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Russland beschuldigt die Türkei, den IS zu unterstützen

Länder: Türkei

Tags: Russland, Türkei, Syrien, Islamischer Staat

Am Rande des Klimagipfels in Paris hat Russlands Präsident Wladimir Putin der Türkei Komplizenschaft mit der Terrororganisation "Islamischer Staat" vorgeworfen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wies diese Vorwürfe vehement zurück. Seit dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die türkischen Streitkräfte am 24. November verschärft sich die diplomatische Krise zwischen den beiden Ländern. Könnte es zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen beiden Staaten kommen? ARTE Info hat den Politikwissenschaftler Ismail Küpeli nach seiner Einschätzung gefragt.

Leitet die Türkei Öl aus den von der Terrormiliz kontrollierten Gebieten weiter? Das behauptet jedenfalls Kremlchef Wladimir Putin. "Wir haben allen Grund anzunehmen, dass die Entscheidung, unser Flugzeug abzuschießen, von dem Willen gelenkt war, die Ölversorgungslinien zum türkischen Territorium zu schützen", sagte Putin am Rande des Pariser Klimagipfels. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wies Russlands Vorwürfe harsch zurück und forderte Putin auf, Beweise vorzulegen. Sollten diese existieren, werde er von seinem Amt zurücktreten.

Bei den russischen Anschuldigungen handelt es sich nur um den jüngsten Eklat im Streit zwischen den beiden Staaten. Seitdem die türkischen Streitkräfte am 24. November nahe der syrischen Grenze einen russischen Kampfjet abgeschossen hat, weil dieser sich im türkischen Luftraum befunden habe, ist das Verhältnis zwischen Russland und der Türkei äußerst angespannt. Russland dementierte die Verletzung des türkischen Luftraums und verurteilte den Abschuss als "feindselige Handlung".

 

Droht ein Stellvertreterkrieg?

Es könnte passieren, dass [Russland und die Türkei] gegenseitig Kräfte unterstützen, die dem anderen schaden. 

Ismail Küpeli - 26/11/2015

Auch wenn Putin nach dem Abschuss des Jets mit "ersten Konsequenzen" drohte, muss der Zwischenfall nach Einschätzungen des Politikwissenschaftlers Ismail Küpeli nicht zwangsläufig zu einem militärischen Konflikt zwischen Russland und der Türkei führen. "Es könnte jedoch passieren, dass sie gegenseitig Kräfte unterstützen, die dem anderen schaden", so Küpeli. Zum Beispiel in Syrien: Russland könne im Fall einer Eskalation beispielsweise syrische Kurden unterstützen, die feindlich gegenüber der Türkei sind - während die Türkei syrische Oppositionelle stärker unterstützen könnte, die gegen die russischen Truppen in Syrien kämpft. "Das wäre ein Stellvertreter-Krieg, der von beiden Seiten offiziell nicht erklärt wird".

Bisher bestünde also keine Gefahr einer direkten militärischen Auseinandersetzung. Der Kreml setzt dennoch auf Abwehr: Su-30 Abfangsjäger wurden bereits zum Schutz der russischen Flugzeuge in Stellung gebracht. Schließlich habe die Türkei "nur auf den passenden Moment gewartet", um Russland anzugreifen,  wie Franz Klinzewitsch von der Kreml-Partei sein Misstrauen gegenüber Erdogan ausdrückte. 

 

Obama schlichtet

US-Präsident Barack Obama ließ am 1. Dezember nach einem Treffen mit dem türkischen Staatschef verlauten, man müsse sich auf den gemeinsamen Feind konzentrieren, den "Islamischen Staat". Russland und die Türkei müssten daran arbeiten, ihre Spannungen abzubauen.   

 

Die Streitpunkte im Überblick: 

Der Stimmung zwischen den beiden Staaten war bereits vor dem Zwischenfall rau. Ein Überblick: 

  • -- Das Eindringen von russischen Kampfjets in den türkischen Luftraum ist nach Angaben der türkischen Regierung kein Einzelfall. Russland habe bereits im Oktober 2015 vom türkischen Luftraum aus, Angriffe auf Syrien gestartet. Moskau streitet dies ab. 

  • -- Obwohl Russland und die Türkei in Wien bei den Verhandlungen zur Lösung des Syrien-Konflikts am selben Tisch sitzen, sind sie sich in einer entscheidenden Sache uneinig: Während Putin den syrischen Machthaber Baschar Al-Assad unterstützt, will ihn Premierminister Erdogan um jeden Preis stürzen.

  • -- Seit September 2015 fliegt Russland Angriffe in Syrien und bekämpft Assad-Gegner. Unter den Aufständischen befindet sich auch die turkmenische Minderheit in Syrien, die den Türken ethnisch nahe steht. Bis zu 200.000 Turkmenen leben in Syrien. Sie befinden sich unter der Schutzmacht der Türkei  und gelten für das Land als Verbündete im Kampf gegen Assad. Russland soll laut der Türkei jedoch vermehrt gegen die Turkmenen vorgegangen sein. Auch die NATO wirft Russland vor, neben den IS-Terroristen, syrische Rebellen anzugreifen. 

  • -- Einige wirtschaftliche Interesse verbinden Moskau mit Ankara: Das Pipeline-Projekt "Turkish Stream" soll die gestoppte South-Stream Verbindung nach Europa ersetzen. Putin will zudem den Bau von russischen Atomkraftwerken (Rosatom) in der Türkei vorantreiben. 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016