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Operation „Olivenzweig“: Streng überwachte Journalisten

Länder: Türkei

Tags: Türkei, Erdogan, YPG, Kurden

Am 21. Januar hat die türkische Armee ihren Einsatz „Operation Olivenzweiggegen die kurdische Region Afrin in Syrien begonnen. Sie will eine dreißig Kilometer lange Pufferzone entlang der türkisch-syrischen Grenze schaffen. Mit Luftanschlägen und Bodentruppen kämpft die türkische Armee gegen die Kurdenmiliz YPG.
Offiziell heißt es, Journalisten dürften vom Einsatz berichten. Die türkischen Behörden haben sogar zahlreiche Akkreditierungen ausgestellt. Unsere Korrespondentin Mayalen de Castelbajac stößt bei ihren Recherchen jedoch auf große Widerstände: Journalistisches Arbeiten ist so gut wie unmöglich, denn die türkischen Behörden überwachen jeden einzelnen ihrer Schritte.

Opération "rameau d’olivier" : journalistes sous surveillance
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Wir müssen die Hauptstraße verlassen und Kilometer durch schlammige Felder fahren, um endlich in das kleine Dorf Sugedigi zu gelangen. Seit fünf Tagen fahren hier Soldaten in Panzern der türkischen Armee an den Häusern vorbei, um nach Syrien in den Kampf zu ziehen.

„Syrien befindet sich gleich hinter diesem Hügel“,  erklärt uns ein Ziegenhirt, dem wir am Straßenrand begegnen. Er hilft gerade einem seiner Tiere, ein Zicklein auf die Welt zu bringen. Währenddessen lässt er den Rest seiner Herde nicht aus den Augen. Die Militäroffensive, so scheint es, hat seinen Alltag nicht wirklich verändert. Das Zicklein sieht gesund aus; er ist zufrieden. Auch mit uns zu reden, bringt ihn zum Lächeln. Zumindest bis er bemerkt, dass wir Journalisten sind.

Mit Journalisten sprechen ist verboten

Als er die Kamera sieht, verdunkelt sich sein Blick. „Nein, nein, mit euch darf ich nicht sprechen, die Soldaten haben es uns verboten“, sagt er, dann erklärt er uns, dass wir kein Recht hätten, uns hier aufzuhalten. Wir wissen aber, dass auch andere Fernsehteams hier sind. Und vor allem besitzen wir eine Akkreditierung, die uns Zugang zu der Zone von Antakya bis Kilis verschaffen sollte.

Also fahren wir weiter, bis wir an eine Straßensperre kommen. Soldaten patrouillieren, von hier aus hat man einen guten Blick auf die Kämpfe. Wir werden sofort weggeschickt. Drehen verboten! Nicht mal ohne Kamera dürfen wir bleiben. Soweit, so gewöhnlich: In Kriegsgebieten werden Journalisten selten mit offenen Armen empfangen.  

Wir kehren um und kommen an Mechanikern vorbei, die den Motor eines Panzers auswechseln. Als wir wissen wollen, was passiert ist, hält ein Armeefahrzeug neben uns an. Ein Soldat mit Rangabzeichen steigt aus. Er nimmt uns unsere Presseausweise weg und befiehlt, dass wir uns bis zum Eintreffen der Polizei nicht von der Stelle rühren sollen.

 

Wir warten also am Straßenrand. Eine Stunde vergeht, dann zwei, doch von der Polizei keine Spur. Immer häufiger hören wir Explosionen von den Berghängen. Unser Übersetzer läuft zwischen den Soldaten und uns hin und her. Er ist nervös, versucht zu vermitteln und ruhig zu bleiben. Dabei hat er Angst, wir alle haben Angst.

Als die Polizisten dann endlich auftauchen, befehlen sie uns, wieder ins Auto zu steigen und zurückzufahren. Sie warnen uns: Wir werden euch folgen. Meine Kollegin und ich werden gezwungen, den einzigen Mann im Team ans Steuer zu lassen. Frauen, die hier Auto fahren, sind nicht gerne gesehen. Im Schritttempo fahren wir aus dem Dorf hinaus. Wir wissen nicht, was auf uns wartet: Werden wir gleich verhaftet? Müssen wir uns einem Verhör unterziehen? Niemand beantwortet uns diese Fragen.

Hinter uns hält ein Pick-up der Polizei. Die Polizisten unterhalten sich. Am Ende verschwinden sie aus unserem Blickfeld. Nachdem wir eine halbe Stunde gewartet haben, beschließen wir weiterzufahren. Dieser Zirkus hat uns über drei Stunden gekostet.
Es wird Nacht. Wir hören die türkischen Panzer schießen, sie sind nur wenige Meter von uns entfernt.

Doppelzüngige Rede der Behörden

Seit Beginn der „Operation Olivenzweig“ behaupten die türkischen Behörden, dass die Presse, insbesondere die ausländische, von der Grenze aus über die Offensive berichten dürfe. Es wurden Akkreditierungen verteilt und Einrichtungen für die Liveschaltung der Korrespondenten aufgebaut. Doch wozu das Ganze, wenn Journalisten konstant von Geheimdiensten und Polizei überwacht und bei ihrer Arbeit behindert werden? Denn jenseits der Checkpoints spielen die Behörden mit den Journalisten Katz und Maus. Um sich ein vollständiges Bild der Lage machen zu können, müssen Journalisten aber mit der Bevölkerung sprechen dürfen, genauso wie mit Soldaten. Doch das ist hier unmöglich. Es sei denn, man entwischt der Polizei.

Permanente Einschüchterung

Ein türkischer Kollege, der bereits seit mehreren Tagen vor Ort ist, bringt es auf den Punkt: „Es kommt auf dich und dein Glück an.“ Das Glück, nicht stundenlang in Kontrollen festzustecken, aber auch das Glück, nicht den Unmut der Bevölkerung auf sich zu ziehen.

Vor einigen Tagen erklärte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan: „Wer die türkische Militäroperation kritisiert, ist ein Terrorist und wird dafür bezahlen.“ Das war keine leere Drohung: Bereits am nächsten Tag wurden Menschen verhaftet, die den Militäreinsatz auf Twitter kritisiert hatten. Niemand wagt es mehr, offen über das Thema zu sprechen.

Wir treffen einen alten Mann. Er sitzt mit seinen Freunden in einem Restaurant am Straßenrand. Immer wieder schaut er zu den Nachrichten im Fernsehen. „Wir werden niemals auch nur einen Meter unserer Türkei abtreten!“ sagt er. Es klingt, als würde er Erdogan direkt nachsprechen. Er betont, wie wichtig die Präsenz ausländischer Medien sei, damit diese Botschaft in Europa verbreitet werden könne. Mehr bekommen wir heute nicht zu hören.

 

Zuletzt geändert am 27. Januar 2018