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"Russlands Importstopp hat negative Folgen für Europas Händler"

Länder: Europäische Union, Deutschland

Tags: EU, Agrar, Landwirtschaft, Importstopp, Verbot, Boykott, Agrarprodukte, Einfuhrstopp, Wirtschaft

Russland hat einen Importstopp auf europäische Agrarprodukte verhängt - ein Jahr lang kein Fleisch, kein Käse und kein Obst aus der EU mehr für russische Verbraucher. Welche Auswirkungen das Einfuhrverbot auf Deutschland und die EU hat und welche Länder besonders betroffen sind - darüber hat ARTE Info mit Agrar- und Ernährungswirtschafts-Experte Sebastian Werren vom Exportverband BGA (Bundesverband Groß- und Außenhandel) gesprochen.

Welche Folgen hat der Einfuhrstopp für Deutschland?

 


Sebastian Werren: An konkreten Zahlen kann man das noch nicht festmachen. Aber absehbar ist, dass die Ware, die eigentlich für Russland vorgesehen war, auf den europäischen Markt zurückkommt. Das wird sich auf die Preise auf dem europäischen Markt und somit auch auf die Händler negativ auswirken.

 

Der Importstopp wird sich auf die Preise auf dem europäischen Markt und somit auch auf die Händler negativ auswirken.

Sebastian Werren - 15/08/2014

Was macht Deutschland mit der Überproduktion?

 


Sebastian Werren: Das ist die große Frage. Vor allem bei Frischwaren wie Obst und Gemüse ist das ein echtes Problem, da man für den entstandenen Überschuss, der nicht lang gelagert werden kann, im Moment faktisch keine Abnehmer findet.

 

Gibt es Ideen, wie man das Problem lösen könnte?

 

Sebastian Werren: Das wird alles auf europäischer Ebene geregelt. Die Europäische Kommission prüft zur Zeit, ob Kompensationsansprüche bestehen oder nicht. In der kommenden Woche sollen z. B.  Maßnahmen zur Marktstabilisierung für eine Anzahl verderblichem Obst und Gemüse zur Abstimmung vorgelegt werden.

 

 In Deutschland sind es eher langfristige Folgen, die man fürchtet.

Sebastian Werren - 15/08/2014

Welche EU-Länder sind besonders betroffen?

 

Sebastian Werren: Was den Handel angeht, sind die baltischen Länder zum Beispiel im Bereich Fleisch- und Milchwirtschaft sehr eng mit Russland verbunden. Sie sind in diesem Bereich also durchaus betroffen. Bei frischem Obst und Gemüse sind es die südeuropäischen Länder, speziell Spanien und Griechenland. Der polnische Obsthandel leidet ebenfalls stark unter dem Importstopp, weil das Land starke Handelsbeziehungen zu Russland hat. Deutschland ist so unmittelbar nicht betroffen, die Reaktionen sind noch überwiegend zurückhaltend. Allerdings ist auch der deutsche Obst- und Gemüsegroßhandel mit dem Problem konfrontiert, nun auf einem Überschuss an Frischware zu sitzen. In Deutschland sind es generell aber eher langfristige Folgen, die man fürchtet.

 

Welche Folgen werden befürchtet?

 


Sebastian Werren: Zum Beispiel, dass sich Russland neue Handelspartner in Drittlandmärkten - Brasilien, Südamerika insgesamt, der Türkei und Asien sucht und sich dadurch dann auch die Handelsströme weltweit verschieben und neu orientieren. Das ist eine Sorge, die die deutschen Händler sehen - da könnten große Umwerfungen passieren.

 

Wird sich die EU neue Märkte suchen müssen?

 


Sebastian Werren: Das ist insgesamt ein EU-Problem, denn da sitzen die europäischen Länder alle im selben Boot. Sie alle können nicht nach Russland exportieren, sie alle leiden darunter, dass der europäische Markt jetzt mit Ware aus dem Agrarbereich überschwemmt wird. Also müssen alle auch gemeinsam zusehen, wohin sie ihre Ware jetzt liefern können.

 

Wen die Sanktionen schwerer treffen werden, das ist die russische Mittelschicht. 

Sebastian Werren - 15/08/2014

Was werden die Folgen für Russland sein - schadet Putin seinem Land mit den Sanktionen am Ende nicht selbst?

 


Sebastian Werren: Ob die Folgen für die russische Landwirtschaft positiv sind, kann ich nicht sagen. Wladimir Putin versucht es ja so darzustellen: "Unsere Landwirtschaft kann das schon stemmen". Nach meiner Kenntnis ist es so, dass sie das in manchen Bereichen jetzt noch nicht stemmen kann. Ich denke die Landbevölkerung lebt kaum von Importprodukten, sondern kauft eher beim örtlichen Bauern oder Händler. Wen die Sanktionen schwerer treffen werden, das ist die Mittelschicht. Diese hat nämlich durchaus das Geld, um Waren aus Europa zu bezahlen. Sie bekommt den Importstopp schon zu spüren, weil die Ware auf dem russischen Markt jetzt fehlt.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016