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Polen – Kein Recht auf Abtreibung?

Länder: Polen

Tags: Abtreibung, Gesetzgebung

Die katholische Kirche startet einen neuen Angriff auf das Abtreibungsrecht in Polen – oder das, was davon übrig ist.

Dabei ist das Abtreibungsrecht in Polen ohnehin nur noch rudimentär vorhanden: Im Heimatland von Johannes Paul II., wo sich neun von zehn Bürgern zum Katholizismus bekennen,  ist der freiwillige Schwangerschaftsabbruch nur im Fall von Vergewaltigung, Inzest, körperlicher Gefährdung der werdenden Mutter sowie unheilbaren oder lebensgefährlichen Krankheiten des Fötus erlaubt. Die katholische Kirche findet das Gesetz zu locker – und unterstützt einen Gesetzentwurf, der Abtreibung gänzlich verbieten soll.

 

Der neue Text, den mehrere abtreibungsfeindliche Volksinitiativen vorgelegt haben, erlaubt einen Schwangerschaftsabbruch nur dann, wenn das Leben der Mutter akut in Gefahr ist. Außerdem sollen Personen, die  illegale Abtreibungen durchführen, härter bestraft werden – mit bis zu fünf statt bisher zwei Jahren Haft. 100 000 Unterschriften sind nötig, damit das größtenteils konservative Unterhaus über den Entwurf berät. In einem Land, dessen Bevölkerung mehrheitlich gegen das aktuelle Abtreibungsgesetz zu sein scheint, liegt das durchaus  im Bereich des Möglichen.

 

„Das Gesetz Gottes geht vor den Gesetzen des Menschen.“ 

 

Wird der Gesetzentwurf angenommen, setzt er dem ohnehin schon stark beschnittenen polnischen Abtreibungsrecht ein endgültiges Ende. De facto ist eine legale Abtreibung in Polen heute schon kompliziert: Viele Ärzte berufen sich im Namen der Religion auf die Gewissensklausel, um ihren Patientinnen eine Abtreibung zu verweigern. 

 

2014 unterschrieben über 3000 Ärzte, Medizinstudenten und Apotheker eine öffentliche Erklärung, die besagte, dass „das Gesetz Gottes vor denen des Menschen geht“, berichtet die französische Internetseite JDD. Einige verpflichteten sich, Abtreibungen und Verhütungsmittel selbst in legalen Fällen abzulehnen. Dies führt oft zu Tragödien – wie im Fall der Chazan-Affäre, als der gleichnamige Arzt einen Fötus nicht abtreiben wollte, der aufgrund schlimmer Missbildungen ohnehin nicht überlebt hätte. Der Mediziner argumentierte damit, dass ein Schwangerschaftsabbruch für ihn „einer Hinrichtung oder einer Todesstrafe“ gleichkäme. Die Mutter musste das Kind austragen, das schließlich tot zur Welt kam.

 

Polen hat 38 Millionen Einwohner und zählt offiziellen Angaben zufolge jährlich 700 bis 2000 legale Abtreibungen. Dem Center for Reproductive Rights zufolge treiben jedoch zwischen 80 000 und 200 000 Polinnen jährlich heimlich ab. Wer das nötige Geld hat, fährt nach Ungarn oder Tschechien. Manche Ärzte lehnen einen offiziellen Eingriff im Städtischen Krankenhaus ab und operieren die Frauen dann zu horrenden Preisen in ihren Privatpraxen, wie die Soziologin und Polen-Expertin Jacqueline Heinen erklärt. Weniger wohlhabende Frauen sind oft gezwungen, ihre Schwangerschaft unter unsicheren und oft gefährlichen Umständen selbst zu beenden. Die niederländische NGO Women on Waves erinnert daran, dass weltweit alle neun Minuten eine Frau an den Folgen einer illegalen oder risikanten Abtreibung stirbt.

 

 

Zuletzt geändert am 14. November 2016