Objekt der Begierde

Länder: Ukraine

Tags: Brzezinski, Erler, Geopolitik

Nicht nur ihre innere Zerrissenheit hat die Ukraine an den Rand eines Bürgerkrieges gebracht, auch der Streit der Supermächte hat das Land destabilisiert. Die Ukraine ist ein Objekt der Begierde, für den Westen wie für Russland. Was macht das Land so wichtig?

Die geopolitische Bedeutung der Ukraine

Der US-amerikanische Geostratege Zbigniew Brzezinski hat sich im Verlauf der Ukrainekrise  zu Wort gemeldet. In einem Buch warnte er bereits in den 90er Jahren davor, dass sich Russland nach einer Phase der Schwäche wieder auf seine imperiale Tradition besinnen und erneut Großmachtgelüste entwickeln könnte. Laut Gernot Erler, dem Russland-Beauftragten der Bundesregierung, stammt auch aus dieser Zeit die Überzeugung der USA, dass die Kontrolle über eine bestimmte Euroasiatische Landbrücke, zu der auch die Ukraine gehört, über die Weltmachtfähigkeit entscheide. Das habe das amerikanische Denken und die Politik der Amerikaner in den letzten Jahrzehnten stark beeinflusst. Und tatsächlich hatte Putin aus seinem Bestreben, einen einheitlichen euroasiatischen Wirtschaftsraum unter russischer Führung zu schaffen, keinen Hehl gemacht. Den Zusammenbruch der Sowjetunion betrachtet er als die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Noch heute haben die Russen die Folgen wie eine hohe Anzahl von Auslandsrussen in den Ex-Sowjetstaaten zu verarbeiten. Zahlreiche wichtige Militäreinrichtungen Russlands befinden sich außerhalb der Landesgrenzen, wie die Schwarzmeerflotte bis zur Annexion der Krim. Gernot Erler vermutet, dass die separatistischen Bewegungen im Osten der Ukraine von Russland gefördert werden. Gleichzeitig gesteht er ein, dass die prowestlichen Proteste auf dem Maidan durch amerikanische NGOs unterstützt wurden. Es gehöre zu den amerikanischen Grundüberzeugungen, dass demokratische Länder mit einer freien Marktwirtschaft bessere Partner seien und durch ihre Stabilität auch zum Vorteil der Vereinigten Staaten beitrügen. 

 

Die Ukraine als Handelspartner. Wirtschaftlich steht die Ukraine vor dem Kollaps und wird damit zumindest kurzfristig eher zum wirtschaftlichen Pflegefall als zu einer Goldgrube, um die es sich zu streiten lohnt. Dabei besitzt sie enorme Potentiale. Sie könnte langfristig für Europa zu einem wichtigen Handelspartner werden. Sie bietet mit ihren rund 45 Millionen Einwohnern einen großen Absatzmarkt und ist reich an unterschiedlichen Energieträgern wie Erdöl, Erdgas und Kohle. Zudem liegen 30 Prozent der weltweiten Vorkommen an Schwarzerde auf dem Gebiet der Ukraine. Der fruchtbare Boden bietet perfekte Voraussetzungen zur landwirtschaftlichen Nutzung. Aber trotz der guten Voraussetzungen gehört die Ukraine mit rund 7.400 US-Dollar Pro-Kopf-Einkommen zu den ärmsten Ländern Europas. Eines der größten Probleme ist die Korruption in der Wirtschaft, die zahlreiche ausländische Unternehmen von Investitionen abhält. Mit dem politischen Neuanfang in Kiew und der Eskalation auf der Krim hat sich die ohnehin fragile wirtschaftliche und finanzielle Situation in der Ukraine verschärft. Im Februar hat die Übergangsregierung den Bedarf an Wirtschaftshilfen mit 35 Milliarden US-Dollar beziffert, um die Ukraine für die kommenden zwei Jahre am Leben zu halten. Die EU hat der Ukraine mittlerweile finanzielle Unterstützung zugesagt. Von europäischer Seite werden große Hoffnungen in die Reformbemühungen einer neuen Regierung gesetzt. Nach einer Studie der Forschungsstelle "Osteuropa" an der Universität Bremen sind jedoch neben der Vergabe von Krediten vor allem auch tiefe Strukturreformen und Ausgabendisziplin notwendig. Allerdings dürfe man das Land dabei auch nicht überfordern. Die Balance zwischen wirklicher Unterstützung und notwendigen Sparmaßnahmen müsse gewahrt bleiben.

 

 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016