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Rekordexodus französischer Juden gen Israel

Länder: Frankreich

Tags: Israel, Auswanderung, Juden

"Ich sage den Juden Frankreichs: eure Zukunft liegt hier, kommt zurück, in eure Heimat." Am Tag nach dem Massaker im koscheren Supermarkt, mit vier Toten - ausschließlich Juden - am 9. Januar 2015 in Paris, blieb der unmissverständliche Aufruf des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu während seines Wahlkampfes nicht ungehört. Der jüdische Staat stellte sich auf einen massiven Zustrom von Franzosen jüdischer Konfession ein. Ein Jahr danach hat sich ein Teil seiner Vorhersagen bewahrheitet. Die Zahl der französischen Einwanderer nach Israel liegt zwischen Januar und Dezember 2015 nach Einschätzung der staatlichen, für die Einwanderung von Juden zuständigen "Jewish Agency for Israel" bei 7.900 – seit der Staatsgründung von 1948 ein Rekord. Zuvor hatte schon 2014 historischen Charakter: 7.200 Franzosen jüdischer Konfession sind nach Israel ausgewandert, haben also ihre Alija gemacht – zum ersten Mal in seiner Geschichte wurde Frankreich zum Auswanderungsland Nummer eins nach Israel.

 

 

Dennoch bleibt die Zahl 7.900 hinter den Prognosen Daniel Benhaims zurück, der Anfang 2015 "für dieses Jahr zwischen zehn- und fünfzehntausend Einwanderer" prophezeite. Die Auswirkungen des Massakers im jüdischen Pariser Supermarkt "Hyper Cacher" ließen sich nur auf lange Frist bemessen – so der Direktor der französischen Delegation der "Jewish Agency for Israel" in einem Telefoninterview gegenüber ARTE Info: "Selbst wenn diese Vorfälle zu einer Entscheidung führen, wird diese normalerweise erst ein, zwei oder drei Jahre später in die Tat umgesetzt. Es besteht eine zeitliche Verzögerung zwischen der Entscheidung zur Ausreise und der Ausreise an sich." Gleichzeitig, hebt er hervor, habe die Einwanderungswelle nicht erst mit den Attentaten von Januar eingesetzt: "Der eigentliche Wendepunkt war das Massaker an der jüdischen Schule Ozar-Hatorah in Toulouse", begangen von Mohammed Merah am 11. März 2012, dem drei Kinder und ein Lehrer zum Opfer fielen.

 

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Drei Krisen: "Identität, Sicherheit und Wirtschaft"

Worunter leidet die größte jüdische Gemeinde Europas, mit schätzungsweise einer halben Million Mitgliedern? Auch wenn "jeder – ob Jugendlicher, Familie oder Ruheständler – sich seine individuelle Mischung an Ausreise-Gründen strickt", schreibt Daniel Benhaim die massive Alija der Franzosen drei Krisen zu: "Identität, Sicherheit und Wirtschaft":

1. Eine Identitätskrise: "Folgen, wie zum Beispiel aus Nicolas Sarkozys Debatte über nationale Identität. Sobald Identität infrage gestellt wird, untergräbt das eine gewisse Form von Stabilität."

2. Eine Sicherheitskrise: "Frankreich erfährt einen neuen Anstieg von Antisemitismus in Worten und in Taten. Neun Menschen wurden im Laufe der vergangenen zehn Jahre getötet, weil sie Juden waren."

3. Eine Wirtschaftskrise: "Ganz besonders die junge Generation sieht in Israel ein dynamisches Land mit blühender Wirtschaft, das Eigeninitiative unterstützt, im Gegensatz zu einem alternden Europa. Unabhängig von ihrem jüdischen Charakter steht die Alija der Franzosen im Zeichen allgemeiner Migrationsbewegungen, von denen Frankreich betroffen ist. Die Jungen sehen die Zukunft weniger verheißungsvoll und versuchen ihr Glück woanders."

 

Die Alija aus Russland und der Ukraine

Weltweit hat die Alija guten Zulauf. Für 2015 gibt die "Jewish Agency" die Zahl der Immigranten mit 30.000 an – einen seit 2002 nie wieder erreichten Stand. Während das Kontingent an äthiopischen Juden stark zurückgeht und aus den USA annähernd gleich bleibt, wanderten – wie aus Frankreich – Juden vor allem aus zwei Ländern nach Israel aus: der Ukraine und Russland, mit 7.300 bzw. 7.100 Emigranten in 2015.

Die Gründe hierfür sind nach Angaben Natan Sharanskys, dem Präsidenten der israelischen JTA – der "Jewish Telegraphic Agency" – wirtschaftlicher und geopolitischer Natur: "Die russische Alija nahm infolge der Finanzkrise von 2014 zu, im Zuge derer der Rubel auf die Hälfte seines Dollarwertes fiel – und auch als Folge einer Angst der Juden vor einem Aufstieg des Nationalismus. Die Ukraine wiederum taumelte nach der blutigen Revolution von 2014 und der Abspaltung zweier pro-russischer Regionen im Osten des Landes in eine Rezession."

Hinsichtlich der Anzahl französischer Juden, die seit der Gründung des Staates Israel emigriert sind, war 2015 ein Rekordjahr. 2015 stieg die Zahl der Emigranten nach Israel wieder auf den Stand von Anfang des 19. Jahrhunderts.

 

Die Zahlen für 2015 basieren auf Schätzungen der Jewish Agency for Israel und die Bezeichnung "Ehem. UdSSR", die sich auf die ehemaligen Sowjetrepubliken bezieht, wird so in offiziellen Statistiken verwendet.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016