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"Retten wir Asia Bibi, dann retten wir hunderte Menschen"

Länder: Pakistan

Tags: Islam, Blasphemie, Todesstrafe

Die französische Journalistin Anne-Isabelle Tollet trägt Asia Bibis Stimme in die Welt. In dem Buch "Blasphème", das 2011 erschienen ist, spricht sie über das Schicksal der pakistanischen Christin, die wegen Blasphemie zum Tode verurteilt wurde. Asia Bibis Mann, der als Einziger die Erlaubnis hat, sie im Gefängnis zu besuchen, hat ihre Erzählungen an die Journalistin weitergegeben. Asia Bibis Todesurteil wurde vom Berufungsgericht am 16. Oktober bestätigt. Ihre Familie kämpft unterdessen weiter für ihre Begnadigung. ARTE Journal hat mit Anne-Isabelle Tollet über das Schicksal einer Frau gesprochen, die zum Symbol eines gewaltsamen und willkürlichen Gesetzes geworden ist, das jeder Art von Gotteslästerung mit aller Schärfe bestraft.

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ARTE Journal: Wie geht es Asia Bibi im Moment?

Anne-Isabelle Tollet: Asia Bibi geht es immer besser. Am 16. Oktober, als das Gericht von Lahore das Urteil als rechtskräftig erklärt hat, war sie nicht anwesend. Sie hat die Neuigkeit erst eine Woche später erfahren, als ihr Mann sie im Gefängnis besucht hat. Sie ist buchstäblich zusammengebrochen.

Asia Bibi hatte große Hoffnung in das Hohe Gericht gesetzt. Denn normalerweise heißt es die Urteile von niedrigeren Gerichten nicht gut. Seit 15 Tagen erzähle ich ihr und ihrem Mann täglich von der Mobilisierung, die rund um den Erdball für sie stattfindet. Die beiden beginnen langsam wieder zu hoffen, dass der internationale Druck groß genug sein wird, um den pakistanischen Präsidenten zu erreichen. Sie hoffen auf eine Begnadigung.
 
Warum wurde Asia Bibis Fall so streng behandelt?

Gegen ihren Willen ist Asia Bibi zum Symbol für das Blasphemiegesetz geworden. 

 

Anne-Isabelle Tollet: Gegen ihren Willen ist Asia Bibi zum Symbol für das Blasphemiegesetz geworden. Als sie in erster Instanz zu Tode verurteilt wurde, haben pakistanische Minister und sogar der Papst Benedikt XVI sich für sie eingesetzt. Nach der Stellungnahme des Papstes haben die religiösen Parteien in Pakistan hunderttausende Menschen auf die Straße getrieben. Die Demonstranten haben das Abbild des Papstes verbrannt und gefordert, dass Asia Bibi gehängt wird. Die Stellungnahme war also kontraproduktiv, sie hat die Debatte umso mehr angeheizt.

Der Gouverneur von Penjab hat darauf nachgeforscht und herausgefunden, dass Asia Bibi Opfer einer Blutrache geworden war. Sie hat keine Gotteslästerung betrieben und die Todesstrafe wäre somit nicht vertretbar. Kurz nachdem er Asia Bibi verteidigt und das Blasphemiegesetz kritisiert hatte, wurde er ermordet. Den Minister für religiöse Minderheiten ereilte kurz darauf dasselbe Schicksal. Die politische Klasse hüllte sich daraufhin in Schweigen und traute sich nicht mehr, Asia Bibi in Schutz zu nehmen, geschweige denn das Gesetz zu kritisieren. Die Richter haben Angst, selbst ermordet zu werden und stimmen dem Urteil zu.
 
Wie beurteilen Sie die Mobilisierung für Asia Bibi?

Anne-Isabelle Tollet: Ich bin froh darüber. Denn ich habe anfangs befürchtet, dass Asia Bibi allen gleichgültig wäre und sterben würde. Am 16. Oktober, dem Tag der Urteilsverkündung, haben die Medien darüber berichtet, aber die Sache verlor schnell an Schwung. Ich habe versucht international zu mobilisieren, indem ich in Leserbriefen an politische Persönlichkeiten appelliere. In den sozialen Netzwerken habe ich die "Operation Wasserglas" losgetreten. Dabei postet man ein "Selfie", auf dem man ein Glas Wasser trinkt, als Symbol der Solidarität mit Asia Bibi (Ihr wurde vorgeworfen, das Wasser eines Brunnens, aus dem sie trank so verunreinigt zu haben).

Hier geht es nicht um Politik oder Religion, wir stehen hier vor einer Ungerechtigkeit. 

 

Mein Ziel ist, zu vereinen, zu hinterfragen und dadurch zu erreichen, dass die Menschen mehr über die Geschichte erfahren wollen. Seit einer Woche beginnt ihre Geschichte mehr und mehr zu interessieren. Aber das reicht nicht. Das Engagement von Anne Hidalgo, der Bürgermeisterin von Paris, zeigt, dass man für diesen Fall eintreten sollte. Hier geht es nicht um Politik oder Religion, wir stehen hier vor einer Ungerechtigkeit. Ich bin froh, dass man langsam anfängt, dies zu merken.

Ich wurde auch von der Justizministerin Christiane Taubira empfangen. Wir werden es vielleicht schaffen. Asia Bibis Brief, den ich heute im Le Figaro veröffentlichen ließ, wird auch von der New York Times und der italienischen Tageszeitung la Repubblica übernommen. Ich werde alles tun, damit dieser Brief um die Welt geht. Ich möchte die Welt damit überschwemmen und ihn in allen großen Tageszeitungen veröffentlicht sehen.
 
 

 

Ich erwarte, dass Pakistan, ein Staat der sich am Kampf gegen den Terror beteiligt, sich für Asia Bibi einsetzt und seinen Verbündeten zeigt, dass er gegen den Fundamentalismus kämpft. 

 

 

Was erhoffen Sie sich von dieser Mobilisierung?

Anne-Isabelle Tollet: Ich hoffe, dass die pakistanischen Politiker, die sich bis jetzt hinter dem Gesetz versteckt haben, aktiv werden. Bis jetzt war der Fall Asia Bibi eine rechtliche Geschichte, jetzt ist es auch eine politische. Ich erwarte, dass Pakistan, ein Staat der sich am Kampf gegen den Terror beteiligt, sich für Asia Bibi einsetzt und seinen Verbündeten zeigt, dass er gegen den Fundamentalismus kämpft, der das Land vergiftet. Ich versuche, den Präsidenten Pakistans durch den internationalen Druck in Bedrängnis zu bringen.

 
Sie sprechen von Asia Bibi als einem Symbol, gibt es also mehrere solche Fälle in Pakistan?

Viele der gemäßigten Muslime, die die Mehrheit des Landes darstellen, verurteilen das Gesetz.

 

Anne-Isabelle Tollet: Es gibt viele Fälle wie den von Asia Bibi. Retten wir sie, dann retten wir auch hunderte andere Menschen in der selben Lage. Sie sind zwar nicht alle zum Tode verurteilt, aber viele werden jahre- oder sogar lebenslang ins Gefängnis gesteckt. Vor allem Muslime und Männer, was zeigt, dass es sich hier nicht eine Diskriminierung von Frauen oder Christen handelt.

Der Druck der religiösen Parteien ist groß. Durch das Blasphemiegesetz, das komplett veraltet und höchst ungerecht ist, hält sich in Pakistan ein extrem radikaler Islam. Viele der gemäßigten Muslime, die die Mehrheit des Landes darstellen, verurteilen das Gesetz.

Da Extremisten nicht zögern, jeden zu töten, der das Gesetz in Frage stellt, verbreiten sie Terror im ganzen Land. Manche sagen, dass die Bevölkerung zu der Problematik nichts sagt und daher einverstanden ist. Das ist vollkommen falsch, es ist einfach nur unmöglich sich aufzulehnen.
 
Was macht dieses Blasphemiegesetz Ihrer Meinung nach so ungerecht?

Anne-Isabelle Tollet: Die Menschen leben in ständiger Angst. Sie trauen sich nicht einmal, eine Zeitung in den Mülleimer zu werfen, weil der Name Mohammed, der dort extrem verbreitet ist, fast auf jeder Seite steht und sie deswegen der Blasphemie beschuldigt werden könnten.

Das Gesetz wird für persönliche Racheakte verwendet. Wenn man sich nicht mit seinem Nachbarn versteht, kann man ihn leicht der Gotteslästerung bezichtigen. Ein blinder Mann hatte zum Beispiel ohne es zu wissen einen Koran verwendet, um einen Tisch zu fixieren. Das Gericht hat ihn trotz seiner Blindheit verurteilt. Das war vor einigen Jahren, ich habe den Fall dann nicht weiter verfolgt, aber es kann sein, dass er noch immer im Gefängnis sitzt. Das Ganze nimmt unvorstellbare Ausmaße an. Es wird Zeit, dass die Politiker, die das Gesetz ändern wollten, sich dann aber nach dem Attentat auf die Verteidiger von Asia Bibi zurückgezogen haben, Stellung beziehen, ihren Willen zeigen, die Lage zu ändern und Asia Bibi begnadigen. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016