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Pro: Uwe-Christian Arnold

Länder: Deutschland

Tags: Uwe-Christian Arnold, Euthanasie, Sterbehilfe

Uwe-Christian Arnold ist pensioniertet Urologe. Der Sterbehelfer aus Berlin hat in den letzten 15 Jahren zahlreichen Menschen beim Freitod geholfen und ist eines der prominentesten Gesichter der Pro-Sterbehilfe-Bewegung.

Magali Kreuzer, ARTE Journal : Wieso sind Sie für Sterbehilfe?

 

Uwe-Christian Arnold, Sterbebegleiter: Ich bin der Meinung, Sterbehilfe gehört für Ärzte genauso dazu, wie Krankheiten zu heilen. Da gehört es am Ende des Lebens auch dazu, Sterbehilfe zu leisten.

 

Haben Sie bereits Personen beim Suizid geholfen?

 

Uwe-Christian Arnold: Ja, vielen. Mehreren Hundert.

 

Wie kann man sich das vorstellen?

 

Uwe-Christian Arnold: Die Menschen kommen auf mich zu und unterbreiten mir ihre Situation. Wir sprechen darüber und wenn ich mich davon

 Ich erkläre den Patienten, wie man sich legal Medikamente verschaffen kann und gebe ihnen eine Anleitung, wie man das macht."

Uwe-Christian Arnold, Sterbebegleiter

überzeugen kann, dass die medizinischen Voraussetzungen und die Lebenssituation stimmen, dass der Schritt wohl überlegt ist und wir wenn möglich auch Zeit haben, damit sich die Leute das gut überlegen können und dann erst wieder an mich herantreten – das kann auch manchmal Jahre dauern -, dass keine psychische Erkrankung vorliegt – denn die sind für mich eine No-Go-Area – und vor allem dass keine weiteren medizinischen Alternativen bestehen, dann sage ich ihnen zu, dass ich ihnen beim Freitod helfen werde. Dann erkläre ich den Patienten, wie man sich legal Medikamente verschaffen kann und gebe ihnen eine Anleitung, wie man das macht. Wenn sie das wünschen, bin ich während des entscheidenden Moments dabei. Viele machen es auch alleine. Suizid heißt ja, dass man das alleine macht.

 

Ist es nicht anmaßend, wenn Sie als Arzt über Leben und Tod entscheiden?

 

Uwe-Christian Arnold: Erst einmal entscheidet nicht der Arzt, sondern der Patient. Anmaßend ist es von den Anderen, dass sie den Leuten das verweigern. Ich maße mir überhaupt nichts an, ich berate. Patienten treten mit Wünschen an mich heran. Ich als Arzt muss entscheiden, ob ich diese Wünsche erfüllen kann oder nicht – ob sie mich nur bitten, dass ich ihnen den Blinddarm entferne oder ihnen am Ende des Lebens helfe. Es ist also nicht anmaßend, sondern nichts weiter als die Erfüllung des Anliegens der Menschen[…]. Es ist der Patient, der beurteilt. Man kann mir nicht anmaßen, ihm zu sagen: „Wissen Sie, Sie können noch ein bisschen weiterleiden.“ Eine Anmaßung ist es, wenn man einem Anderen vorschreibt: „Mach doch noch ein bisschen weiter.“ Die Kirche sagt, man könne noch ein bisschen Leiden ertragen.

Wir haben ein Grundgesetz, dessen Kern die Freiheit und die Selbstbestimmung sind. Da sollte man es den Menschen überlassen, dass sie das selbst entscheiden." 

Uwe-Christian Arnold, Sterbebegleiter

Und wenn man merkt, dass eine Person da gestört ist, merkt man das. Da sagt man der Person: „Meinen Sie nicht, dass das, was Sie vorhaben, im Moment noch nicht angezeigt ist?“

 

Wie können Sie sicher gehen, dass dem Patienten nicht auf andere Weise geholfen werden kann?

 

Uwe-Christian Arnold: Ich muss davon überzeugt sein, dass keine andere Möglichkeit besteht. Bei mehr als 50 Prozent der Fälle ist das so, dass die Menschen verzweifelt sind mit ihrer körperlichen Situation und nicht wissen, was alles noch machbar wäre. Oft haben sie die Krankenhäuser oder die Ärzte mit dem Begriff „austherapiert“ weggeschickt. Man könne nichts mehr machen. Man kann immer etwas machen. Denn die Palliativmedizin ist sicherlich ein ganz wichtiger Punkt, der viel zu wenig eingesetzt wird und viel mehr ausgebaut werden müsste. Viele Menschen wissen gar nicht, welche Möglichkeiten ihnen eine moderne Schmerztherapie ermöglicht, um noch ein wenig länger ihr Leiden zu ertragen. Es gibt aber auch Menschen, die in einer körperlichen Situation sind, in der sie kurz vor ihrem natürlichen Tod stehen. Sie wollen das aber nicht unbedingt bis zum Ende erleben, sie sagen mir: „Was auch immer mir die Palliativmedizin anbieten kann, ich will nicht bis zum Schluss leiden. Ich will mein Leben beenden, wenn ich noch halbwegs aufrecht gehen kann und auch noch selber das tun kann, bevor ich mich völlig in die Abhängigkeit der Palliativmedizin begebe.“

 

Sterben ist ein natürlicher Prozess. Sollte man den wirklich beeinflussen?

 

Uwe-Christian Arnold: Ich denke schon, dass man den beeinflussen sollte, kann und darf. Denn das Sterben wird durch die moderne Medizin verlängert und herausgezögert – auch aus finanziellen Erwägungen heraus, denn sterbende und schwerkranke Menschen bringen viel Geld in die Krankenkassen und in die Einrichtungen. Wenn die Medizin das Leben so extrem verlängert, wie es in den letzten 50 Jahren der Fall war, dann kann man auch sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Und dann sollen Ärzte auch helfen.

 

Wie können Sie sichergehen, dass der Sterbewunsch authentisch ist, dass er einem ernsthaft bedachten Entschluss zugrundliegt?

 

Uwe-Christian Arnold: Ich muss sichergehen, dass der Entschluss reiflich, selbst bestimmt und wohl überlegt gefasst worden ist. Dafür braucht man Gespräche und Zeit. Irgendwann hat man sich davon überzeugt, dass dieser Wunsch nachvollziehbar und mit voller geistiger Klarheit geäußert worden ist. Viele Suizidbitten sind ja Hilferufe zum Weiterleben. Das ist ein Argument für die Suizidhilfe. Die Menschen können in

Sterben will eigentlich niemand. Bei bestimmten Erkrankungen kann man verstehen, dass ein Mensch damit nicht mehr leben kann."

Uwe-Christian Arnold, Sterbebegleiter

diesen verzweifelten Situationen zu jemandem gehen, der sie nicht gleich in die Psychiatrie einweist, sondern mit den Personen über das Problem redet. Wenn man den Personen nicht gleich mit der Psychiatrie droht oder sagt, der Suizidwunsch sei der Ausdruck einer psychischen Erkrankung, dann kommt man ins Gespräch. Dann merkt man, dass es ein Hilferuf ist. Eigentlich wollen die Menschen weiterleben. Ihr Lebenserhaltungstrieb ist viel größer, als man es sich vorstellen kann. Sterben will eigentlich niemand. Bei bestimmten Erkrankungen – die Krebserkrankungen, die neurologischen Erkrankungen – kann man verstehen, dass ein Mensch damit nicht mehr leben kann. Es gibt auch Erkrankungen, die sich über die Jahre verschlechtern.

 

Verstoßen Sie mit der Suizidhilfe nicht gegen den von Ärzten abgelegten Eid, Leben zu retten?

Uwe-Christian Arnold: Diesen Eid gibt es nicht. Der Eid, den wir Ärzte schwören, verpflichtet uns, neben der Lebenserhaltung und der Linderung von Leid im Sinne der Menschlichkeit zu handeln. Was Menschlichkeit ist, das definiert jeder Mensch für sich. Auch der Arzt.

 

Was halten Sie von der derzeitigen Debatte über Sterbehilfe? Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe von der CDU will ja jede Form geschäftsmäßiger Hilfe bei der Selbsttötung verbieten lassen.

 

Uwe-Christian Arnold: Es geht darum, die organisierte und kommerzielle Hilfe bei der Selbsttötung zu verbieten. Wie ein Arzt im Einzelfall seinem Patient hilft, darum geht es gar nicht. Das soll weiter möglich sein. Man belässt es also in der Grauzone, was ich persönlich nicht gut finde. Natürlich ist es nicht gut, dass Personen aus Frankreich oder Deutschland dafür in die Schweiz fahren müssen. Das ist ja wie damals bei der Abtreibung. Man hat die Situation dann geregelt. Es hat keine Massenabtreibungen gegeben. Und es wird auch keinen Massensuizid geben.

 

Sind Sie für aktive Sterbehilfe?

 

Uwe-Christian Arnold: Aktive Sterbehilfe ist ein Sonderthema vor allen Dingen in Deutschland. Hierzulande ist sie verboten. Ich bin auch dagegen. Vielleicht wird man in einigen Jahrzehnten an aktiver Sterbehilfe nicht vorbei kommen, weil es Situationen gibt, in denen man nur aktiv helfen kann. Aber es müssen immer Ausnahmen sein. Wenn man so etwas macht, muss man das auf jeden Fall unter sehr strengen Kriterien durchführen. Aktive Sterbehilfe gibt es schon bei Säuglingen, die kaum lebensfähig sind. Ihr Leben wird beendet. Das entscheidet ein

 Die Menschen müssen sich rechtzeitig überlegen, ob sie die Welt verlassen wollen oder nicht. Wer vorhat, sein Leben zu beenden, der muss nicht so lange an seinem Leben festkleben, bis ihm nur noch die aktive Sterbehilfe bleibt."

Uwe-Christian Arnold, Sterbebegleiter

Klinikkomitee. Darüber redet nur keiner. Da werden bestimmte Kriterien eingehalten. Warum soll das nicht bei anderen Menschen bei bestimmten Krankheiten auch so sein? Es gibt Krankheiten, bei denen sie sehr lange leben. Dann können sie nicht mehr selber ihr Leben beenden. Dann sind sie auf einen anderen Menschen angewiesen. Wenn sie nicht nur die Therapie abbrechen – dazu ist der Arzt verpflichtet – dann müssen sie aktiv beim Sterben helfen. Das sind aber ganz seltene Ausnahmefälle. Die Menschen müssen sich rechtzeitig überlegen, ob sie die Welt verlassen wollen oder nicht. Wer vorhat, sein Leben zu beenden, der muss nicht so lange an seinem Leben festkleben, bis ihm nur noch die aktive Sterbehilfe bleibt. Das ist zwar traurig und tragisch, aber das muss man so sehen. Das ist ein schwerwiegender Entschluss, den man rechtzeitig fällen kann. Ich sehe gerade in Deutschland mit unserer Geschichte das Problem mit der aktiven Sterbehilfe. Deshalb ist sie bei uns im Strafrecht ganz klar verboten. Das sollte auch zumindest vorerst so bleiben. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016