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Atomausstieg: Ist die Schweiz ein Vorbild für Europa?

Länder: Europäische Union

Tags: Energiewende, Strom, Atomkraft

Nach Deutschland möchte nun auch die Schweiz die Energiewende angehen. Am 21. Mai stimmten 58,2 Prozent in einer Volksabstimmung für einen schrittweise Atomausstieg. Das Gesetz bestimmt zwar nicht, wann die fünf schweizer Reaktoren vom Netz gehen müssen. Es verbietet aber den Bau weiterer AKWs und ermöglicht die Förderung erneuerbarer Energien.  Gleichzeitig soll der Energieverbrauch drastisch gesenkt werden. ARTE Info fasst den schweizer Maßnahmenkatalog zusammen und wirft einen Blick in die fünf europäischen Ländern, die am meisten Atomstrom produzieren: Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Schweden und Spanien. 

 

Nucléaire : la Suisse, un modèle pour l’Europe ?
Atomausstieg: Ist die Schweiz ein Vorbild für Europa? In einer Volksabstimmung haben die Schweizer zu 58,2% für einen schrittweisen Atomausstieg gestimmt.  Atomausstieg: Ist die Schweiz ein Vorbild für Europa?

 

Schweiz, der schrittweise Atomausstieg 

Zahl der in Betrieb befindlichen Atomreaktoren: 5

Zahl der in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke: 4

Anteil des Atomstroms an der Gesamterzeugung: 33,5% im Jahr 2015

Energiekonzept für die nahe Zukunft: den schrittweisen Atomausstieg. Dazu hat die Regierung ein Energiegesetz erarbeitet, das bei einer Volksabstimmung am 21. Mai von 58,2 Prozent der Schweizer abgesegnet wurde. 

60%

des in der Schweiz produzierten Stroms stammt bereits aus nachhaltigen Quellen, hauptsächlich aus Wasserkraft.

Das Gesetz, das ab 2018 gilt, sieht vor, dass die Energieversorgung bis 2050 auf erneuerbare Energien umgestellt wird. Wasser-, Sonnen- und Windenergie, sowie Strom, der aus Biomasse gewonnen wird, sollen in Zukunft gezielt gefördert werden. Das gilt auch für energetische Gebäudesanierungen. Außerdem sollen die Schweizer bis 2035 43 Prozent ihres Stromverbrauchs reduzieren. Autos sollen bis 2021 ein Viertel weniger CO2 ausstoßen. Finanziert werden die Maßnahmen teilweise durch Zusatzabgaben der Stromkunden.

Die Schweiz importiert momentan rund 75 Prozent ihres Stroms, ein Großteil davon aus Deutschland und Frankreich. Die im Land produzierte Energie (rund 25 Prozent) stammt bereits zu zwei Drittel aus nachhaltigen Quellen, hauptsächlich aus Wasserkraft. Das Energiegesetz verbietet den Bau von neuen Atommeilern in der Schweiz. Die fünf bestehenden Atomreaktoren sollen aber erst dann vom Netz genommen werden, wenn die Atomaufsichtsbehörde die AKWs als unsicher einstuft. Das könnte laut Experten noch zehn bis fünfzehn Jahre dauern.    

 

Frankreich, der Atomkraft-Weltmeister

Zahl der in Betrieb befindlichen Atomreaktoren: 58

Zahl der in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke: 19

Anteil des Atomstroms an der Gesamterzeugung: 76% im Jahr 2015

Energiekonzept für die nahe Zukunft: Den Atomstrom-Anteil bis 2025 auf 50% herunterfahren. Das erklärte François Hollande zu Beginn seiner Präsidentschaft zum Ziel. Festgehalten wurde es auch im 2015 verabschiedeten Gesetz zur Energiewende.

Die Schließung von Atomkraftwerken benötigt eine schnelle Planung. Im Gegensatz zu Deutschland hat Frankreich noch keine genaue Agenda zur Schließung seiner Zentralen, mit Ausnahme von Fessenheim."

Forscherin Carole Mathieu

"Das Ziel von 2025 kann eingehalten werden", glaubt Carole Mathieu, Forscherin am Energie-Zentrum des französischen Institutes der internationalen Beziehungen (IFRI), "aber die Schließung von Atomkraftwerken benötigt eine schnelle Planung. Im Gegensatz zu Deutschland hat Frankreich noch keine genaue Agenda zur Schließung seiner Zentralen, mit Ausnahme von Fessenheim."

Hollande versprach im Wahlkampf die Abschaltung des elsässischen Atomkraftwerks Fessenheim – die älteste in Betrieb befindliche Anlage in Frankreich. Drei Monate vor Ablauf seiner Amtszeit ist das Versprechen noch nicht eingelöst. Die Verhandlungen mit dem Betreiber EDF sind zwar vorangegangen, es steht aber fest, dass Fessenheim auf jeden Fall bis zur Inbetriebnahme des EPR von Flamanville, vorgesehen für 2018, am Netz bleiben wird.

Ein am 1. Februar 2017 veröffentlichter parlamentarischer Bericht unterstreicht, dass der Atomkraftwerksbetreiber EDF insgesamt zu wenig in den Rückbau der bestehenden Anlagen investiert. Die derzeit dafür zurückgestellten Mittel, warnen die sozialistische Abgeordnete Barbara Romagnan und der konservative Abgeordnete Julien Aubert, reichten nicht aus, um die "technische Machbarkeit" des Rückbaus zu gewährleisten.

 

 

Deutschland geht mit gutem Beispiel voran

Zahl der in Betrieb befindlichen Atomreaktoren: 8 (9 Reaktoren wurden nach der Katastrophe von Fukushima 2011 abgeschaltet)

Zahl der in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke: 7

Anteil des Atomstroms an der Gesamterzeugung: 14,2% im Jahr 2015, gegenüber 22,2% im Jahr 2010 (Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, BMWE)

Energiekonzept für die nahe Zukunft: Der Super-Gau von Fukushima 2011 führte in Deutschland zu einem radikalen Bewusstseinswandel. Berlin beschließt noch im selben Jahr den Atomausstieg und setzt sich das Ziel, seine damals 17 Atomkraftwerke bis 2022 stillzulegen. Die Regierung unter Führung von Angela Merkel, bis dahin eher Befürworterin der Atomenergie, wird zum Motor der Energiewende.

32,5%

des deutschen Strombedarfs wurde 2015 von erneuerbare Energien gedeckt.

 

Die Kehrseite der Medaille: Seit der Abschaltung von acht Kernreaktoren 2011 steigt der Anteil des Stroms aus Kohlekraftwerken im deutschen Energiemix leicht an. 2012 bei 44%, erreicht er 2015 45,5%. Nicht zuletzt in Frankreich ist das ein Argument für die Atomkraft. Die deutsche Lösung, der radikale Atomausstieg, so heißt es, habe unerwünschte Nebenwirkungen an der Klimafront, schade also letztlich mehr, als sie nutze. So sagte etwa Nicolas Sarkozy als Kandidat der Präsidentschaftsvorwahlen des konservativen Lagers im vergangenen November zur Strategie der Deutschen: "Sie sperren sämtliche Kohlekraftwerke wieder auf und schicken uns ihre Schmutzpartikel bis nach Paris."

Eine zweifelhafte Argumentation. Denn es ist zwar unbestreitbar, dass Deutschland vorerst auf Kohlekraftwerke angewiesen ist und Mühe hat, das Klimaziel in Sachen Treibhausgase zu erreichen (der Ausstoß soll bis 2020 gegenüber 1990 um 40% gesenkt werden). Doch die Behauptung, Deutschland begnüge sich damit, seine Atommeiler durch Kohlekraftwerke zu ersetzen, ist falsch. Die Regierung hat massiv in erneuerbare Energien investiert, diese deckten bereits 2015 fast ein Drittel (32,5%) des Strombedarfs.

 

 

Großbritannien bleibt auf Atomkurs

Zahl der in Betrieb befindlichen Atomreaktoren: 15

Zahl der in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke: 7

Anteil des Atomstroms an der Gesamterzeugung: 18,9% im Jahr 2015

Energiekonzept für die nahe Zukunft: Großbritannien will die Atomenergie ausbauen. "Das Vereinigte Königreich vertritt die klarste Meinung zur Atomkraft-Frage", erklärt Carole Mathieu. "In seiner Strategie von 2006 hat es sich dazu verpflichtet, seinen Atomkraft-Park instand zu."

Im September 2016 genehmigte die britische Regierung den Bau von zwei EPR-Reaktoren durch den französischen Energieversorger EDF im westenglischen Hinkley Point. Sie sollen 2025 ans Netz gehen und 7% des gesamten britischen Strombedarfs decken.

Wird der Brexit Auswirkungen auf die britische Energiestrategie haben? Amber Rudd, Energie-Staatssekretär, versicherte Ende Juni 2016, das werde nicht der Fall sein. Wie er weiter erklärte, sind "neue Atomkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 18GW in Planung." Zwischen 2025 und 2030 muss nämlich der Großteil der veralteten britischen Atommeiler stillgelegt werden. Die Regierung scheint entschlossen, sie durch neue Nuklearanlagen zu ersetzen.

 

 

Schweden, Musterschüler mit Einschränkungen

Zahl der in Betrieb befindlichen Atomreaktoren: 10

Zahl der in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke: 3

Anteil des Atomstroms an der Gesamterzeugung: 34% im Jahr 2015 (Quelle IAEA)

98%

der schwedischen Energieproduktion ist heute CO2-neutral. 

 

Energiekonzept für die nahe Zukunft: Die schwedische Strategie zur Energiewende baut derzeit zum überwiegenden Teil auf die Atomenergie, zu einem kleineren auf erneuerbare Energien. Im Juni 2016 haben die wichtigsten politischen Parteien ein Klima-Abkommen unterzeichnet. Es sieht vor, dass die Nettobilanz bei den Treibhausgasen bis 2045 ausgeglichen sein soll. Zudem soll bis 2040 der gesamte Strombedarf aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden. Mit seiner Energieproduktion, die bereits heute zu 98% CO2-neutral ist, gilt Schweden als Vorbild.

Die Schattenseite: Die ehrgeizige Klimapolitik beruht zunächst vor allem auf dem Ausbau der Atomenergie. Die Regierung hat kürzlich den Bau von 10 neuen Kernreaktoren angekündigt. Sie sollen veraltete und unrentable Anlagen ersetzen und die Energieversorgung langzeitig sichern. Die Forscherin des IFRI, Carole Mathieu erklärt: "Aus schwedischer Sicht ist Atomkraft nur eine mittelfristige Lösung, das langfristige Ziel (2040) ist der Übergang zu erneuerbaren Energien, und zwar zu 100 Prozent."

Die Warnung der Atomkraftwerksbetreiber und Energieversorger vor ihrer Belastung durch die nötigen Investitionen zum Ersatz der bestehenden Reaktoren, deren Laufzeit ihrem Ende zugeht, hat die Regierung auch bewogen, die bestehende Steuer auf die Produktion von Atomstrom (rund 500 Millionen Euro jährlich) abzuschaffen. Schweden ist also, trotz der bis 2020 geplanten Stillegung von drei veralteten Atommeilern, nicht auf dem Weg zu einem Atomausstieg.

 

 

Spanien hält sich alle Optionen offen

Zahl der in Betrieb befindlichen Atomreaktoren: 7

Zahl der in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke: 5

Anteil des Atomstroms an der Gesamterzeugung: 20,3% im Jahr 2015

Energiekonzept für die nahe Zukunft: Spanien hat bislang keinerlei gesetzliche Regelung zur Energiewende verabschiedet. Die frühere sozialistische Regierung, ursprünglich Atom-kritisch, war letztlich auf Atomkurs eingeschwenkt und hatte den bestehenden gesetzlichen Rahmen für die Energieversorgung nicht angetastet.

Der Großteil der Atomkraftwerke erreicht bald seine legale Laufzeit und da drängt sich die Frage nach einer Erneuerung auf."

Forscherin Carole Mathieu

"Die spanische Atomkraft-Landschaft ist sehr undurchsichtig", analysiert Carole Mathieu, "was nicht zuletzt auch an der politischen Instabilitäten und regionalen Besonderheiten liegt (wie zum Beispiel in Katalonien, wo eine Steuer auf Atomkraft erhoben wird, die natürlich auf der Weiterentwicklung der Branche lastet). Der Großteil der Atomkraftwerke erreicht bald seine legale Laufzeit und da drängt sich die Frage nach einer Erneuerung auf."

Mitte Januar forderten Umweltorganisationen von der neuen konservativen Regierung Rajoy ein "Gesetz zu Klimawandel und Energiewende" in Übereinstimmung mit den Empfehlungen der EU.

Die letzte Stilllegung eines Atomreaktors geht auf das Jahr 2012 zurück. Damals wurde das Atomkraftwerk von Garoña, das älteste von Spanien, vom Netz genommen. Vor zwei Wochen hat dessen Betreiber um eine Genehmigung für das Wiederhochfahren angesucht. Der Antrag wir derzeit von der spanischen Atomaufsichtsbehörde geprüft. Die Regierung hat sich bereits für eine Wiederaufnahme des Betriebs ausgesprochen.

 

 

Zuletzt geändert am 22. Mai 2017