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"Putin handelt richtig"

Länder: Russland, Ukraine

Tags: Tolstoï, Putin, Ukraine

Piotr Tolstoï ist Starjournalist des ersten öffentlichen russischen Fernsehens TV1, für das er jeden Sonntag eine Sendung mit politischen Analysen moderiert. Er ist Nachkomme des berühmten Schriftstellers Léon Tolstoï und glühender Verteidiger von Wladimir Putin. Die Redaktion des ARTE Journals hat ihn am 9. April 2014 zur Ukraine-Krise befragt. Tolstoï ist überzeugt, dass die westliche Analyse der russisch-ukrainischen Krise verfälscht sei.

 

Die Europäische Union betreibt eine Politik der Doppelmoral. Und das was Wladimir Putin heute macht, was Russland tut, das ist die ruhigste und tolerantest mögliche Reaktion.

Herr Tolstoi, was halten Sie von Wladimir Putins Ukraine-Politik?
Pjotr Tolstoi:
 Ich glaube, dass es in den vergangenen zwanzig Jahren kein anderes großes Land gegeben hat, das so viel für die Unabhängigkeit und die wirtschaftliche Entwicklung des Ukraine getan hat, wie Russland. Leider zirkulieren heute im Westen gewisse Klischees über Russlands angeblich aggressive Politik gegenüber der Ukraine, aber die stimmen so nicht. Der Graben zwischen Russland und dem Westen ist heute sehr tief, und es ist schwierig, den Leuten den tatssächlichen Stand der Dinge zu erklären. Also jenen Leuten, die an die ukrainische Revolution glauben, die die gegenwärtige Führung in Kiew anerkennen, die von der Annexion der Krim reden, und die Menschen im Südosten der Ukraine als Separatisten verurteilen, weil sie unzufrieden mit der Politik in Kiew sind. Hier gibt es einen Bruch zwischen zwei Sichtweisen, zwischen zwei Werten. Die Europäische Union betreibt eine Politik der Doppelmoral, beziehungsweise sie hat keine Politik gegenüber der Ukraine, wie ich meine. Und das was Wladimir Putin heute macht, was Russland tut, das ist die ruhigste und tolerantest mögliche Reaktion.

 

Sie sind also der Meinung, dass die Ukraine Russland braucht.
Pjotr Tolstoi:
 Für mich exististiert die Ukraine ohne Russland nicht, und Russland nicht ohne die Ukraine. So wie die Europäische Union nicht ohne Russland existiert, weil in der heutigen Welt alle Länder miteinander verbunden sind. Das, was heute in der Ukraine passiert, das ist die größtmögliche vorstellbare Katastrophe, und dafür ist die Europäische Union allein und vollständig verantwortlich, so wie alle Politiker die sich an dem Staatsstreich in der Ukraine im Februar beteiligt haben. 

 

 Ein weit verbreiteter Irrtum des Westens ist, dass der Zar oder der Tyrann Wladimir Putin den Ukrainern, die von Freiheit und der Europäischen Union träumen, Böses antut.

Wie groß ist die Unterstützung für Putins Politik denn heute in der russischen Bevölkerung?

Pjotr Tolstoi: Die letzten Umfragen nach der Rückkehr der Krim zum russischen Staatsgebiet genießt Wladimir Zustimmung von 83 Prozent der Bevölkerung, und das ist aus meiner Sicht auch gerechtfertigt. Ein weit verbreiteter Irrtum des Westens ist, dass der Zar oder der Tyrann Wladimir Putin den Ukrainern, die von Freiheit und der Europäischen Union träumen, Böses antut, aber das ist nicht wahr. Das, was Wladimir Putin tut, wird von einer großen Mehrheit der Russen begrüßt.

Das Problem besteht in der Sichtweise des Westens und in den Sanktionen, die zu nichts führen. Ein weiteres Problem ist, dass Wladimir Putin zwanzig Jahre auf bessere Zusammenarbeit gewartet und gehofft hat, dass der Westen die nationalen Interessen Russlands versteht und respektiert. Und jetzt, nachdem was sich in der Ukraine abgespielt hat, konnte Russland nicht länger tatenlos zuschauen. Denn das Gefühl, dass Russland auf internationaler Ebene nicht länger beleidigt werden darf, das wird von einer großen Mehrheit der Russen geteilt. Es gibt da also keinen Unterschied zwischen dem, was Putin tut und dem, was die Leute denken.

Ich kann Ihnen sogar sagen, dass viele Russen das Vorgehen Putins im Hinblick auf die Ereignisse in der Ukraine für zu tolerant und in Bezug auf den Westen für zu passiv halten.
 

Russland verleibt sich von sich aus keine Territorien ein, es sind aber Millionen von Menschen, die das fordern. Die wollen mit dieser pro-europäischen Marionetten-Diktatur in Kiew nichts zu tun haben. 

Was glauben Sie, wie es nun weitergeht?
Pjotr Tolstoi:
 Ich habe gerade mit drei Vertretern der pro-russischen Rebellen aus Donezk, Charkow und Lugansk in der Südost-Ukraine gesprochen, den drei Insustriezentren in der Region. Sie sagen, dass viele Menschen dort die Unabhängigkeit von dem Regime in Kiew fordern, sie wollen ihrenen eigenen Maidan, so wie der in Kiew. Sie verlangen Sicherheit und Schutz vor den intoleranten Ultranationalisten in Kiew. Sie verlangen ein föderales System für die Ukraine oder zumindest einen Autonomie-Status für ihre Region. Es muss  aber um jeden Preis die Katastrophe verhindert werden, dass die Ukraine in zwei Teile zerbricht. Wie alle künstlich zusammengefügten Länder durchläuft heute auch die Ukraine, die in den gegenwärtigen Grenzen ja so nie existiert hat, eine tiefe Identitätskrise, die den beiden unterschiedlichen Landesteilen geschuldet ist. Der Westen und der Osten, der die Leute, die in Kiew an die Macht gekommen sind, nicht akzeptiert, die lediglich von den USA und den Europäern anerkannt werden. 

 

Glauben Sie, dass Wladimir Putin danach trachtet, die südöstlichen Teile der Ukraine ebenfalls in das Staatsgebiet der Russischen Föderation einzugliedern?

Pjotr Tolstoi: Nein, überhaupt nicht. Russland hat daran kein Interesse. Anders als man im Westen vielleicht glaubt, ist Russland ja nun kein kleines Land; wir brauchen also keine ukrainischen Territorien und schon gar nicht die Wirtschaftsprobleme des Landes. Wir würden gerne sehen, dass die Ukraine in ihren eigenen Grenzen bestehen bleibt. Russland verleibt sich von sich aus keine Territorien ein, es sind aber Millionen von Menschen, die das fordern. Die wollen mit dieser pro-europäischen Marionetten-Diktatur in Kiew nichts zu tun haben. Sie wollen in ihrem Land, in ihren Häusern ihre Sprache sprechen dürfen, sie wollen eine gesicherte Zukunft für ihre Kinder. Russland trägt daran keine Schuld, Russland tut alles was es kann, um den Menschen dort dabei zu helfen, einen Kompromiss mit dem pro-europäischen Westen der Ukraine zu finden, einen autonomen Status der Region innerhalb der Ukraine.

 
Zuletzt geändert am 7. September 2016