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Pflicht gegen Zweifel: Frankreichs Kinder müssen geimpft werden

Länder: Deutschland

Tags: #Impfung, #Gesundheit, #Masern

Neues Jahr, neue Regeln: Für alle Kinder in Frankreich, die ab dem 1. Januar 2018 geboren wurden, gilt nun eine Impfpflicht. Neugeborene sollen so gegen elf ansteckende Krankheiten geschützt werden. Damit reagiert die Regierung auf die große Impfskepsis der Bevölkerung.
Ohne Impfung keine Schule

Seit 54 Jahren sind in Frankreich drei Impfungen für Kleinkinder Pflicht: Diphtherie, Tetanus und Kinderlähmung. Wer sich bisher dagegen wehrte, musste mit Geld- oder Freiheitsstrafen rechnen. Nun hat die Regierung die Schutzimpfungen auf insgesamt elf ausgeweitet; darunter Masern, Keuchhusten und Röteln. Alle seit dem 1. Januar 2018 geborenen Kinder müssen gegen die hochansteckenden Krankheiten geimpft werden.

Für oder gegen eine Impfpflicht?(Reportage ARTE Journal)

Die Gesetzesänderung vorangetrieben hatte die französische Gesundheitsministerin Agnès Buzyn. Ihr ginge es vor allem darum, die Bevölkerung für die Notwendigkeit von Impfungen zu sensibilisieren - offiziell bestraft werden sollen die Franzosen nicht mehr. "Ich werde keinen Polizisten vor jeden Kindergarten stellen",  so Buzyn. In Wirklichkeit gilt aber genau das: Ohne Impfung keine Schule. Eltern, die ihre Kinder in Zukunft in den Kindergarten, in die Schule oder andere öffentliche Betreuungseinrichtungen schicken möchten, müssen einen umfassenden Impfschutz nachweisen.

Hochansteckende Krankheiten ausrotten

Gründe für die Gesetzesänderung gibt es viele. Allen voran sollen hochansteckende Krankheiten, wie die Masern, ausgerottet werden. Die Viren haben sich in Frankreich in den letzten Jahren stark verbreitet: Zwischen 2008 und 2016 steckten sich über 24 000 Franzosen mit Masern an, 10 von ihnen starben. Auch im vergangenen Jahr starb eine 16-Jährige an den Folgen der Krankheit.

Um tödliche Viren, wie die der Masern, endgültig zu bekämpfen, müssten mindestens 95% der Weltbevölkerung geimpft sein. Dadurch könnte sich das Virus auch bei einer Einzelfallinfektion nicht weiter ausbreiten - Wissenschaftler sprechen in diesem Fall von Herdenimmunität. Frankreich verfehlt den erforderlichen Prozentsatz seit Jahren. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) erhielten im Jahr 2016 dort 90,5% der Neugeborenen die Erstimpfung - für einen effektiven Impfschutz braucht es jedoch zwei Dosen, hier lag die Quote nur noch bei 79% .

Die größten Zweifel weltweit

Die französische Bevölkerung sieht Impfungen sehr skeptisch. Weltweit hegt sie sogar die größten Zweifel, wie Forscher des Journals EBioMedicine herausfanden. 2016 befragten sie 66 000 Menschen aus 67 Länder zu ihrer Haltung gegenüber Impfungen. Das Ergebnis: 41% der französischen Einwohner bewerten Impfstoffe als unsicher. Im weltweiten Vergleich zweifeln durchschnittlich nur 13% der Menschen an Schutzimpfungen.

 

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Das internationale Team erforschte jedoch nicht die Gründe für die Impfskepsis. In Frankreich kann diese, wie bei allen Impfgegnern, vielfältig und mehr oder weniger wissenschaftlich begründet sein. Viele befürchten beispielsweise Nebeneffekte wie Autismus, allergische Reaktionen oder Krebsviren. Die Regierung muss nun dafür sorgen, die Menschen ausreichend aufzuklären. Ansonsten könne das neue Gesetz den Wiederstand der Bevölkerung noch verstärken, wie Hochschullehrer der Allgemeinmedizin befürchten.

Impflicht in Frankreich: Neu für Deutschland, nicht für Europa

Frankreich beendet mit dieser Entscheidung eine Diskussion, die seit Jahren anhält. Auch in Deutschland fordern Politiker immer wieder einen umfangreichen Impfschutz. Dort sind Eltern bis heute nicht verpflichtet, ihre Kinder zu impfen. Sie müssen sich lediglich beraten lassen. Dennoch liegen die Impfraten in vielen Bundesländer zu niedrig. Im Fall der Masern erhielten 2016 in Deutschland durchschnittlich 93% der Kinder die notwendige Zweitimpfung – im Bundesland Sachsen lag die Quote bei nur 40,3%. Vergangenes Jahr meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) über 860 Fälle von Masernerkranten. 

Die italienische Regierung führte bereits vergangenes Jahr einen umfassenden Impfschutz ein, nachdem sich über 3672 Bewohner infizierten. Auch in Tschechien, Ungarn, Kroatien, Lettland, Polen, Malta, der Slowakei, Griechenland, Slowenien und Belgien müssen sich die Menschen gegen unterschiedliche Krankheiten schützen lassen. Frankreich übernimmt jedoch mit insgesamt elf Pflichtimpfungen die Führung in Europa. 

 

Verpflichtende Impfungen in Frankreich: Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten, Masern, Mumps, Röteln, Hepatitis B, Haemophilus influenzae Bakterien (Hib), Pneumokokken, Meningokokken C

 

Zuletzt geändert am 4. Januar 2018