Peru: Die Mauer der Schande

ARTE Reportage - Samstag, 21. Oktober 2017 - 16:40

Länder: Peru

Tags: Lima, pauvreté, Mur

Den reichen Norden vor dem armen Süden abzusperren – dafür steht in Perus Hauptstadt Lima eine Mauer – 10 Kilometer lang und 3 Meter hoch.  

Pérou, Le Mur De La Honte
Peru: Die Mauer der Schande Den reichen Norden vor dem armen Süden abzusperren – dafür steht in Perus Hauptstadt Lima eine Mauer.   Peru: Die Mauer der Schande

Zwei Drittel der 10 Millionen Einwohner Limas sind arm und sie müssen hinter dieser Mauer aus Beton und Stacheldraht leben, die die Viertel der Reichen sichert. Eine Holzhütte in den Armenvierteln kostet 300 Dollar, die Reichen können sich in ihren Vierteln Villen für bis zu 3 Millionen Dollar leisten. Diese sozialen Unterschiede führten dazu, dass die Reichen im ganzen Stadtgebiet 4000 Mauern, Zäune und Sicherheits-Tore errichtet haben - Limas Stadtgebiet ist ein Flickenteppich verschiedenster Straßenzüge und Viertel, die sozial voneinander getrennt leben, nicht mehr miteinander kommunizieren und keine gemeinsame Identität entwickeln.

“Gated Communities” - abgeschlossene Wohnbezirke – das scheint sich zu einer neuen Normalität in vielen Städten zu entwickeln. Nicht nur in Lima, sondern auch in ganz Süd- und Nordamerika sowie in Afrika. Es entspricht dem Verlangen der Wohlhabenderen nach Ruhe, Privatsphäre und Abgrenzung von anderen Gesellschaftsschichten. Doch wie ergeht es denen, die aus der armen Seite  der Mauer leben müssen? Unsere Reporter erkundeten das Leben diesseits und jenseits der „Mauer der Schande“ in Lima.

 

von Michael Unger, Loïc Delvaulx, Gino Coppello, Ludovic Mingot - ARTE GEIE – Frankreich 2017

Peru: Die Mauer der Schande

Fotografien und Texte von Gaël Turine / MAPS

 

 

Über der peruanischen Hauptstadt thront eine Betonmauer - 10 km lang und 3 m hoch. Gespickt mit Stacheldraht trennt sie Las Casuarinas und La Molina, zwei der reichsten Viertel der Stadt, von Pamplona Alta, einer der ärmsten Gemeinden Limas. Errichtet ab 1986 ist sie heute die längste Mauer der Welt innerhalb eines Stadtgebietes. Sie ist ein Symbol für die soziale und wirtschaftliche Kluft zwischen Reich und Arm.

 

Le mur de Lima

Lima, mit seinen 10 Millionen Einwohnern, ist die fünftgroße Stadt Lateinamerikas. Nahezu ein Drittel der peruanischen Bevölkerung lebt dort. Seit den fünfziger Jahren hat sich die Bevölkerung Limas wegen der Landflucht aus den Hochebenen verneunfacht. Öffentliche Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung und Verkehr kennen die meisten neuen Vorstadtviertel nicht. In der Stadtplanung werden sie nicht berücksichtigt. Und so dehnen die Slums sich rasant aus – eben wie Pamplona Alta.

 

Le mur de Lima

Die Familie Pernia Villavicencio erwartet Nachwuchs und muss die Fläche ihres Hauses vergrößern. Jeden Sonntag, dem einzigen Feiertag, müssen sie die Felsen des Hügels brechen und abtragen, über den der Slum sich erstreckt.

 

Le mur de Lima

Pamplona Alta wächst ständig. Und zusätzlich zu den Bewohnern aus allen Provinzen des Landes, ziehen auch Familien, die sich die Schulgebühren für ihre Kinder und die Miete im Zentrum nicht mehr leisten können, in die Armenviertel.

 

Das Leben in Pamplona Alta ist hart und öde. Die Älteren sehnen sich nach ihrem Leben von vor ihrem Umzug nach Lima zurück. Die Jungen im Slum versuchen diesem Freiland-Gefängnis irgendwie zu entfliehen. „Improvisationstalent“ ist das Stichwort, um in einem Land mit galoppierender Inflation finanziell über die Runden zu kommen. Eine große Solidarität eint die Bewohner bei einem noch jungen und pragmatischen Gemeindeprojekt: „Besser Leben in Pamplona Alta“. Priorität hat der Ausbau von Sportanlagen und Erholungsparks. Wegen der zunehmenden Präsenz von Gangs sorgen die Eltern sich um die Zukunft ihrer gesellschaftlich ohnehin schon ausgegrenzten Kinder.

 

 Für die sind wir nichts als Schmarotzer

 

Flower Quinteros ist 28 Jahre alt. Als eine der wenigen Frauen, die ich getroffen habe, hat sie nur ein einziges Kind und sie will auch nicht mehr Kinder zur Welt bringen. Zusammen mit ihrem Ehemann zog sie vor fünf Jahren nach Pamplona Alta. Wie viele hier stammen auch sie aus der Region Ayacucho. Ihr Leben ist hart - nichts und niemand gibt ihnen Grund zum Optimismus, ganz im Gegenteil: Diese Mauer, die uns von der übrigen Stadt trennt, erinnert uns daran, wer wir sind, und wer wir bleiben sollen. Die Regierung möchte mit uns nichts zu schaffen haben. Für die sind wir nichts als Schmarotzer, die den aus Familien aus Lima die Arbeit wegnehmen und Unsicherheit bringen.

Mir ist es mittlerweile unerträglich, dass mein Kind in diesem Dreck und in dieser Kälte aufwächst, immer seine traurigen Eltern vor Augen.

Flower Quinteros

Ihr Ehemann arbeitet in einem schicken Restaurant in Larcomar, einem Viertel der Reichen an der Küste. Pro Monat verdient er 850 Sol, das gesetzliche Mindestgehalt in Peru – etwa 220 Euro. Flower kann nicht arbeiten, weil sie sich allein um ihr Kind kümmern muss. Das Gehalt ihres Mannes kann ihre Grundbedürfnisse bei weitem nicht decken. Ihr Haus besteht aus schmalen Holzpaneelen und einem Blechdach über gestampfter Erde. Sie hat nur einen einzigen Wohnraum und eine Küche. „Das ist unser gesamtes Leben… wir sehen kein Licht am Ende des Tunnels. Mir ist es mittlerweile unerträglich, dass mein Kind in diesem Dreck und in dieser Kälte aufwächst, immer seine traurigen Eltern vor Augen. Ich würde mein Leben gerne ändern, aber mein Ehemann fürchtet, dass er keine Arbeit findet, wenn wir Lima verlassen. Vielleicht hat er ja recht. Wir sitzen hier fest.

 

Le mur de Lima

Die Schulen in Pamplona Alta haben weder genug Klassen noch ausreichend Lehrer und es fehlen ihnen Stühle, Tische, Beleuchtung, Heizung und Möbel…; die Eltern können kaum das Schulgeld zahlen. Damit sie arbeiten können, müssen andere Familienmitglieder einspringen und so müssen auch sie nach Pamplona Alta ziehen, was sich wiederum auf das wirtschaftliche und soziale Gleichgewicht der restlichen Familie im Heimatdorf auswirkt. Die Gesundheitsversorgung der 60 000 Familien im Slum übernehmen lediglich Krankenstationen.

Mit Festen zum Thema Gesundheit und Bildung buhlt die korrupte Polizei um die Gunst der armen Bevölkerung. Das Gefühl von Isolation und Fremdbestimmung wird durch die Mauer noch verstärkt, deren Existenz offiziell unter anderem damit begründet wird, die Stadt und ihre reichen Viertel müssten vor dem Druck der gigantischen Slums geschützt werden. Den Bau neuer Mauern rechtfertigen die Behörden damit, dass 30 % der Bewohner Limas schon einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Angehängt werden die den Slumbewohnern von Pamplona Alta oder Villa Maria del Triunfo. Auch dieses Viertel ist seit 2013 von einer Mauer umschlossen.

 

« Ich dachte, daran würde ich mich gewöhnen, aber das ist unmöglich »

 

Wie die meisten Hausangestellten in Las Casurinas und La Molina, wohnt auch diese Familie in Pamplona Alta. Der Hin- und Rückweg zur Arbeit ist weit und verläuft über enge, steile und rutschige Pfade.

Le mur de Lima

Das Kind (links), besuchte eine gute Schule, denn der Arbeitgeber seiner Mutter (Mitte) zahlt die Gebühren für die staatliche Schule von La Molina. Um ihrer Tochter Zeit zu sparen, bringt die Großmutter (rechts), das Kind mehrmals pro Woche zur Schule. So schafft sie es vor Einbruch der Dunkelheit zurück nach Pamplona. „Diese Mauer zwingt uns zu Umwegen, das ist unheimlich anstrengend. Jeden Tag, wenn ich heim komme, in die Hügel von Pamplona Alta, sehe ich, wie sehr wir schikaniert werden. Ich dachte, daran würde ich mich gewöhnen, aber das ist unmöglich. Mit sowas findet man sich nicht ab. Die Familie, für die ich arbeite, ist großzügig, sie bezahlt meiner Tochter die Schule. Aber die haben nicht die geringste Ahnung, von wo her ich jeden Morgen komme. Ich habe Glück, meine Tochter besucht eine gute Schule, und wenn sie mal krank wird, helfen sie mir auch. Mein Fall ist selten. Die meisten reichen Familien denken, wenn sie uns einstellen, wäre das ein Geschenk. Aber sie bezahlen uns nur das gesetzliche Mindestgehalt, damit kommt man unmöglich zurecht.

 

Le mur de Lima

Einige Bewohner von Las Casuarinas nutzen das autofreie, steile Hügelgelände, um Rad zu fahren, eine derzeit sehr angesagte Sportart. Eine Pufferzone trennt die Mauer von den ersten Villen des Viertels. Auf der anderen Seite, direkt an der Mauer, stehen schon die Häuser von Pamplona Alta.

 

Le mur de Lima

Vor mehreren Monaten beschloss eine Familie, deren Haus bis an die Mauer reichte, Pamplona Alta den Rücken zu kehren und zurück in ihre Heimatregion zu ziehen. Trotz vieler Anläufe war es ihr nie gelungen, ihre Lebenssituation zu verbessern. Und so gingen sie lieber wieder zurück nachhause, wo sie immerhin noch ein Stückchen Land besitzen. Die Neuankömmlinge hingegen ziehen lieber höher hinauf in den Hügel von Pamplona Alta, anstatt so nah an der Trennungsmauer zu leben.

 

Bei den Bewohnern von Las Casuarinas und La Molina ist das Thema Sicherheit eine regelrechte Obsession. Eine private Sicherheitsfirma soll dafür sorgen, dass die Mauer undurchlässig bleibt. Der einzige Durchgang liegt auf einem Hügel. Von dort aus hat der Wächter einen idealen Blick auf verdächtige Bewegungen. Paradoxerweise teilen sich die „Gemeinden“ denselben Hügel; die Holzhäuser mit ihren Blechdächern stehen in Kontrast zu den Luxusvillen. Das Viertel Las Casuarinas wird ständig überwacht. Es ist unmöglich, ohne Überprüfung der Personalien und Vernehmung hinein oder hinaus zu gelangen. Auf der anderen Seite leben die Bewohner von Pamplona Alta im Chaos. Bis zu ihrer Arbeitsstelle müssen sie oft mehrere Kilometer zurück legen. In Miraflores, Surco oder im Stadtzentrum sind sie Träger, Gärtner, Straßenverkäufer, Schuhputzer oder Arbeiter... Mit einer Performance auf den Shoppingmeilen und den beliebten Straßen des Zentrums prangern die Studenten der Kunstfakultät von Lima die niedrigen Gehälter an. Die meisten Arbeiter hier sind nicht einmal sozialversichert.

 

 

Zuletzt geändert am 20. Oktober 2017