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Putsch des Compaoré-Clans

Länder: Burkina Faso

Tags: Putsch, Afrika, Demokratie

Hinter der Geiselnahme der Übergangsregierung in Burkina Faso steckt der Clan des ehemaligen Präsidenten Blaise Compaoré. Ein Jahr nach der Revolution hat die Präsidialgarde des vor einem Jahr abgesetzten Präsidenten die Übergangsregierung in Geiselhaft genommen und einen Putschistenführer an die Spitze des Landes gesetzt. Die Krise gefährdet die hartnäckig in Bewegung gebrachte Demokratisierung in dem Land, in dem am 11. Oktober die lang ersehnten Präsidentschaftswahlen stattfinden sollten.

 

Nach der Geiselnahme des Übergangspräsidenten Michel Kafando, des Regierungschefs Yacouba Isaac Zida und mehrere Minister, erklärte ein Oberstleutnant der Präsidialgarde (RSP), das "irreguläre Übergangsregime" für abgesetzt. An ihre Stelle installierte sie die rechte Hand des ehemaligen Präsidenten Blaise Compaoré, den General Gilbert Diendéré. Die Putschisten verhängten außerdem eine Ausgangssperre, die Schließung der Grenzen und einen sofortigen Stopp des Luftverkehrs. 

Die Vereinten Nationen, die Afrikanische Union sowie die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft reagierten empört und unterstrichen ihre Solidarität gegenüber der Übergangsregierung. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte ihre sofortige Freilassung.

 

Michel Dumont

Michel Dumont ist ein profunder Kenner des westafrikanischen Landes. Nach dem Umsturz realisierte er für ARTE Reportage einen Beitrag über die Bürgerbewegung "Balai citoyen" mit ihrem charismatischen Leader "Smokey". Aktuell arbeitet der Journalist an einem Beitrag über die Vorbereitung der Präsidentschaftskandidaten. Dumont möchte nun so schnell wie möglich wieder nach Burkina Faso fliegen.

Die Präsidialgarde, eine 1.300 Mann starke Elitetruppe

Es ist ein offenes Geheimis, dass der Compaoré-Clan nach der Absetzung im Oktober 2014 weiterhin eng mit der Präsidialgarde (RSP) und den Militäroffizieren in Kontakt blieb. Die 1.300 Mann starke Truppe ist die am besten ausgebildete Einheit im Land. "Es ist eine Art Armee in der Armee, mit einer unübersehbaren Präsenz im alltäglichen Leben", wie der Journalist Michel Dumont von ARTE Reportage beschreibt. Nicht unwesentlich ist die Tatsache, dass die Präsidialgarde nach Beendigung der Übergangszeit aufgelöst werden sollte.

Michel Dumont ist erst vor wenigen Tagen aus der Hauptstadt Ouagadougou abgeflogen, nachdem er an einer Reportage über die geplanten Wahlen vom 11. Oktober gearbeitet hatte (siehe Box). Die Nachricht über den Putsch aus Westafrika haben ihn überrascht: "Die Stimmung in Burkina Faso war ruhig, es gabe keine Spannungen. Ich habe die Neuigkeit heute früh mit großem Erstaunen zur Kenntnis genommen. Damit hat niemand gerechnet." 

 

Sofortige Wiederaufnahme der Protestkundgebungen

Nachdem die Information über den Putsch bekannt gegeben wurde, versammelten sich vor dem Präsidentschaftspalast hunderte Demonstranten. Sie riefen "Nieder mit der RSP" und forderten die Freilassung der Geiseln. Außerdem wurde die Parteizentrale von Compaorés Partei CDP geplündert.

Auf den Fernsehbildern hat Michel Dumont auch das Gesicht des Rappers Smokey entdeckt, einem Protagonisten seiner früheren Reportage und Kopf der Bürgerbewegung "Balai citoyen", die vor einem Jahr erfolgreich gegen die versuchte Verfassungsänderung des Präsidenten Compaoré protestierten.

Michel Dumont hat heute Morgen mit dem Musiker telefoniert: "Die Jungs sind wieder auf der Straße. Sie sind fest entschlossen, mit aller Kraft gegen den Compaoré-Clan zu protestieren." Kurz vor den geplanten Wahlen sehen sie sich um die Früchte ihrer eigenen Arbeit beraubt. 

 

Unabhängiger Radiosender geschlossen

Die Medien blieben trotz der Ereignisse mehrheitlich stumm und lieferten keine konkreten Informationen zum Putsch. Der unabhängige Radiosender Omega FM, der zunächst über die Vorfälle berichtet hatte, wurde am 16. September von Soldaten geschlossen. Außerdem sollen die Motorräder und Autos der Radiomitarbeiter in Flammen aufgegangen sein. Einziger Zugang zu Informationen bleiben externe Sender, sagt Serge-Martin Bambara, ein pro-demokratischer Aktivist, in einem Interview mit dem BBC World Service:

 

 

Wie lautet die Strategie des Compaoré-Clans?

Der Journalist Michel Dumont geht davon aus, dass die nächsten zwei bis drei Tage für die weitere Entwicklung der Situation entscheidend sein werden. Er befürchtet, dass das Militär angesichts der heute verhängten Ausgangssperre hart gegen die Demonstranten vorgehen wird. 

Doch was bezweckt der Clan des ehemaligen Präsidenten mit diesem Putsch? "Der Compaoré-Clan möchte womöglich den Druck auf die Vereinten Nationen erhöhen. Sie werden vorschlagen, die Wahlen am 11. Oktober durchzuführen und im Gegenzug die Kandidaten der CDP-Kandidaten zu bestimmen", mutmaßt Dumont. Dann wird Compaoré sich oder seine Vertrauten ins Rennen bringen und dank seinen finanziellen Reserven alle Mittel in Bewegung setzen, um zurück an die Macht zu gelangen.

 
Vor einem Jahr: Sturz des "Dinosaurier-Präsidenten"

Am 30. Oktober 2014 hatte das Volk den Präsidenten Blaise Compaoré in einem kurzen, aber heftigen Aufstand vom Thron gestoßen. Anlass der Proteste war eine geplante Verfassungsänderung, mit der sich Compaoré eine weitere Amtszeit sichern wollte, nachdem er bereits 27 Jahre an der Spitze des Landes gestanden hatte. Die Ursache der Unruhen war eine lang andauernde Unzufriedenheit der Bevölkerung, weil Compaoré kaum etwas für die Entwicklung des Landes getan hatte. "Dinosaurier Präsident" Compaoré war 1987 dank eines Militärputsch an die Macht gekommen. In einem Interview mit ARTE Info im November 2014 gab Antoine Glaser, ehemaliger Chefredaktor von La Lettre du Continent, zu bedenken, dass sich der politische Filz auch nach dem Machtwechsel nicht auflösen würde: "Machen wir uns keine Illusionen, die Armee von Burkina Faso, Oberst Isaac Zida und sein Chef, der General Honoré Traoré aus der früheren Regierung des Präsidenten, bleiben auch weiter hinter den Kulissen aktiv." (zum vollständigen Interview). 

 

Nach den Unruhen vor einem Jahr reiste Michel Dumont für ARTE Reportage nach Burkina Faso, um die Mitglieder der Bürgerbewegung "Balai citoyen" zu portraitieren:


 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016