|

Punta de Rieles - das andere Gefängnis

Länder: Uruguay

Tags: Gefängnis, Kriminalität

Wie lässt sich der Strafvollzug reformieren? Seit Jahren belegen Berichte schlechte Haftbedingungen und hohe Rückfallquoten. Das ist in Uruguay, jenem kleinen Land zwischen Brasilien und Argentinien, nicht anders. Im Jahr 2009 klingelten infolge eines vernichtenden Berichts bei der UNO die Alarmglocken. Auf die drei Millionen Einwohner Uruguays kommen etwa 10.000 Häftlinge. Das Land, welches für seine Reformpolitik bekannt ist, möchte versuchen, das zu ändern. 

Punta de Rieles, la prison qui fonctionne comme un village

 

Vor zwei Jahren öffneten die Behörden in der Hauptstadt Montevideo ein Gefängnis mit "menschlichem Gesicht". Hier werden die 500 Insassen, meist Straffällige und Mörder, besonders ermutigt, sich ein eigenes Geschäft, eine Bäckerei, einen Friseurladen, eine Werkstatt aufzubauen. Die Initiative steht noch am Anfang, die Entwicklung aber ist ermutigend: Die Rückfallquote ist viel niedriger als in anderen Gefängnissen in Uruguay. Nun interessieren sich andere Länder in der Region ebenfalls für dieses Konzept.

Die Gefängnisleitung von Punta de Rieles erlaubte uns die ganze Zeit, uns frei zu bewegen. Auch in die Zellen durften wir, was im normalen Gefängnisbetrieb nicht möglich ist. Wir waren überrascht von der relativ "entspannten" Atmosphäre, die in diesem Zuchthaus herrscht. Bis 17 Uhr sind die Türen der Baracken geöffnet, die Gefangenen durchstreifen die ländlichen Alleen. Ihre Familien, die sie drei Tage die Woche besuchen dürfen, sammeln sich auf dem Grillplatz oder in kleinen, von den Insassen angelegten Restaurants. Die Polizisten sind unbewaffnet und greifen nur im Falle eines Konfliktes ein, auch das wirkt sich auf die Stimmung aus. 

 

"Die Gefangenen können nur Würde lernen, wenn sie mit Würde behandelt werden."

Luis Parodi - Gefängnisdirektor

 

"Seit mehr als einem Jahrhundert erleben wir das Versagen der Gefängnispolitik. Es ist Zeit, etwas Neues auszuprobieren", betont Luis Parodi, Leiter des Gefängnisses, der während der Diktatur im französischen Exil gelebt hat. Für den Sozialpädagogen "können die Gefangenen nur Würde lernen, wenn sie mit Würde behandelt werden." Und das Gefängnis sollte so weit wie möglich der Welt draußen ähneln, das ist der beste Weg zur Wiedereingliederung.

Daher müssen hier alle Gefangenen entweder lernen, an einer kulturellen Aktivität teilnehmen oder arbeiten und werden mit Aussicht auf Strafmilderung ermutigt, ihre eigenen Unternehmen zu gründen. Heute gibt es ungefähr dreißig davon, ein Betonwerk, ein Lebensmittelgeschäft, ein Grillrestaurant, eine Schreinerei. Ebenso erstaunlich: Mobiltelefone sind erlaubt, wodurch es den Unternehmern möglich ist, ihre Lieferungen nach draußen zu organisieren. Sie müssen nur eine kleine lokale Steuer an das Gefängnis zahlen, die in einen Solidaritätsfond fließt, der die Entwicklung neuer Projekte unterstützt. Drei ehemalige Gefangene sind sogar freiwillig nach Punta de Rieles zurückgekehrt, um hier zu arbeiten.

 

Das Gefängnis bleibt nichtsdestotrotz ein Gefängnis, das vor allem mit Suchtproblemen zu kämpfen hat. Die "Pasta baste", ein Derivat des Kokains, das verheerende Schäden in Lateinamerika anrichtet, schafft es, den sehr offenen Strafvollzug zu infiltrieren. Für die Zukunft plant man in Punta de Rieles, ein Behandlungszimmer und einen Druckraum einzurichten, doch vorerst bleibt die Hauptwaffe gegen den Drogenhandel die Abschreckung: bei Drogenbesitz, zum Beispiel im Zusammenhang mit einer Messerstecherei, droht den Tätern die Abschiebung in ein herkömmliches Gefängnis, wo es weniger freundlich zugeht. Sexualstraftäter sind noch nicht zugelassen, da "sie oft von anderen Insassen unterdrückt werden", erklärt der Gefängnisleiter. Auf gewisse Art und Weise ist Punta de Rieles also ein selektives Gefängnis, was auch die bisher sehr niedrige Rückfallquote erklärt, die weniger als die Hälfte des Wertes in den anderen Gefängnissen des Landes beträgt.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016