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Flughafen Notre-Dame-des-Landes: Frankreich gibt auf

Länder: Frankreich

Tags: Flughafen, Bauprojekt, Notre-Dame-des-Landes

Über 55 Jahre trieb die Franzosen eine Frage um: Flughafen bauen oder nicht? Nun ist das Großprojekt in Notre-Dame-des-Landes, einer kleinen Gegend in Westfrankreich, erst einmal geplatzt. Am Mittwoch gab die französische Regierung bekannt, dass der Bau gestoppt wird. Der Streit ist über die Jahre zu einem verfahrenen Ungetüm mutiert - und ist auch mit der heutigen Entscheidung nicht beendet. Der Hintergrund.

Die Ursache des Konflikts: Ansässige Landwirte wollen ihre Höfe nicht aufgeben, Umweltschützer die Natur erhalten. Radikale Aktivisten nutzen das Vorhaben um gegen größere Plagen wie Kapitalismus oder Globalisierung zu demonstrieren. Lange ist jeder Versuch gescheitert, die Fronten zu klären. Eine Übersicht:

 

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© Yves Dorsi
Der Standort

ZAD: Einerseits Förderungsgebiet

 In Frankreich steht ZAD für „Zone d’Aménagement Différée“ (Förderungsgebiet). Sobald eine Zone vom Staat zu einer ZAD-Zone erklärt wird, bekommt die örtliche Verwaltung das Vorrecht, das Gebiet zu kaufen. Die Voraussetzung: Auf den angekauften Flächen soll ein Projekt entstehen, welches die Region vorantreibt. Im Falle des Flughafens konnte sich so der Generalrat des Regierungsbezirks von Notre-Dame-des-Landes das Gebiet zu Eigen machen.

Die Entscheidung für den Standort Notre-Dame-des-Landes fiel bereits in den 1970er-Jahren. Das in etwa 1600 Hektar große Land, das auf dem der Flughafen entstehen soll, wurde kurze Zeit später zu einem Förderungsgebiet (ZAD) erklärt. Dieser Beschluss bedeutete, dass das Land den Bewohnern entzogen wird. Nur leben in dieser Zone Landwirte, die seit mehreren Generationen den Boden bewirtschaften. Auch lieferte die Wahl des Standortes Konfliktpotential, da es sich um ein Feuchtgebiet handelt. Unter Klimaschützern gelten diese als ökologisch besonders wertvoll.

Die Befürworter

Sowohl Premierminister Lionel Jospin, als auch der Bürgermeister von Nantes und späterer Premierminister, Jean Marc Ayrault, sprachen sich Anfang 2000 für den Flughafen aus – somit gut 25 Jahre nach der Initialzündung. Die Argumentation: den bestehenden Flughafen in Nantes schrittweise ablösen, neue Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Aufschwung für die Region garantieren. Auch die Lage gilt für die Verfechter als vielversprechend. Einerseits soll durch den Standort eine Lärmbelästigung vermieden werden, andererseits würde der Ort eine bessere Verkehrsanbindung ermöglichen und den Flughafen auf internationaler Ebene öffnen. So die Argumentation. Dennoch reichten die Pro-Argumente für einen schnellen Konsens nicht aus. Zwei weitere Präsidenten scheiterten an einer finalen Entscheidung für den Beginn der Bauarbeiten.

 

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© DAMIEN MEYER / AFP

 

Die Gegner

In erster Linie betrifft das Projekt die ansässigen Landwirte. Diese gründeten bereits in den 1970er-Jahren eine erste Gegenbewegung, "Der Verband zum Schutz der vom Flughafen-Projekt betroffenen Bauern". Schützen wollten sie auch die noch unberührten Felder, welche deren Ansicht nach zu einer hohen Biodiversität beitragen würden. Im Verlauf der Jahre bildeten sich weitere Vereine, welche gemeinsam und zunehmend öffentlich gegen den Bau demonstrierten.

ZAD: Andererseits Verteidigungszone

 Mit der Wahl ihres Namens „ZAD“ wollen die Aktivisten auf ironische Weise den Kernpunkt des Streites widerspiegeln. Der administrative Begriff steht eigentlich für „Zone d’Aménagement Différée“, Förderungsgebiet. Die Abkürzung hat die Gruppe beibehalten, nur ihre Bedeutung umgewandelt: „Zone A Défendre“, Verteidigungszone. Mittlerweile ist der Begriff ZAD als Verteidigungszone weiter verbreitet als seine ursprüngliche Bedeutung.

Alleine blieben die Landwirte nicht. Der Widerstand bekam einen entscheidenden Aufschwung als sich militante Aktivisten, die "ZADs", einmischten. Nicht nur Notre-Dame-des-Landes interessiert diese Gruppe: Die Aktivisten wollen generell gegen alle Fehlentwicklungen der Moderne kämpfen. Das Flughafen-Projekt bot ihnen einen passenden Anlass, auf sich aufmerksam zu machen.

 

Das Tauziehen

Weder Gegner noch Befürworter rückten bis zuletzt von ihren Positionen ab. Beide Seiten feuerten seit der Wiederaufnahme des Projekts mit Initiativen und Gegeninitiativen. Landwirte demonstrieren, Politiker erlassen Verordnungen. Richtig aufgeheizt wurde der Streit mit einem Dekret, welches den geplanten Flughafen als Beitrag zum öffentlichen Wohl betitelte. Nur sahen die Gegner in dem Projekt das Gegenteil, nämlich eine Art Beitrag zur Zerstörung des öffentlichen Wohls. Ihre Antwort ließ nicht auf sich warten: Sie besetzten das Land. In Zelten, Wohnwägen und Baumhäusern haben sich seit 2009 überwiegend Mitglieder der militanten Bewegung ZAD einquartiert. Ihre Art zu demonstrieren nahm radikalere Formen an, fernab des relativ ruhigen Widerstands der Landwirte. 2012 kam es zur ersten, einschneidenden Eskalation. Die Regierung wollte den Bau starten, doch dafür mussten sie erst das Gelände räumen. Mehrere hunderte Gegner trafen auf knapp tausend Bereitschaftspolizisten. Häuser wurden zerstört, Demonstranten wehrten sich mit Molotowcocktails, Tränengas wurde eingesetzt. Die Evakuierung lief aus dem Ruder und hinterließ mehrere Verletzte.

 

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© JEAN-FRANCOIS MONIER / AFP

 

Und jetzt?

 

Nach über fünf Jahrzehnten hat die französische Regierung heute Klarheit geschaffen: Anstatt des Neubaus soll ein anderer Flughafen in der Nähe renoviert werden. Landwirte dürfen nun ihre Felder wieder in Anspruch nehmen. Außerdem soll die rund 400 Hektar grosse Zone, die von den Aktivisten der ZAD besetzt wird, bis im Frühling geräumt werden. Dabei werden gewalttätige Auseinandersetzungen befürchtet.

 

Stuttgart-21: Die Deutschen sind keine Vorbilder

Wenn es um Hürden und Probleme bei Bauprojekten geht, kennt sich Deutschland gut aus. Ein Beispiel dafür bietet "Stuttgart 21" - eines der größten Bauvorhaben der Deutschen Bahn. Schon Ende der Neunzigerjahre stand die Idee für einen radikalen Umbau des schwäbischen Bahnhofs fest. Wann er wirklich fertiggestellt wird, ist noch unklar. Das bisherige Fazit: während die Kosten im Milliardenbereich zunehmen, fühlen sich sowohl Anwohner als auch Umweltschützer von dem Vorhaben bedroht und protestieren regelmäßig gegen den Bau. In der Vergangenheit kam es dabei zu teilweise gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizeibeamten.

Zuletzt geändert am 17. Januar 2018