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Rückkehr nach Aups

Länder: Frankreich

Tags: front national, Präsidentschaftswahl, Provence

"Es geht darum, die Menschen zu verstehen, nicht über sie zu richten." Unser Autor kehrt an jenen bedeutenden Ort seiner Kindheit zurück und trifft seine alten Freunde, die heute mehrheitlich den rechtsextremen Front National wählen. Es ist die Geschichte über junge Menschen, die kurz davor sind, die Hoffnung aufzugeben.

 
Jean-Marie Magro

Der Autor

Ich bin Jean-Marie Magro, 24 Jahre alt, freier Journalist. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Franzose. Ich selbst sehe mich als Europäer. Ich habe fast mein ganzes Leben lang in München gelebt, doch jeden Sommer, seit meiner Geburt, sind wir in die Provence zu meinen Verwandten gefahren. Meine Großeltern, Tante, Onkel, Cousins, Freunde, sie alle kommen hierher. Diese Region ist ein wichtiger Teil von mir.

Inhalt

1. Kapitel: Adrien, mein bester Freund: "Wir brauchen unsere Unabhängigkeit zurück." (zum Audio-Interview)

2. Kapitel: Théo, Boules-Sport-Talent: "Ich hätte gerne, dass Frankreich wieder eine 'Grande Nation' wird." (Zum Audio-Interview)

3. Kapitel: Simon, Fan von Olympique Marseille: "Wir bekommen ein Gehalt, mit dem wir nicht wirklich leben können." (Zum Audio-Interview)

4. Kapitel: Jona, Freund von Adrien: "Diese Leute leben in einer anderen Welt." (Zum Audio-Interview)

5. Kapitel: Jona und Adrien: "Bald wird etwas explodieren." - "Ja, das wäre gut." (Zum Audio-Gespräch)

 

Wenn ich zum Bäcker gehe und für Brot statt "pain" einfach "peng" sagen darf und niemand lacht wegen meines Akzents. Wenn auf dem Marktplatz die Boules-Kugeln gegeneinander patschen und die Spieler sich laut beklagen. Wenn ich mich auf mein Rennrad setze und es immer nur rauf und runter geht. Wenn von 12 bis 14 Uhr mittags einfach gar nichts läuft, weil die Leute "Sieste" machen. Dann bin ich in Aups.

Aups ist ein Dorf mit etwa 2.000 Einwohnern im 83. Departement Frankreichs, im Var. Einmal über die Bigue, einen kleinen Berg am Dorfausgang, schon fährt man geradeaus auf den Lac de Sainte-Croix und die Schluchten des Verdon zu. Olivenbäume und gelbes Gestein durchziehen die hügelige Landschaft.

Der Süden Frankreichs wird oft als das Nest des rechtsnationalistischen Front National bezeichnet. Für mich ist die Region eine andere Heimat. Meine Großeltern, Tante, Onkel und Cousins kommen hierher. Ich habe hier Freunde. Was denken eigentlich die über Politik? Was wählen die Menschen, mit denen ich früher Fußball oder Boules spielte?

Auf Facebook sah ich öfter mal "Hilferufe", die Regierung tue zu viel für Ausländer und zu wenig für die Franzosen selbst. Oder, dass dieses "Volk voller Schafe endlich mal wieder einen guten Hirten" brauche.

Auch wenn ich ein sehr naiver Mensch bin, so konnte ich die Augen vor der Realität nicht verschließen. Vor eineinhalb Jahren, bei den Regionalwahlen, holte Marion Maréchal-Le Pen, Nichte von Marine und Enkelin meines Namensvetters Jean-Marie, in Aups 51,54 Prozent der Stimmen. Die Nummer eins bei den Jungwählern ist der Front National. Da liegt es nahe, dass das auch in meinem Bekanntenkreis der Fall ist. Und ich will wissen: Warum wählen sie Front National?

Es geht mir nicht darum, ein Urteil zu fällen. Das steht mir nicht zu. Es geht darum, wie Stefan Zweig sagte, die Menschen zu verstehen, nicht über sie zu richten.

 

 

1. Kapitel: Adrien, mein bester Freund

 

Es gibt eine Elite, die sich über das Volk stellt. Und jetzt, das ist nur mein Eindruck, reicht es dem Volk. 

Adrien, mein Freund

 

Leider ist es gar nicht leicht, Leute zu finden, die über ihre politische Meinung sprechen wollen – auch wenn man früher befreundet war. Entweder antworten sie mir "Ich kenne mich in der Politik nicht aus, ich will nichts Falsches sagen", oder sie ignorieren mich ganz einfach. Immer wieder das gleiche Schema.

Doch es gibt gute Freunde. Richtige Freunde, die mir helfen. Adrien ist so ein Freund. Er ist mein bester Freund hier in Aups. Ich habe Adrien beim Boules-Spielen kennengelernt, als ich 14 oder 15 war. Adrien ist zwei Jahre älter, etwa 1 Meter 80 groß und hat ganz helle, blaue Augen.

Adrien wollte zur Armee, also nannte ich ihn damals "Sergent". Adrien erkundigte sich immer wieder nach mir und fragte, wann ich denn das nächste Mal komme. Adrien nennt mich poulet, was auf Deutsch Huhn heißt. Man könnte meinen, dass er sich damit über mich lustig machen möchte, doch hier in Südfrankreich ist diese Bezeichnung sehr liebevoll gemeint. Adrien kam zur Beerdigung meines Großvaters und fand die richtigen, tröstenden Worte: "Ich werde seine unüberhörbare Stimme, seine unvergesslichen Geschichten nie vergessen. Ich kann nicht glauben, dass aus der Ferne nicht mehr der Krach seiner Mobylette zu hören und ihr Gestank zu riechen sein wird."

 

Unsere Unternehmen müssen wieder nach Frankreich zurückkommen und uns arbeiten lassen, in Würde arbeiten lassen. Es muss endlich wieder an die Franzosen gedacht werden.

Adrien, mein Freund

Nachdem mein Großvater gestorben war, war es Adrien, der mich vom Bahnhof abholte und mich die 40 Kilometer von Les Arcs nach Aups fuhr. Obwohl er und ich wussten, dass ich es mir leisten konnte, verbat er mir, ihm Geld zu geben. "T’es mon ami", du bist mein Freund. Wenn Adrien meine Großmutter alleine unterwegs sieht, fährt er sie nach Hause.

Adrien lebt mit Aurore zusammen, die mit ihrer Mutter vor Jahren aus Paris hierherzog. Sie wollten schon vor zwei Jahren heiraten. Doch es fehlt. Nicht an Liebe, sondern an Geld. Ich hatte ihm angeboten, sich etwas zu leihen, doch er wollte nicht: "Kein Problem, poulet, wir verschieben es einfach. Wir kriegen das schon hin." "Bist du sicher?" "Sei unbesorgt, wenn es so weit ist, bist du eingeladen", sagt er ruhig.

Adrien wird bei den Präsidentschaftswahlen für Marine Le Pen stimmen.

 

 

Adrien hat nicht studiert, sondern direkt nach der Schule zu arbeiten angefangen. Er hangelte sich von einem „CDD“, einem befristeten Vertrag, in den nächsten. Gerade arbeitet er bei einer Supermarktkette in Draguignan. Er ist nie viel gereist, von welchem Geld auch? Vor fünf Jahren wählte er François Hollande, weil er die Nase voll von Nicolas Sarkozy hatte. Jetzt ist er noch enttäuschter als damals.

Seine Analyse bewegt mich tief. Europa war für mich immer mehr als Euro und Schengen. Europa steht für mich für Versöhnung zwischen Feinden, zwischen Deutschland und Frankreich. Ohne Europa gäbe es mich vielleicht nicht. Er sichert mir zu, und ich glaube es ihm, viele seiner Freunde würden FN wählen. Sie alle wollten es dem System zeigen. "Ich finde bestimmt welche, mit denen du sprechen kannst." Doch es wird sich niemand finden. 

 

 

 

2. Kapitel: Théo, Boules-Sport-Talent

 

Ich werde auf keinen Fall extrem wählen, aber es stimmt schon, dass das alles einen auf komische Gedanken bringt. 

Théo, Boules-Sport-Talent

 

Ich gehe ins Dorfzentrum zum Grand Café du Cours. Es ist das größte und wahrscheinlich meistbesuchte Café in Aups. Hier treffe ich Théo, einen 18-jährigen Zweimeterriesen mit Schuhgröße 49. Er kommt mit ein wenig Verspätung, weil er keinen Parkplatz gefunden hatte.

Théo ist vielleicht das größte Talent des Boules-Sports, das Aups in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat. Seine Begabung war nicht das Feinmotorische, das Ästhetische, sondern das Rabiate. Als ich 14 war, war Théo sieben und wir spielten zusammen. Schon damals hatte er beim Schuss die Kraft eines Ochsen und die Präzision eines Falken. An guten Tagen war er wie eine Abrissbirne, die sämtliche gegnerische Kugeln aus dem Spiel räumte.

 

 

 

 

3. Kapitel: Simon, Fan von Olympique Marseille

 

Auf der einen Seite bin ich für Europa, aber es wäre gut, dass wir versuchen in Frankreich selbst zu produzieren, statt im Ausland.

Simon, Fan von Olympique Marseille

 

Ähnlich reflektiert und überlegt antwortet Simon. Er ist 28 und der eingefleischteste Fan von Olympique de Marseille, den ich mir vorstellen kann. Er tippt Ergebnisse und verdient sich so ab und zu ein kleines Zubrot. Ähnlich wie Adrien, kommt Simon nur von einem Zeitvertrag in den anderen. Seine Adidas-Hose ist mit weißer Malerfarbe beschmiert. 

 

 

Die Reflexe, egal ob FN-Wähler oder nicht, sind hier immer wieder die gleichen. Es müsse wieder mehr für die Franzosen getan werden. Die Franzosen wollen ihre Würde zurück. Insofern hat Marine Le Pen, egal ob sie Präsidentin wird oder nicht, einen Sieg eingefahren: Sie hat mit ihrem Slogan "La France d’abord" (Frankreich zuerst) einen Wunsch ausgedrückt, den hier viele haben. Ob rechtsextrem oder nicht.

Und wenn sie doch gewinnt? Selbst die, die sie nicht wählen werden, sagen mir unter der Hand: Na und? Sie wird eh nichts anders machen als alle anderen vor ihr. Vor 15 Jahren, als Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl einzog, sagten hier noch viele: Unmöglich! Nun aber hat in Aups die Gleichgültigkeit den Platz der Empörung eingenommen.

 

 

 

4. Kapitel: Jona, Freund von Adrien

 

Die reden über Dinge, von denen sie nichts verstehen.

Jona, Freund von Adrien

 

Adrien lädt mich zu sich nach Hause ein, um Fußball zu schauen. An dem Abend läuft das Spiel Frankreich gegen Spanien. Seine Wohnung liegt im dritten Stock in einem einfachen, seit lange nicht mehr renovierten Haus im Herzen des Dorfs.

Adriens und Aurores kleine Hündin heißt Marvel. Das sagt alles über seine Leidenschaft: Im Wohnzimmer sticht ein Regal mit Adriens Marvel-Kollektion hervor. Es sind bestimmt 15 Basecaps mit verschiedenen Superheldenmotiven, die da hängen, Spielfiguren aller Avengers und eine Lampe in Form von Adriens Lieblingssuperheld Deadpool. In einer Kiste darunter liegt ein kniehoher Stapel mit Comicheften.

"Da sind bestimmt über 2.000 Euro drin", sagt Aurore. "Da ist doch deine Hochzeit", sage ich, humorvoll gemeint. Aurore lächelt und nickt. Adrien tut so, als hätte er nichts gehört.

Auch zu Besuch ist Adriens Freund Jona. Er führt Umfragen innerhalb von Unternehmen durch. Die beiden Kumpel nehmen auf dem Sofa gegenüber von mir Platz, ich auf dem "Chefsessel", auf dem Adrien sonst immer sitzt. Was hält Jona von Frankreichs Politikern?

 

 

 

5. Kapitel: Jona und Adrien

 

Sie sind alle korrupt. Es wird sich nichts ändern. Wir stecken in der Scheiße. 

Adrien

 

Doch Jona kommt zu einem anderen Schluss. Er will auf keinen Fall FN wählen. "Tel père, tel fille", wie der Vater so die Tochter, sagt er. Adrien schüttelt den Kopf, nimmt die Schutzkappe meiner Kamera, hält sie vor sein rechtes Auge und sagt "Ich hasse Ausländer" in einer etwas übertriebenen Jean-Marie Le Pen-Parodie, nicht ernst gemeint. Marines Vater war früher durch eine Augenklappe berühmt, die vor allem Kindern Angst machte.

Ich frage die beiden, ob sie für die Zeit nach der Wahl irgendeine Hoffnung verspüren. Die Antwort ist ebenso erschütternd wie aufschlussreich.

 

 

Ich bin mir sicher, dass es Adrien nicht um die Überzeugungen des Front National geht. Klar, er sagt auch 'mal Sätze wie: "Wenn ich im Supermarkt arbeite, habe ich manchmal den Eindruck, wir würden in der saudi-arabischen Republik Frankreich leben." Gewiss sagt er, dass er keine Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen will, sondern nur "wirkliche", die vor Krieg fliehen. Natürlich betont er immer wieder, Frankreich müsse sich auf seine Nation zurückbesinnen, um wieder in ein glorreiches Zeitalter zu gelangen. Doch das sind die einfachen Antworten, die Marine Le Pen auf wahnsinnig komplizierte Fragen gibt. Hinter all diesen Äußerungen von Adrien steckt ein Hilferuf: Ihr habt uns vergessen. Wo seid ihr? Ich will doch nur in Würde hier in meiner Provence leben, hier alt werden. Und Marine Le Pen kann zwar keine Lösungen für sein Problem finden, aber Schuldige benennen. Das ist meine Sicht der Dinge. Es ist meine Geschichte aus Aups. Und sie ist traurig, sehr traurig.

Es läuft die 68. Spielminute. Elfmeter für Spanien. David Silva schießt das 1:0. Adrien freut sich. Er ist Halbspanier, seine Vorfahren flohen vor Franco. "Ist das nicht wahnsinnig europäisch, dass du dich für beide Länder freust?", frage ich ihn. Er muss lachen und lange überlegen. Dann sagt er: "Ja, das ist es."

Redet so jemand, der aufgegeben hat?

 
Zuletzt geändert am 21. April 2017