Rekrutieren für den Dschihad – Wie eine totalitäre Sekte ihren Nachwuchs findet

Länder: Frankreich

Tags: Dounia Bouzar, Dschihad

Allein in Frankreich werden derzeit 950 fanatische Islamisten gezählt, die sich bereits auf den Weg ins Kriegsgebiet nach Syrien gemacht haben oder ihre Reise dorthin gerade vorbereiten. Die französischen Behörden haben gegen diese Radikalisierung und Rekrutierung meist noch sehr junger Franzosen für das Morden in Syrien im vergangenen April umfangreiche Massnahmen ergriffen. Die Anthropologin und Beraterin der Europäischen Union Dounia Bouzar etwa hat im Kampf gegen den radikalen Islamismus in Paris ein Zentrum zur Prävention der islamistischen Radikalisierung (Centre de prévention contre les dérives sectaires liées à l'islam) gegründet. Im Interview mit Richard Bonnet erklärt Bouzar die Rekrutierungsmethoden der Dschihadisten und wie sie betroffenen Eltern helfen kann, ihre Kinder aus den Händen der radikalen Islamisten zu befreien.

Man kann also feststellen, dass der radikale Islam seine Rekrutierungsmethoden perfektioniert hat.

Dounia Bouzar - 08/09/2014

Was können Sie über das Profil oder die Profile dieser Jugendlichen sagen, die von radikalislamistischen Ideen indoktriniert in den Dschihad ziehen? 

 

Dounia Bouzar: Die Ideen des radikalen Islamismus gibt es ja schon lange, aber hier muss man von einer Mutation reden. Und zwar in dem Sinne, dass die Radikalen heute nicht mehr nur irgendwelche orientierungslose Jugendliche für sich gewinnen können, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht gefunden und keine Vorbilder haben. Heute kommen diese Dschihadisten aus allen Klassen der Gesellschaft, auch aus der Mittel- und Oberschicht. Darunter finden sich auch Jugendliche aus eigentlich atheistisch lebenden Familien, aus katholischen oder sogar aus jüdischen Familien. Und das sind Kreise, die überhaupt nichts mit Einwanderung, mit einem Migrationshintergrund zu tun haben, keine Leute aus dem muslimischen Maghreb also. Deren Anteil an den Dschihadisten beträgt 70 Prozent, davon sind die Hälfte junge Frauen. Auch das ist ein neues Phänomen, denn früher begleiteten sie lediglich als Ehefrauen ihre Männer in den Krieg nach Afghanistan. Heute dagegen reisen sie aus freien Stücken in die Kriegsgebiete, um sich dort selbst an Aktionen zu beteiligen. Man kann also feststellen, dass der radikale Islam seine Rekrutierungsmethoden perfektioniert hat.     Dabei kommen sektiererische Weltbilder und Verschwörungstheorien zum Einsatz, und das alles via Internet, womit die Jugendlichen zum Zweifeln gebracht werden. Das beginnt zum Beispiel mit Lektionen zu Themen wie „sozial gerechter Welthandel“, mit dem Verbreiten von bestimmten „Wahrheiten“ zu diesem oder jenem Teil der Geschichte. Und so werden diese Jugendlichen nach und nach in eine Welt versetzt, in der sich alle gegen sie verschworen haben, in der sie von allen angelogen werden. In den Videobotschaften der Hassprediger heisst es dann: „Du lebst nicht nur in einer Welt der Lüge , sondern auch der Verschwörung. Denn es gibt geheime Organisationen, die das alles tun, um die Menschen zu eliminieren, damit sie allein die Macht halten. Und diese Organisationen, das sind dann die Amerikaner und die Zionisten, die Mächte des Bösen. Und um gegen die zu bestehen, das ist dann die Alternative, die die Radikalen den Jugendlichen anbieten, gibt es nur eine Religion, die die Welt erlösen kann, und das ist der Islam. Diese Indoktrination verfängt besonders häufig bei jungen Menschen, die sich sozial engagieren, die Medizin studieren oder in anderen Helferberufen arbeiten wollen. In diesem Prozess verlieren die Jugendlichen ihre individuelle Identität, an deren Stelle tritt dann eine Gruppen-Identität, in der die Vernunft durch ständiges Nachahmen und Wiederholen ersetzt wird. Man löscht ihr Gedächtnis, man verlangt von ihnen, Familienfotos zu verbrennen, um alles zu vergessen, das ihre neue Mission beeinträchtigen könnte. Und die heisst: Ihr seid auserwählt, die Welt zu retten, und dafür müsst ihr in den Dschihad ziehen, auch wenn ihr darin sterben werdet.  

 

Männer und Frauen werden allerdings mit verschiedenen Identifikationsmodellen angesprochen.

Dounia Bouzar - 08/09/2014

Gibt es Erklärungen für dieses neue Phänomen der jungen Frauen unter den Dschihadisten, die ursprünglich oft gar nichts mit dem Islam zu tun hatten? 

 

Dounia Bouzar: Unter diesen Radikalen befinden sich grosse Gruppen, Männer und Frauen, die eigentlich nie eine Verbindung zum Islam hatten. Männer und Frauen werden allerdings mit verschiedenen Identifikationsmodellen angesprochen. Junge Männer werden oft mit dem Ideal der Ritterlichkeit, des Heldentums geworben: Lanzelot, Du musst jetzt die Welt retten. Für junge Frauen gibt es das Mutter-Theresa-Profil: Du darfst nicht zulassen, dass Kinder zu Opfern werden. (Syriens Diktator) Baschar al- Assad hat Giftgas gegen sein eigenes Volk eingesetzt, und niemand hat dagegen etwas unternommen. Jetzt ist es Deine Pflicht, anstelle Deines Medizinstudiums nach Syrien zu gehen, um dort die verletzten Kinder zu versorgen. Aber es gibt auch noch andere Identifikationsmodelle, solche, die an die Pflicht appellieren, einzuschreiten. Die richten sich vor allem an junge Männer, die in der Gesellschaft den underdog gespielt und sich ungerecht behandelt gefühlt haben. Die sehen sich jetzt in einer gottgleichen, allmächtigen Position: Seht her, ich bin Gott, ich gebe die Norm vor, ich bin die Norm, ich bin im Besitz der Wahrheit.     

 

Und diese Gehirnwäsche wird allein über das Internet betrieben?  

 

Dounia Bouzar: Zu 90 Prozent, ja. Und wenn die Jugendlichen dort erst einmal am Haken sind, dann kommt es teilweise auch zu persönlichen Treffen. In einschlägigen Internetforen werden sie beispielsweise zunächst von irgendeinem Jean-Marc angesprochen, auf eine sehr individuelle Weise, mit der die schleichende Indoktrinierung beginnt. Dann trifft man sich in kleineren Freundesgruppen auch persönlich. Es gibt auch junge Frauen, die mit weiblicher Verführungskunst gezielt junge Männer umgarnen.    

 

Welche Rolle spielen die Familien dieser jungen Dschihadisten? 

 

Dounia Bouzar: Die Familien, die uns kontaktieren, sind zumeist sehr aufmerksam. Sie sind über die Medien informiert oder haben Bücher über den radikalen Islamismus gelesen. Und sie haben Veränderungen im Leben ihrer Kinder festgestellt, Anzeichen für Brüche: „Ich will meine alten Freunde nicht mehr sehen, weil sie nicht in der Wahrheit leben.“ „Ich höre auf, Gitarre zu spielen, Musik zu machen, weil das Teufelswerk ist.“ „Ich gehe nicht mehr in die Schule, weil das ein Projekt der Zionisten ist, mit dem wir alle in die Hölle gejagt werden sollen.“ Manche brechen auch ganz mit ihrer Familie. Die Eltern, die sich an uns wenden, sind allerdings nicht repräsentativ für die Gesamtheit der betroffenen Familien, die überwiegend aus den unteren sozialen Klassen stammen. Dort fehlt es oft an Vertrauen in die Institutionen und Verbände, und vielleicht kommen auch die Medieninformationen nicht richtig bei ihnen an. Diejenigen, die uns um Rat und Hilfe bitten, sind oft Lehrer, Beamte oder Mediziner, die sehr früh den Beginn einer Persönlichkeitsveränderung ihres Kindes bemerkt haben. Von den 120 Familien, um die wir uns derzeit kümmern, kommen nur fünf Prozent aus unteren Schichten der Gesellschaft, 95 Prozent entstammen den gehobeneren Millieus.

 

Wir können die Familien dann nur noch beraten, wie zum Beispiel den Kontakt zu ihrem Kind zu  halten, ohne dabei zu versuchen, es zur Vernunft zu bringen.

Dounia Bouzar - 08/09/2014

Haben sie einen Einblick in diese Familien der unteren Schichten, was sich dort vor dem Verschwinden ihres Kindes abgespielt hat? 

 

Dounia Bouzar: Abgesehen von einigen wenigen Familien im Allgemeinen nicht. Da ist es ohnehin meist schon zu spät; ihr Kind ist bereits weg. Wir können die Familien dann nur noch beraten und ihnen Verhaltensweisen beibringen, wie zum Beispiel den Kontakt zu ihrem Kind zu  halten, ohne dabei zu versuchen, es zur Vernunft zu bringen. Das ist oft der Fehler, den man jemandem gegenüber begeht, der ein geschlossen Weltbild hat, der in schwarz-weiss denkt. Denn je mehr sie versuchen, ihn von seiner Sicht der Dinge abzubringen, desto weiter wird er sich radikalisieren. Denn sie gehören nicht zu den Auserwählten, sie sind nicht im Besitz der alleinigen Wahrheit. Und jeden Versuch, ihr Kind in ihre Welt zurückzuholen, wird es als erneuten Verschwörungsversuch wahrnehmen. Wir dagegen empfehlen den Eltern, ihre Kinder emotional anzusprechen, von gemeinsamen Erinnerungen zu erzählen - „weisst du noch, damals die Bootsfahrt, die wir gemacht haben?“ oder so etwas. Wir raten, nur von solchen Dingen zu reden, die das Kind als Individuum  mit seiner alten Identität ansprechen. Das Problem dabei ist, das das über ein grosse Distanz geschieht, und dass man den Jugendlichen vor Ort kaum Hilfe leisten kann. Denn selbst wenn sie mithilfe unserer Methoden den Ideen des radikalen Islamismus abschwören und sich von den Dschihadisten distanzieren, sind sie vor der Verfolgung durch ihre alten Gesinnungsgenossen nicht sicher. Und nur jungen Männern kann eine Rückkehr nach Hause gelingen, jungen Frauen ist das   nahezu unmöglich, denn sie können sich in solchen Kriegsgebieten nicht frei bewegen.       

 

Viele indoktrinierte Jugendliche haben solche bestialischen Morde mit ansehen müssen.

Dounia Bouzar - 08/09/2014

Gibt es noch andere Möglichkeiten, diese Jugendlichen aus dem islamistischen Terrorwahn herauszubekommen?

 

Dounia Bouzar: Wie gesagt, wir versuchen zunächst, die Eltern der Betroffenen dazu zu bewegen, ihre Kinder emotional anzusprechen, zu berühren, um so langsam den Rest ihrer ursprünglichen Persönlichkeit  freizulegen. Daneben versuchen wir auch, den Jugendlichen Schritt für Schritt die Diskrepanz deutlich zu machen, die zwischen den hohen Ansprüchen der Dschihadisten, ihren Predigten und der Realität besteht. Denn in dieser Realität schneiden diese Leute anderen Menschen in Syrien, die nicht zu ihnen gehören wollen, die Kehle durch. Sie schlagen Andersgläubigen die Köpfe ab, den Christen etwa. Kurz – sie töten jeden, der nicht so denkt wie sie. Viele indoktrinierte Jugendliche haben solche bestialischen Morde mit ansehen müssen. Diese jungen Menschen, die angeblich zu humanitärer Hilfe für ihre Glaubensbrüder gekommen waren, und die jetzt am Telefon im Gespräch mit den Eltern weinen: „Mama, Papa, es gibt hier nichts Menschliches, nichts islamisches. Es gibt hier nur Leute, die anderen die Kehlen durchschneiden, sonst nichts.“ Wir nutzen einen solchen emotionalen Schock, um den Kern des totalitären Denkens in den Köpfen dieser Jugendlichen zu zerstören. 

 

Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: Thomas Simmon