen besonders schnell übel, meint Staeck. Der Präsident der Berliner Akademie der Künste ist überzeugt: Kritik muss immer möglich sein, selbst wenn man dafür Polizeischutz braucht. Klaus Staeck bezieht Stellung zur Affäre Charlie Hebdo im Gespräch mit Moritz Wulf.

Man druckt nichts in dieser hohen Auflage, wenn man das Gefühl hat, dass die Ausgabe keiner haben will.

Klaus Staeck - 15/01/2015

1. Wichtigkeit der Auflage

 

Die Auflage ist ungeheuer wichtig, weil damit signalisiert wird, dass die Charlie Hebdo Mitarbeiter mit ihrer Art, sich satirisch mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen, nicht die Spezialität von ein paar Exoten ist, sondern es ein breites Bedürfnis danach gibt. Man druckt nichts in dieser hohen Auflage, wenn man das Gefühl hat, dass die Ausgabe keiner haben will.

 

2. Bedarf an Satire

 

Daran glaube ich schon. Wie lange dieses Bedürfnis anhält, ist eine andere Frage. Das sehen die Redakteure bei Charlie Hebdo wohl genauso.  Einer sagte schon, warten wir mal ab, was in vier oder sechs Wochen los ist. Aber natürlich sollte man die große Anteilnahme, die jetzt besteht und das Bedürfnis, sich für die Meinungsfreiheit einzusetzen nutzen.

 

Es bestand die Gefahr, dass Charlie Hebdo mit dieser Auflage zahmer werden könnte. Das ist nicht der Fall.

Klaus Staeck - 15/01/2015

3. Solidarität im Alltag

 

Das ist die eine Million-Euro Frage. Man muss weiter seinem Beruf nachgehen. Es bestand die Gefahr - jedenfalls haben einige das so geäußert - dass Charlie Hebdo mit dieser Auflage zahmer werden könnte. Das ist nicht der Fall, wenn ich mir die neue Ausgabe anschaue. Mohammed mit einer Träne im Auge auf dem Titelblatt bedeutet kein Zurückweichen, kein Einknicken. Das ist der Beleg dafür, dass es bei der frechen Art, die Charlie Hebdo vor anderen Satirezeitschriften schon immer ausgezeichnet hat, bleiben soll. Wir sollten sie dabei unterstützen.

 

4. Alles vergeben – Ehrlichkeit

 

Satire ist doch keine Verbreitung von Häme, oder von blindwütiger Provokation, wie es manchmal unterstellt wird. Satire, wie ich sie verstehe, hat immer etwas mit Verantwortung zu tun. Ich glaube, dass sie wirklich vergeben wollen. Wer hasst, kann in der Regel nie verzeihen.

 

Das Schlimmste, was der Demokratie passieren kann ist, dass sie an Langeweile stirbt.

Klaus Staeck - 15/01/2015

5. Humor als Trauerarbeit

 

Ich sehe im Humor eine Art Trauerarbeit. Trauerarbeit bedeutet Trauer um etwas, aber gleichzeitig ist es ein Hinweis, dass das Leben weiter geht. Die Satire wurde ja nicht ermordet, sondern die Satiriker, so furchtbar das auch ist. Das Bedürfnis nach Humor besteht aber weiterhin. Ich glaube, wir brauchen ihn in diesen Zeiten dringender denn je. Ich habe oft gesagt: „Das Schlimmste, was der Demokratie passieren kann ist, dass sie an Langeweile stirbt.“ Das neue Heft ist der Beweis, dass wir mit Charlie Hebdo weiter rechnen können und mit deren wunderbarer Respektlosigkeit. Jede Autorität könnte einmal von Charlie Hebdo karikiert werden. Für mich bedeutet Satire, die unverschuldet Schwachen gegen den Übermut der Starken zu verteidigen. Das hat Charlie Hebdo immer getan, ohne das Risiko zu scheuen.

 

Wenn die Satire anfängt, sich zu unterwerfen oder den diplomatischen Weg zu gehen, dann ist sie keine mehr.

Klaus Staeck - 15/01/2015

6. Kompromiss und Diplomatie

 

Wenn die Satire anfängt, sich zu unterwerfen oder den diplomatischen Weg zu gehen, dann ist sie keine mehr. Zu ihrem Wesen gehört, dass sie zuspitzt, dass sie verschiedene Eindrücke verstärkt. Damit dient sie der Aufklärung. Satire ohne Verantwortung will ich mir nicht vorstellen. Das wäre infam. Wie beispielsweise die Nazis im Kampfblatt „Der Stürmer“ die Juden diffamiert haben, das waren ausgesprochene Hetzkarikaturen. Da wurden die Vorlagen geliefert, anderen Menschen das Menschsein abzusprechen und sie auszumerzen. Hier verläuft auch die Trennlinie zwischen Satire und Hetze.

 
7. Mohammed Sympathie

 

Die Sympathie mit Mohammed kann ich gut verstehen. Die Behauptung, dass Mohammed nicht dargestellt werden darf, ist aus dem Koran nicht abzuleiten. Dieses absolute Bilderverbot gibt es im Islam so gar nicht. Im Übrigen gibt es im Islam ja viele verschiedene Glaubensrichtungen und Schattierungen.

 

Ich muss zugeben, dass ich bei religiösen Themen immer ein wenig vorsichtiger gewesen bin. Weil ich weiß, dass vor allem die fanatisch religiösen Menschen viel empfindlicher sind, als andere.

Klaus Staeck- 15/01/2015

8. Eigene Arbeit

 

Es ist 41 Mal versucht worden, meine Arbeiten - salopp gesagt - aus dem Verkehr zu ziehen. Aber über die Gerichte, was legitim ist, wenn sich jemand verletzt fühlt. Dann unterwirft man sich einem neutralen Richterspruch und nicht dem Angreifer der Waffe. Ich muss zugeben, dass ich bei religiösen Themen immer ein wenig vorsichtiger gewesen bin. Weil ich weiß, dass vor allem die fanatisch religiösen Menschen viel empfindlicher sind, als andere und sehr schnell Übel nehmen. Das hat bei verschiedenen Themen schon eine Rolle gespielt. Ich habe einmal die „betenden Hände“ von Albrecht Dürer verschraubt, dem Symbol der Gläubigkeit für uns. Das ist als Verunglimpfung angegriffen worden. Gleichzeitig haben aber Pfarrer dieses Motiv bestellt, um es im Religionsunterricht zu besprechen. Das ist unsere Streitkultur. Niemand hat das Recht, wenn er auch noch so scharf karikiert wird, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen und jemanden zu erschießen, weil er anderer Meinung war. Da ist die absolute Grenze. Ob man dieses Prinzip religiösen Fanatikern vermitteln kann, bezweifle ich. Deswegen braucht man gegenüber diesen Gewalttätern gelegentlich auch die Polizei.

 

Es gibt keinen Maßstab, der verbindlich wäre für alles, was Satire darf. Kritik muss an allem möglich sein. Erst recht in einem laizistischen Staat wie Frankreich.

Klaus Staeck - 15/01/2015

9. Verantwortung und Risiko

 

Diesen goldenen Weg kann man nicht abstrakt beschreiben. Diese Entscheidung trifft jeder für sich selbst. So ist die Risikolage auch für jeden etwas anders. So zum Beispiel, wenn jemand auf seine Familie Rücksicht nehmen muss. Leider gibt es auch Leute, die prinzipiell alles übelnehmen und in jeder Karikatur einen tödlichen Angriff vermuten. Aber es gibt keine Richtlinie. Es gibt keinen Maßstab, der verbindlich wäre für alles, was Satire darf. Kritik muss an allem möglich sein. Erst recht in einem laizistischen Staat wie Frankreich. Da darf man auch religiöse Themen karikieren. Auch den Papst. Charlie Hebdo hat keineswegs nur Muslime zum Gegenstand der Karikatur gemacht. Ich kenne auch Politiker, die fast beleidigt sind, wenn sie nie karikiert werden. Karikiert zu werden ist ja auch ein Zeichen der Wertschätzung. Es gibt Leute, die haben eine ganze Sammlung von Karikaturen über sich selbst und sind stolz darauf.

 
10. Geldmacherei mit internationaler Auflage

 

Dieses Argument kann man am leichtesten zurückweisen. Charlie Hebdo war schon vor diesen schrecklichen Ereignissen so gut wie pleite. Ihre Spendenaufrufe waren nicht unbedingt erfolgreich. Ich wünsche und gönne es ihnen, dass sie jetzt ein kleines Polster anlegen können, das ihnen etwas mehr Sicherheit gewährt. Wer weiß denn, wie groß das Interesse noch in vier, sechs oder acht Wochen ist. Ich freue mich, dass sie jetzt ein wenig finanzielle Luft bekommen und so für künftige juristische Streitigkeiten besser gerüstet sind.

 

Dieses enorme Engagement für die Meinungsfreiheit und damit auch für die Satire und die Satiriker hatte ich so nicht erwartet. Danke Frankreich.

Klaus Staeck - 15/01/2015

11. Das Gut der Meinungsfreiheit

 

Mein Credo lautet „Nichts ist erledigt“. Denn die Probleme häufen sich. Unsere Bundeskanzlerin allerdings pflegt ihre bekannte Art der Volksberuhigung nach dem Motto „Ihr braucht euch um nichts zu kümmern, alles geht in Ordnung, alles nimmt seinen Lauf“. Wir werden uns noch wundern, was auf uns zukommt. Das Attentat hat uns jetzt alle aufgerüttelt. Gut daran war nur die breite Solidarität der Menschen. Dieses enorme Engagement für die Meinungsfreiheit und damit auch für die Satire und die Satiriker hatte ich so nicht erwartet. Danke Frankreich.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016