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Putins Traum vom großen Russland

Länder: Syrien

Tags: Syrien, Ukraine, Putin, Assad, Angst vor Russland

Schon in der Ukraine-Krise hat Russland Tatsachen gegen den Willen des Westens geschaffen, und auch in Syrien agiert Putin militärisch aggressiv und überrumpelt damit die zögernden Amerikaner und Europäer. Mit intensiven Luftschlägen zugunsten Assads setzt Putin den angesichts der Flüchtlingskrise zerstrittenen Westen noch stärker unter Druck. Putin leidet zwar unter den Wirtschaftssanktionen, außenpolitisch ist er aber genau dort, wo er sein will: im Zentrum des Weltgeschehens. Seine jüngste grausame Machtdemonstration: Aleppo. 

An der Grenze zur Türkei harren Tausende Menschen aus. Sie fliehen vor den Angriffen der russischen Luftwaffe und der syrischen Regierungstruppen auf die ehemalige Millionenmetropole Aleppo. Rund 300.000 Menschen sollen noch in den von Rebellen gehaltenen Vierteln der Stadt leben – sie müssen schon seit Jahren Bombenangriffe durch Assads Hubschrauber fürchten, doch nun schicken sich russische Kampfjets an, die ganze Stadt in Schutt und Asche zu legen. Für die Bewohner bleibt nur die Flucht, die für viele aber schon nach gut 50 Kilometern an der türkischen Grenze endet. Angesichts der neuen Flüchtlingswelle ist Ankara nicht mehr bereit, noch mehr Hilfesuchende ins Land zu lassen und errichtet eine Betonmauer an der Grenze. Europa empört sich über das Leid der Geflohenen, die in Kälte und Nässe ausharren müssen, weiß aber selbst nicht, wie es mit den Flüchtlingen umgehen soll. Immer tiefer sind die Gräben zwischen Asylbefürwortern und Asylgegnern, der Westen weiß nicht mehr weiter, und Wladimir Putin treibt ihn mit seinen Bomben auf Aleppo vor sich her.

 

Russland meldet sich auf der Weltbühne zurück

Krieg in der Ukraine

In unserem Dossier erfahren Sie mehr zur Lage im Osten der Ukraine.

Der Krieg in Syrien demonstriert die Schwäche des Westens und die Stärke Russlands. Putins Truppen können in Syrien Tatsachen schaffen, ohne dass ihnen jemand Paroli bieten könnte. Dieses Szenario erinnert an das Vorgehen Russlands in der Ukraine. Nachdem der frühere Machthaber Janukowytsch Ende Februar 2014 aus der Ukraine geflohen war und die pro-westlichen Aktivisten des Euromaidan einige Tage später eine Übergangsregierung unter Ministerpräsident Jazenjuk ausriefen, besetzten auf der Krim-Halbinsel russische Soldaten öffentliche Gebäude. Es folgte ein vom Westen nicht anerkanntes Referendum, und die Halbinsel wurde innerhalb weniger Tage russisch. Ab April folgten bewaffnete Auseinandersetzungen in Teilen der Ostukraine, Ämter und Polizeistationen wurden von pro-russischen Aktivisten gestürmt und Volksrepubliken ausgerufen. Seitdem herrscht im Osten der Ukraine Krieg, bei dem die Truppen der ukrainischen Regierung Separatisten gegenüberstehen, die immer offener von Russland mit Waffen und Soldaten unterstützt wurden. Zwar beschlossen EU und USA Sanktionen gegen Russland, doch die wirkten angesichts russischer Panzer und Kalaschnikows mehr als hilflos.

 

 

Russische Sanktionen

In unserer Reportage berichten türkische Unternehmer über die Auswirkungen der Wirtschaftssanktionen gegen ihr Land.

Machtprobe in Anatolien

Und auch im Süden bereitet die russische Außenpolitik immer mehr Kopfzerbrechen. Seitdem im November vergangenen Jahres das türkische Militär einen russischen Kampfjet abgeschossen hat, der in den türkischen Luftraum eingedrungen war, sind die Beziehungen zwischen beiden Ländern offen feindselig. Russland verhängte Sanktionen gegen die Türkei und die Rhetorik zwischen Ankara und Moskau wird immer aggressiver. Putin könnte seine Macht in der Region ausbauen, befürchten türkische Beobachter, indem er die Kurden in Syrien und der Türkei unterstützt. Die Kurden kämpfen im Norden Syriens und haben traditionell gute Verbindungen nach Russland, wo es bis in die 1990er-Jahre militärische Trainingslager für Kurden gab. Im Dezember war der Chef der türkischen Kurdenpartei HDP zu Besuch in Moskau, wo er vom russischen Außenminister Lawrow empfangen wurde. Putin könnte die russischen Verbindungen mit den Kurden nutzen, um Erdogan unter Druck zu setzen. Sollte der Kreml die Kurden militärisch unterstützen, droht der Türkei in den Kurdengebieten ein Alptraum.

 

Syrien: Russlands Stellvertreterkrieg

Syrienkrieg

In unserem Dossier erfahren Sie mehr über den Krieg in Syrien und den Stand der Friedensverhandlungen.

Der Krieg in Syrien ist der folgenschwerste Beweis dafür, dass Russland wieder die Fäden der Weltpolitik in den Händen hält. Während der Westen nach dem arabischen Frühling auf demokratische Kräfte im Nahen Osten gesetzt hat, stand und steht Moskau zum syrischen Machthaber Baschar al-Assad. Als Barack Obama vor zwei Jahren die internationale Anti-Terror-Koalition aus westlichen und arabischen Staaten auf die Beine gestellt hat, wollte er einerseits die Terror-Gruppe "Islamischer Staat" schwächen, andererseits aber auch den syrischen Diktator Assad aus dem Amt treiben und mit Unterstützung Saudi-Arabiens und der Türkei eine sunnitische Regierung einsetzen. Russland fing im September vergangenen Jahres ebenfalls mit Bombardements in Syrien an um den Terror zu schwächen. Tatsächlich wollte Moskau aber vor allem Assad unterstützen, der sich in der Defensive befand. Unter keinen Umständen wollte Putin seinen Verbündeten verlieren und eine Regierung im Amt sehen, die von seinen Rivalen unterstützt wird. Durch die russischen Luftschläge gestärkt konnte die Allianz aus syrischen Regierungstruppen und iranischen und libanesischen Kämpfern Boden gut machen und Rebellen und Islamisten zurückdrängen. Nun greift die von Russland geführte Koalition Aleppo an. Die Großstadt könnte der Wendepunkt des Krieges sein. Und Aleppo steht kurz vor dem Fall.

 

Putin treibt den Westen in die Enge

Seit Russlands Intervention spricht niemand mehr von einer Lösung für Syrien ohne Assad – selbst seine entschiedensten Gegner, die USA und Frankreich, sind bereit, Kompromisse einzugehen. Russlands Eingreifen treibt noch mehr Menschen in die Flucht nach Europa, die wiederum die EU immer mehr unter Druck setzen. In Europa werden die Gräben immer tiefer zwischen Asyl-Befürwortern und Asyl-Gegnern. An den Binnengrenzen in der EU wird wieder kontrolliert, und die EU-Mitgliedsstaaten sind immer seltener zu Kompromissen bereit.

Während Europa so entzweit ist wie selten zuvor, ist die amerikanische Außenpolitik zögerlich und zurückhaltend. Immer weniger US-Bürger wollen noch, dass ihr Land den "Weltpolizisten" spielt, und Obama ist nicht bereit, sich stärker in Syrien zu engagieren. Und Putin nutzt die Schwäche seiner Rivalen, um auf der Bühne der Weltpolitik wieder den Ton anzugeben. Das Leid der Menschen, die aus Aleppo und all den anderen zerstörten Städten fliehen, scheint für die Militärstrategen nur ein vernachlässigbarer Nebeneffekt zu sein.   

 

Putins Achillesferse: Die Wirtschaft
So stark sich der russische Präsident auf der internationalen Bühne präsentiert, so verwundbar ist er. Die wirtschaftliche Situation Russlands hat sich im vergangenen Jahr deutlich verschlechtert. Noch halten die Russen ihrem Präsidenten die Treue, doch sollte der Lebensstandard dauerhaft sinken, könnte es mit der Gefolgschaft bald vorbei sein. 

Russland

 

Zuletzt geändert am 26. September 2016