Pinault entdeckt Venedig

Länder: Frankreich

Tags: François Pinault, Kunst, Sammlung, Ausstellung

Fast zehn Jahre ist es her, dass der französische Geschäftsmann und Kunstsammler François Pinault seine Sammlung nach Venedig überführt hat. Inzwischen dort solide verankert, zeigt die Stiftung Pinault von April bis in den Spätherbst zwei große Ausstellungen, in Ergänzung zur Biennale.

 


Anfangs hatte Venedig für den Kunstsammler François Pinault eher einen Beigeschmack von Exil. Im Frühjahr 2005 gibt der französische Geschäftsmann das Projekt auf, seine Stiftung auf einer Seine-Insel in Boulogne-Billancourt am Stadtrand von Paris anzusiedeln. Dabei war alles fast geritzt, die Baugenehmigung erteilt, der Architekt ausgewählt, sein Entwurf fertig. Doch dann reißt François Pinault angesichts bürokratischer Verzögerungen die Geduldschnur.

5.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, direkt am Canale Grande

Die Affäre zeigt auch, wie schwer sich Frankreich damals damit tat, Bedeutung und Notwendigkeit des privaten Mäzenatentums zu begreifen und es zu fördern. Fazit: François Pinault gibt bekannt, dass seine Stiftung nach Venedig geht. Dort hat er der Fiat-Familie Agnelli eben für 29 Millionen Euro den Palazzo Grassi abgekauft: 5.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche direkt am Canale Grande. Innerhalb von sechs Monaten renoviert der japanische Architekt Tadao Ando das Gebäude. Im April 2006 eröffnet Pinault die erste Ausstellung mit dem programmatischen Titel „Where Are We Going?“ Sie verändert die Natur seiner Beziehung zu Italien: Venedig ist nicht mehr Versuchung oder Zufluchtsort, sondern wird zur Entdeckung.

Palazzo Grassi und Punta della Dogana

2007 gelingt es Pinault, der Stiftung Guggenheim vor der Nase eine 30-Jahres-Konzession für die Punta della Dogana wegzuschnappen. Die Stadt hat ihm den Vorzug gegeben: Beweis einer gelungenen Integration. Die zweijährige Renovierung übernimmt wieder Tadao Ando, Spezialist für Lichteffekte und den Werkstoff Beton. Er schafft weitere 5.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche und ein neues Meisterwerk der Architektur an der äußersten Spitze der Halbinsel zwischen Canale Grande und Canale della Giudecca, im Stadtteil Dorsoduro. Das neue Ausstellungszentrum wird 2009 mit einer Werkschau von Künstlern eröffnet, die in der Sammlung Pinault einen prominenten Platz einnehmen. Zusammen mit der bereits renommierten Biennale etablieren der Palazzo Grassi und die Punta della Dogana Venedig endgültig als eine Hochburg auch der Gegenwartskunst. 

Der Künstler als höheres Wesen

2012 folgt dann der dritte Streich von François Pinault: Er kauft das direkt an den Palazzo Grassi angebaute Teatrino und lässt es umbauen zu einem Veranstaltungsort mit zwei Foyers und einem großen Auditorium für Filmvorführungen, Performances und Debatten. Der Architekt heißt einmal mehr Tadao Ando – ein Beweis ungewöhnlicher Treue. Diese ist überhaupt ein Charakterzug von François Pinault, auch was die Künstler angeht, die er sammelt. Er betrachtet sie als höhere Wesen, die, wie er sagt, „eine ureigene Wahrnehmung vom Lauf der Welt haben“. Der Sohn eines bretonischen Holzhändlers hat seine Kunstsammlung in langen Jahren aufgebaut und dabei unentwegt den eigenen Blick geschärft. Seine Liebe – und Treue – gehört zunächst der Minimal Art, dann zunehmend der Pop Art, etwa eines Jeff Koons. Letztlich spiegelt die Sammlung den Menschen wider: neugierig, offen für alles, aber auch radikal und voller Geheimnisse, die sich nur nach und nach erschließen.

Mit den beiden letzten, kürzlich eröffneten Ausstellungen spinnt er diese grundlegenden Fäden weiter: Die Retrospektive Martial Raysse im Palazzo Grassi zeugt von der Bewunderung, die er einem Künstler entgegenbringen kann; die Ausstellung „Slip of the Tongue“ in der Punta della Dogana von der unersättlichen Neugier des Sammlers.

 

François Pinault in einigen Eckdaten
  • 1936 - Geburt in einer bretonischen Kleinstadt
  • 1970 - Begegnung mit seiner zweiten Frau Maryvonne, einer Antiquitätenhändlerin, die ihm die Welt der Kunst erschließt
  • 1998 - Pinault kauft für 1,2 Milliarden Euro das Auktionshaus Christie’s auf
  • 2005 - Aufgabe des Projekts einer Kunststiftung auf der Seine-Insel Boulogne-Billancourt und Kauf des Palazzo Grassi am Canale Grande in Venedig
  • 2006 - Wiedereröffnung der Stiftung Pinault im Palazzo Grassi
  • 2009 - Eröffnung eines zweiten Ausstellungsorts in Venedig, der Punta della Dogana
  • 2013 - Eröffnung des neuen Teatrino, des dritten Standbeins der Stiftung Pinault in Venedig
  • 2015 - Wie jedes Jahr zeigt die Stiftung Pinault an ihren beiden venezianischen Standorten zwei neue Ausstellungen.

 

Die Stiftung Pinaul im Internet: http://www.palazzograssi.it/

 


 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016