Russland: Sehnsucht nach Größe

Länder: Russland

Tags: Stalin, Putin, 2. Weltkrieg

Am 9. Mai feiert Russland den 70. Jahrestag des Sieges im "Großen Vaterländischen Krieg" gegen das Deutsche Reich von 1945. Das ist eine Gelegenheit für die Regierung von Präsident Putin, bei der großen Parade in Moskau die Größe Russlands vor den Augen des internationalen Publikums so eindrucksvoll wie möglich zur Schau zu stellen.    

 

Russie : la nostalgie de l’empire…

Es ist ohnehin Tradition in Russland, jedes Jahr am 9. Mai eine Militärparade abzuhalten: Zum 70. Jahrestag erscheinen Chinas Staatspräsident Xi Jinping, der kubanische Amtskollege Raul Castro und Nordkoreas junger Diktator Kim Jong-un. Wegen der Spannungen zwischen der EU und Russland in der Ukraine-Krise haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und der britische Premierminister David Cameron ihre Teilnahme an der Zeremonie abgesagt.

Der 9. Mai 1945 ist einer der wichtigsten Jahretage in der russischen Geschichte, Präsident Putin hat daraus einen beinahe kultisch zu verehrenden Mythos gewoben. Im Zuge dessen erscheint sogar der Geist Stalins wieder aus den Kulissen der Geschichte der Sowjetunion, als der "Vater der kleinen Leute", dem man neuerdings wieder "Respekt" entgegenbringen müsse. Scheinbar vergessen sind die Moskauer Prozesse, die politischen Morde, die Straflager, der Archipel Gulag unter Stalin. Die politische Elite von heute, darunter Putin als erster Mann im Staate und ehemaliger KGB-Agent, nähren einen neuen Stalin-Kult.

Russland steht unter Druck von außen durch die Ukraine-Krise und die Rolle, die es darin spielte, die Krim heim ins Reich zu holen und den Krieg im Donbass zu schüren. Der Mythos um den 9. Mai und um Stalin betont die vergangene Stärke Russlands und führt sie dem Volk vor Augen als einen neuen Grund, wieder stolz zu sein auf ihr Land. Bleibt die Frage zu klären, wohin Putin noch will mit alledem?
 

Von Vladimir Vasak und Liza Zamyslova – ARTE GEIE – Frankreich 2015

 

 

Der Reporter Vladimir Vasak im Interview
Vladimir Vasak à propos de son reportage

 

Putins ideologische Falle

 

Michel Eltchaninoff ist Chefredakteur der Monatszeitschrift Philosophie Magazine. In seinem kürzlich auf Französisch erschienen Essay "Dans la tête de Vladimir Poutine" (wörtlich übersetzt "Im Kopf von Wladimir Putin") taucht er ein in die Gedankenwelt des russischen Präsidenten. Im Interview erklärt er, was die Feierlichkeiten zum 9. Mai für die Russen heute bedeuten.

 

ARTE Info: Michel Eltchaninoff, inwiefern ist dieser 9. Mai 2015 Teil von Putins Ideologie?

In Putins Augen spricht der Sieg über Nazideutschland den Russen ein besonderes moralisch fundiertes Recht zu.

Michel Eltchaninoff, 
Journalist und Buchautor

Michel Eltchaninoff: Der 9. Mai ist den Russen als großer Tag in Erinnerung geblieben: Das Volk war seinem Präsidenten gefolgt und hatte das Vaterland gerettet. Aber Wladimir Putin fügt diesem Teil des kollektiven Gedächtnisses, der weiterhin ein wichtiger Teil der russischen Geschichte bleibt, seit ein paar Jahren noch eine neue Dimension hinzu: Zum Beispiel den Gedanken, dass dieser Sieg den Russen ein besonderes moralisch fundiertes Recht zuspricht. Das hat er beispielsweise während einer Rede 2012 betont. Dort sagte er, die Russen haben diesen Sieg mit 27.000 Toten bezahlt, um Europa vor den Nazis zu retten und das gäbe Russland eine gewisse geopolitische Vormachtstellung. In seinen Augen sollte Russland als Retter Europas anerkannt werden. Dass dies nicht der Fall ist, erklärt er sich so: Europa vergesse die Vergangenheit nur allzu leicht und außerdem mangele es den Europäern an Patriotismus. Das aus seiner Sicht undankbare Europa gedenke aus diesen Gründen nicht genug dem Anteil der UdSSR in diesem Sieg. 

 

Wladimir Putin hat beispielsweise im letzten Jahr gesagt, der Russe sei dem Europäer überlegen, da er sich für sein Vaterland aufopfern würde. 

Michel Eltchaninoff, 
Journalist und Buchautor

ARTE Info: Ist diese Sichtweise einer der Grundpfeiler von Putins Logik?

Michel Eltchaninoff: Ja, das kann man so sagen, denn in Putins Logik ist die Verherrlichung des Krieges ein starkes und wiederkehrendes Motiv. Dazu muss man wissen: Wenn in der Sowjetära, also in den 50er, 60er, 70er Jahren, der zweite Weltkrieg gefeiert wurde, dann feierte man den Sieg über die Nazis und somit den Kampf für den Frieden. Russland war ein Garant für den Frieden in der Welt. Heute ist der Grundtenor etwas anders. Wladimir Putin hat beispielsweise im letzten Jahr gesagt, der Russe sei dem Europäer überlegen, da er sich für sein Vaterland aufopfern würde. Aus seinen Reden kann man eine Art Verherrlichung für den Krieg, für das Aufopfern herauslesen. Das bedeutet, für Putin ist der Sieg über Nazideutschland nicht mehr nur Sinnbild der UdSSR, die den Frieden in die Welt trägt, sondern dieser Sieg verkörpert auch das Idealbild des Russen, der kämpft und bereit ist, sich für sein Vaterland aufzuopfern und zu sterben. Und genau das unterscheidet ihn von den Europäern, die in Putins Augen mehr an ihrem persönlichen Komfort interessiert, pragmatisch und berechnend sind. Das macht es ihnen aus seiner Sicht unmöglich ein solches moralisches Opfer zu bringen.

 

ARTE Info: Wie wird die Absage der westeuropäischen Staats- und Regierungschefs bei den Feierlichkeiten zum 9. Mai in Russland aufgenommen? Und ist es ein strategischer Fehler des Westens, die Russen so auflaufen zu lassen?

Michel Eltchaninoff: Die Feierlichkeiten des 70. Jahrestages des Sieges über Nazideutschland sind Teil einer großen ideologischen Kampagne in Russland. Russland sieht sich nach wie vor als Garant gegen Faschismus in Europa und diese Position hat sich mit dem Bürgerkrieg in der Ukraine, an dem sich Russland beteiligt, noch verfestigt: Die ukrainische Regierung besteht in den Augen des Kremls aus Faschisten. Das Vokabular des zweiten Weltkrieges wurde von der russischen Führung wieder aufgegriffen und wird aktuell auf die pro-westliche Regierung in der Ukraine angewandt.

Indem  die westlichen Staats- und Regierungschefs an den Feierlichkeiten in Moskau nicht teilnehmen, gehen sie Putin in die Falle: Er kann so Russland als Opfer eines undankbaren Europas darstellen.

Michel Eltchaninoff, 
Journalist und Buchautor

Und mit den Feierlichkeiten hat Putin dem Westen im Prinzip eine ideologische Falle gestellt. Die Tatsache, dass die westlichen Regierungschefs nicht an diesen Feierlichkeiten teilnehmen, kann man unterschiedlich beurteilen. Ich interpretiere das so: Die Europäer wollen nicht in die Falle tappen, durch ihre Anwesenheit Russland eine Freikarte für sein Handeln zu geben und die Wiedereinführung des Vokabulars aus dem zweiten Weltkrieg gegenüber der Ukraine zu billigen. Aber, indem sie an den Feierlichkeiten nicht teilnehmen, gehen sie Putin trotzdem in die Falle: Er kann so Russland als Opfer des undankbaren Europas darstellen und dieses Bild vermittelt auch das Staatsfernsehen: Russland wird dort als Macht dargestellt, die man versucht zu isolieren, die man versucht klein zu halten. Und damit bringt Putin die Bevölkerung auf seine Seite. Es ist eine wahrhaft verzwickte Lage: Wären die Europäer zu den Feierlichkeiten gegangen, hätten sie das militärische Eingreifen Russlands in der Ukraine gebilligt. Jetzt, wo sie nicht hingehen, lassen sie Putin den nötigen Platz, seine Ideologie in Russland zu verfestigen. 

 

Ein Internetdossier von Uwe-Lothar Müller, Vladimir Vasak und Janina Schnoor. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016