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Radikalisierung und Gewaltbereitschaft: Wie kommt es dazu?

Länder: Frankreich

Tags: Radikalisierung, Studie, Gewalt, Terrorismaus, Islamismus, Dschihad

Seit alle europäischen Großstädte ins Fadenkreuz des Terrorismus geraten sind, suchen die Regierungen nach Antworten auf diese neue Bedrohung: Notstands- und Anti-Terror-Gesetze, Zentren zur Entradikalisierung gehören dazu. Über die Mechanismen aber, die dazu führen, dass Individuen überhaupt radikal und gewaltbereit werden, wissen wir noch wenig. Anfang August haben vier französische Forscher eine Studie dazu veröffentlicht, (hier im Volltext auf Französisch zugänglich). Das gesamte Vorjahr über haben sie intensive Gespräche mit 20 wegen Terrorismus verurteilten Personen geführt. 

Die Radikalisierung folgt bei jedem Individuum ihrer eigenen Logik, ein Universal-Typus des 'Radikalisierten' lässt sich nicht isolieren.

Thomas Lindemann und Romain Sèze

 

"Die Radikalisierung folgt bei jedem Individuum ihrer eigenen Logik, ein Universal-Typus des 'Radikalisierten' lässt sich nicht isolieren", stellen die Autoren gleich eingangs fest. Bilel Ainine, Xavier Crettiez, Thomas Lindemann und Romain Sèze, Soziologen mit Spezialgebiet Gewaltbereitschaft, haben die Entwicklungsgeschichte von 20 verurteilten Terroristen nachgezeichnet. Sie beschränkten sich dabei nicht nur auf Dschihadisten, sondern befragten auch Mitglieder von nationalistischen Terrororganisationen wie der baskischen  ETA und Iparretarrak sowie der korsischen FNLC (Front National de Libération Corse).

Sie suchten dabei nach Parallelen im Radikalisierungsprozess, die auch dort am Werk sind, wo keine religiösen, sondern ausschließlich nationalistische Motive im Spiel sind. Sie wollten damit vermeiden, den Dschihadismus zum "Radikalismus an sich" zu stilisieren und von anderen Formen der Radikalisierung zu trennen.

 

Wie den Terror stoppen?

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Vielfältige Wege in die Radikalität

Über ein Jahr lang führten die Forscher intensive Gespräche mit den 20 Terroristen. Sie suchten dabei nach Elementen in Kindheit, Schulzeit, Berufskarriere, aber auch in Freundschaftsbeziehungen und im Verhältnis zu Religion, Geschichte und Politik, die zur Radikalisierung haben beitragen können. Hauptergebnis dabei ist die Vielfalt der Entwicklungsgeschichten und der Motive für eine Radikalisierung.

Im Falle von Michel war es ein "Bruch in der Lebensgeschichte", der zum Auslöser wurde. Nach einem Verkehrsunfall, der ihn fast das Leben gekostet hätte, bekehrte er sich mit 18 Jahren zum Islam und näherte sich dem Salafismus an. Die Zugehörigkeit zu dieser erzkonservativen Strömung des sunnitischen Islam erscheint als eine mögliche unmittelbare Vorstufe der Zuwendung zum Dschihadismus.

Achir seinerseits erzählt von einem seit der Kindheit bestehenden Gefühl der Ungerechtigkeit in Bezug auf Diskriminierungen: "Ich war der einzige Araber in meiner Klasse. […] Wir wurden als Araber willkürlich auf die anderen Klassen aufgeteilt und hatten dort immer wieder Probleme, ich fühlte mich ein wenig verlassen. […] Ich hatte Probleme mit einem Lehrer, der mich "Karamelle" nannte, und andere Dinge in der Art." Obwohl sich Achir selbst nicht als "Opfer des Systems" empfindet und andere Elemente seine Radikalisierung mit erklären, haben diese Erfahrungen für ihn bis heute einen bitteren Nachgeschmack.

 

Kleinkriminalität und Außenseitertum sind keine konstanten Faktoren

Entgegen verbreiteten Überzeugungen sind radikalisierte Individuen nicht systematisch Schulaussteiger und Kleinkriminelle am Rande der Gesellschaft. Nacer etwa, einer der befragten Dschihadisten, hat einen Universitätsabschluss als Sportlehrer. Die meisten der Befragten waren zumindest vorübergehend erfolgreich ins Berufsleben integriert. Eine Vorgeschichte als Kleinkrimineller ist, so die Autoren der Studie, im Gegensatz zu weit verbreiteten Analysen in den Medien, keine Konstante auf dem Weg in die Radikalität.

 

Autodidaktische Annäherung an den Islam

Als ein gemeinsamer Punkt der befragten Radikalislamisten erwies sich, dass sie den Islam als Autodidakten entdeckt haben. Larbi, einer der Interviewten, bezeichnet sich sogar als "autodidaktischen Imam". Mit 20, erzählt er, glaubte er "an die Existenz eines Schöpfers", ohne sonst näher mit Religion zu tun zu haben. In der Folge stieß er auf den Märkten, auf denen er arbeitete, auf Audiokassetten religiösen Inhalts und begann nach und nach, Gebetsstätten zu frequentieren.

"Seine fleißigen und ernsthaften Studien", heißt es in der Untersuchung, "hätten ihm eine so bemerkenswerte Kenntnis des Koran verschafft, dass die Gläubigen seiner Moschee ihm am Ende vorgeschlagen hätten, den abtretenden Imam zu ersetzen. Mithilfe eines Buches über die Praxis der Koranpredigt beginnt er eine Karriere als autodidaktischer Imam und erringt allmählich ein gewisses Ansehen in manchen Gebetsstätten seiner Heimatstadt". Die autodidaktische Annäherung an den Islam ist ein Element, das die Autoren bei mehreren der befragten Dschihadisten festgestellt haben.

 

 

Der Mythos des 'lonewolf' scheint nur äußerst selten der Wirklichkeit zu entsprechen.

Die Soziologen der Studie

Der "Einsame Wolf" - ein Mythos

Den letzten Schritt zum Dschihad jedoch tun Islamisten, wie die Studie zeigt, meist unter dem Einfluss außenstehender Personen. "Der Mythos des 'lonewolf' scheint nur äußerst selten der Wirklichkeit zu entsprechen", halten die Soziologen fest. Der letzte Radikalisierungsschritt, schreiben sie weiter, "erfolgt unter dem aktiven Druck von Bezugspersonen, die über die Doppelkompetenz verfügen, den Gewalteinsatz moralisch zu rechtfertigen und die Zielperson auch praktisch im Waffengebrauch zu unterweisen".

Ein wiederkehrendes Element in der Vorstellungswelt der befragten Dschihadisten ist die "schrittweise Identifizierung mit einer unterdrückten Gemeinschaft", nämlich der der sunnitischen Muslime, die von "moralisch angeblich minderwertigen Feinden" bedrängt sind.

Häufig feststellbar sind auch "die Verweigerung gegenüber der Autorität" und der "Ausdruck eines Männlichkeitsideals", die laut den Autoren zu einer Banalisierung der Gewalt beitragen. Schließlich stellt die Studie fest, dass die Gewaltbereitschaft auch durch die "eschatologische Dimension" der radikalislamischen Ideologie gefördert wird: Diese kündigt systematisch ein Weltgericht an und predigt die Gewaltanwendung im Namen Allahs als Garantie dafür, der geretteten Gruppe anzugehören.

 

 

Stark entwickeltes geopolitisches Bewusstsein

"Die von uns befragten jungen Dschihadisten sind nicht nur tief von der radikalen Auslegung der religiösen Texte überzeugt, sondern entwickeln in sehr vielen Fällen auch einen relativ durchkonstruierten geopolitischen Diskurs", stellen die Autoren der Studie weiter fest. Von einer "starken anti-imperialistischen Komponente und einer klaren Neigung zu Verschwörungstheorien" geprägt, nehmen sie häufig Bezug auf das Feindbild Iran und denunzieren regelmäßig "die geopolitischen Interessen des Westens".

"Weit entfernt vom oft kolportierten Porträt des hirnlosen jungen Dschihadisten ohne jedes Bewusstsein für geopolitische Zusammenhänge, verfügen die Befragten in der Regel über rudimentäre, aber ausreichende Kenntnisse über die Weltpolitik und das Spiel der globalen Allianzen, die sie durch den Filter der Verschwörungstheorien interpretieren", heißt es dazu in der Studie.

 

 

Wer sind die Autoren dieser Studie? 

Bilel Ainine: Doktor in Politikwissenschaften, Spezialist für den Dschihad in Algerien, derzeit Post-Graduate-Forscher bei der Interministeriellen Mission zur Beobachtung und Bekämpfung des Sektenwesens

Xavier Crettiez: Vize-Direktor der Elite-Hochschule Science Po Saint-Germain-en-Laye und Autor von mehr als zehn Fachbüchern zur politischen Gewalt

Thomas Lindemann: Gastdozent für Politikwissenschaften an der UVSQ, Forscher an der Elitehochschule Polytechnique, international anerkannter Spezialist für Konfliktforschung

Romain Sèze: Doktor für Soziologie an der Elitehochschule EHESS, Spezialist für Zeitgenössischen Islam mit Forschungsschwerpunkt Prozesse der Radikalisierung und Motivationen zum Gewaltverzicht

Zuletzt geändert am 19. August 2017