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Russland und seine anti-amerikanischen Ressentiments

Länder: Russland

Tags: USA, Anti-Amerika

In Russland wurde erneut eine amerikanische NGO als unerwünscht eingestuft. Dank entsprechender Propaganda nehmen anti-amerikanische Ressentiments immer mehr zu. 

Russie : la fièvre anti-américaine

Die russisch-amerikanischen Beziehungen gelten traditionell als schwierig. Vom Fall „Magnitski“ über die Snowden-Affäre bis hin zu massiven Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf denarabischen Frühling und den Krieg in Syrien: die vergangenen Jahre waren geprägt von Konfliktsituationen zwischen den einstigen Rivalen des Kalten Krieges. Seit der Maidan-Proteste und derrussischen Annexion der Krim ist dieser Konflikt nun in eine Phase der direkten Konfrontation getreten. Während die USA, wie auch Europa, dem Kreml einen Bruch internationalen Rechts sowie einen Angriff auf die territoriale Integrität der Ukraine vorwerfen und Russland mit Sanktionen belegen, macht Russlands Präsident Wladimir Putin die USA für den Ausbruch des Maidan-Aufstandsund für den Krieg im Osten der Ukraine verantwortlich. Washington habe das Ziel verfolgt, Russland zu destabilisieren und langfristig zu zerstören. Die russische Haltung wird mit anti-amerikanischer Propaganda unterfüttert, die mittlerweile tief in die russische Bevölkerung eingesickert ist. Nach jüngsten Umfragen sind die USA so unbeliebt wie zum Ende des Kalten Krieges, und die anti-amerikanischen Ressentiments nehmen immer weiter zu. 

Nach den jüngsten Umfragen sind die Russen den USA feindlicher gesinnt, denn je. Der Grund: Die antiamerikanische Propaganda der russischen Massenmedien. Über das Thema hat ARTE Journal mit Lew Gudkow, Soziologe und Direktor des Meinungsforschungsinstituts "Lewada-Zentrum", gesprochen.

Hass und Antiamerikanismus wurden zu wichtigen Faktoren bei der Ausbildung von Eigenidentität und Selbstachtung.

 

"Alle Vorstellungen der Sowjetzeit wurden wieder aufgewärmt: Die einer feindlich gesinnten Welt, die uns umgibt, das Verlangen nach Isolationismus, das Gefühl, dass wir uns nicht wie andere Länder entwickeln, sondern unseren eigenen Weg gehen sollten… das ist eine Identität, die sich in Abgrenzung zur Gegenseite ausbildet. Wir haben wenige Gründe, stolz zu sein, schließlich haben wir den Kalten Krieg verloren und das Land ist nicht reicher geworden. Und so wurden Hass und Antiamerikanismus zu wichtigen Faktoren bei der Ausbildung von Eigenidentität und Selbstachtung. Die Daten unserer Studien belegen, dass mit dem Machtantritt Wladimir Putins 1999 dieses Bewusstsein einer feindlich gesinnten Welt um uns herum von 13 Prozent im Jahr 1989 auf 78 Prozent gestiegen ist. Diese Zahl hält sich seither ungefähr auf diesem Niveau, auch wenn heute ein Spitzenwert von 84 Prozent der Russen denkt, Russland habe Feinde. Es ist dieses Gefühl, dass die Welt ein Gegner Russlands ist und dieses Gefühl festigt die Macht und steigert die Selbstachtung."

 

Wellen des Antiamerikanismus

Die derzeitige antiwestliche und antiamerikanische Propaganda ist die nachhaltigste und die stärkste.

 

"Seit den 90er Jahren war die Meinung über die Vereinigten Staaten und dem Westen generell positiv: Der Westen galt nicht nur als Ideal für Entwicklung, als ideale Staatsform und das Ideal einer modernen Gesellschaft, sondern stand auch für alles, was die Russen selbst auch gerne gehabt hätten. Dennoch gab es mehrere Wellen von Antiamerikanismus: Die erste im Frühling 1999, mit den Bombardierungen Serbiens durch die NATO, die zweite während des Irak-Krieges und die dritte während des Georgienkrieges. Aber die derzeitige antiwestliche und antiamerikanische Propaganda ist die nachhaltigste und die stärkste."

 

Absurde Massenpropaganda

"Da alle Vorbilder für Entwicklung westlich sind und nicht aus dem Osten stammen, ist die soziale Spannung nur auf zwei Arten zu mildern: Entweder durch Reformen nach dem Vorbild aller anderen entwickelten Ländern oder durch die Diskreditierung dessen, was attraktiv erscheint. Und der Kreml hat sich für die zweite Option entschieden. Die Propaganda behauptet, Demokratie ginge einher mit Unmoral, Pädophilie und Homosexualität, der Westen und Europa hätten ihre traditionellen christlichen Werte verloren, und suhlten sich in Perversionen. Und deshalb, sagt das Regime, sollten wir uns westlicher Entwicklung verweigern. Und diese absurde Massenpropaganda erweist sich als erfolgreich und sehr effizient. Denn entscheidend ist nicht die Realität, sondern das Bewusstsein, im Recht zu sein. Und jedes Argument zur Steigerung der Selbstachtung funktioniert."

 

Der Westen ist an allem Schuld

"Das Regime fühlt sich schwach und bedroht. Nach den Protestwellen von 2011-2012 hat es die Theorie in die Welt gesetzt, all das habe der Westen angezettelt, vor allem die USA. Demzufolge habe der Westens einen Regimewechsel in Russland zum Ziel gehabt oder zumindest, wie man uns jeden Tag im Fernsehen erzählt, eine Schwächung, eine Abwertung, eine Zerschlagung Russlands. Auf diese Weise wolle der Westen sich russischer Rohstoffe bemächtigen und einen Teil der Bevölkerung auslöschen… Die russische Staatsmacht erscheint also als einziges Bollwerk, das dem negativen Druck des Westens standhält und die Interessen Russlands verteidigt."

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016