|

Notruf aus Aleppo

Länder: Syrien

Tags: Humanitäre Katastrophe, Bombardierungen, Aleppo

Die humanitäre Situation in der von syrischen Regierungstruppen belagerten Vierteln der Stadt Aleppo spitzt sich weiter zu. In der Nacht auf den 24. Juli wurden gemäß Ärzten durch gezielte Bombardierungen vier Feldkliniken zerstört. Die Zufahrtswege für Medizin und Lebensmittel wurden durch die Belagerung der syrischen Truppen gekappt. Mediziner, die in Aleppo praktizieren oder sich bis vor kurzem in der Stadt aufgehalten haben, schlagen Alarm.

Über die Internetseite der französischen Organisation UOSSM (Union des Organisations de Secours et Soins Médicaux) schildern die Mediziner per Videobotschaften die aktuelle Situation und fordern einen sofortigen Stopp der Bombardierungen, insbesondere der gezielten Angriffe auf Krankenhäuser und Gesundheitszentren sowie die Eröffnung eines humanitären Korridors.

 

 

Gezielte Luftangriffe auf Krankenhäuser

In der Nacht auf den 24. Juli hat das syrische Regime mit Unterstützung der russischen Alliierten aus der Luft vier Kliniken sowie eine Blutbank getroffen. Alle vier Feldkrankenhäuser mussten ihren Betrieb einstellen. Nach Angaben des Verbandes unabhängiger Mediziner sind in den östlichen Gebieten der Stadt derzeit nur noch fünf Krankenhäuser in Betrieb. In den von Oppositionellen besetzten Teilen der Stadt leben ca. 200.000 Menschen.

Marianne Gasser, Leiterin der Delegation des Internationalen Roten Kreuzes in Syrien, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, die Angriffe erfüllten sie "mit Hoffnungslosigkeit". In den vergangenen Monaten wurden im belagerten Osten Aleppos wiederholt Kliniken von Luftangriffen getroffen. So auch am 29. April, als Fassbomben innerhalb weniger Minuten das Gesundheitszentrum von Al-Marjeh zerstörten. 

 

Baldige Wiederaufnahme der Syrien-Gespräche?

Vertreter der Vereinten Nationen, der USA und Russlands trafen am 26. Juli in Genf zusammen, um über neue Schritte zur Lösung des Syrien-Konflikts zu beraten. Der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura verkündete, dass die Friedensgespräche zwischen syrischer Regierung, Opposition und der Internationalen Syrien-Unterstützergruppe Ende August wiederaufgenommen würden. Im April waren die Friedensverhandlungen gescheitert. Aus Protest gegen immer heftigere Angriffe seitens der Regierungstruppen hatten syrische Oppositionsvertreter die Konferenz verlassen. Im Mai konnten bei einer weiteren Konferenz in Wien keine Ergebnisse zur Einhaltung des vereinbarten Waffenstillstands erreicht werden. Vertreter der syrischen Opposition waren damals nicht beteiligt. Sie wollen die Verhandlungen erst wiederaufnehmen, sobald Fortschritte bei der Einhaltung des Waffenstillstands und der humanitären Hilfe erreicht wurden.

Aleppo, eine belagerte Stadt

Aleppo ist seit dem Jahr 2012 eine zwischen der syrischen Armee und Oppositionellen geteilte Stadt. Seit Ende Juni führt die syrische Armee mit Unterstützung von russischen Luftangriffen in Aleppo eine beispiellose Offensive durch. Ziel ist es, die von Oppositionellen und Rebellen besetzten Viertel zurückzuerobern. Mit der Besetzung der strategisch wichtigen "Castello"-Straße am 17. Juli wurde der letzte Versorgungsweg in den Osten der Stadt gekappt. Die Rebellen wurden demnach faktisch eingeschlossen.

Am 26. Juli, unmittelbar nach den Luftangriffen, diskutierte der UN-Sicherheitsrat in New York mögliche Sofortmaßnahmen für Aleppo. Der Leiter der UN-Hilfseinsätze, Stephen O'Brien, forderte wöchentliche, 48-stündige Waffenruhen um eine "mittelalterliche" Belagerung der Stadt zu verhindern. Im Krieg involvierte Parteien wie die USA, Russland und Frankreich stimmten dem Vorhaben zu. Es dürfe nicht sein, dass sich "Kriegsverbrechen" wie in den 1990er-Jahren in Sarajevo wiederholten, erklärte Frankreichs UN-Botschafter François Delattre.

 

Wie Madaja und Jarmuk

Sarajevo ist ein altes Beispiel, jüngere Geschehnisse in Syrien zeugen hingegen von vergleichbaren Gräueltaten, etwa in Madaja und Jarmuk. In Madaja war es die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah, die die strategisch wichtige Stadt über Monate hinweg aushungern ließ. Die Hilfskonvois des Roten Kreuzes konnten nur sehr mühsam und in unregelmäßigen Abständen in die Stadt vordringen. Im Juli teilte die UNO mit, dass sich die Lage in Madaja wieder zu verschlechtern drohe.

Eine vergleichbare Katastrophe ereignete sich 2014 im palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk, im Süden der Stadt Damaskus. 16.000 palästinensische Flüchtlinge harrten dort unter dramatischen Bedingungen aus. Das Lager wurde 2014 von der Terrormiliz "IS" besetzt. Im Juli kommunizierte die UNO, dass die Hauptversorgung in Madaja in den ersten sechs Monaten des Jahres 2016 erreicht wurden.

 

Gesundheitszentren als neutrales Terrain

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab es 2015 in Syrien 135 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen und ihre Mitarbeiter. Insgesamt wurden nach Angaben der Vereinten Nationen seit Beginn des Syrien-Konflikts mehr als 700 Ärzte und Krankenpfleger getötet. 

Gezielte Angriffe auf Gesundheitszentren sowie das Aushungern von Städten und Vierteln sind Kriegsverbrechen und schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht. Am 3. Mai verabschiedete der UN-Sicherheitsrat eine Resolution, in welcher diese Art von Attacken als Kriegsverbrechen definiert werden. Dennoch hat das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) in den letzten Jahren immer mehr Verstöße registriert. Die Konsequenzen: Verletzten und Kranken fehlt es an Medikamenten. Gesundheitseinrichtungen, Ärzte und Pflegepersonal wechselten aus Sicherheitsgründen ihren Arbeitsort. Schließlich wurden Präventivmaßnahmen wie Impfungen angesichts der akuten Bedrohungslage ausgebremst. 

 

Fünf Jahre Krieg in Syrien: Der Bürgerkrieg in Syrien begann im Frühjahr 2011 mit zunächst friedlichen Protesten gegen Staatschef Baschar al-Assad. Seither wurden nach Schätzungen der UNO mehr als 280.000 Menschen getötet und 4.8 Millionen in die Flucht getrieben. Reportagen und Analysen finden Sie in unserem Dossier. 

 
Zuletzt geändert am 29. Dezember 2017