Nordkorea: Der kleine rote Prinz

ARTE Reportage - Montag, 2. März 2015 - 6:50

Länder: Nordkorea

Tags: Nord-Korea, Kim Jong Un, Diktatur

Er ist Alleinherrscher einer Atommacht, Oberbefehlshaber der viertgrößten Armee der Welt und Erbe einer Diktatur über ein Land mit fast 25 Millionen Einwohnern, deren Unglück auch noch darin besteht, als Opfer der strategischen Bedeutung ihres Landes zwischen dem asiatisch-pazifischen Raum und Amerika dienen zu müssen: Kim Jong-un heizt die Rivalität zwischen seinem Reich und der demokratischen Republik Korea immer wieder mit Kriegsdrohungen an, zum Schrecken der Weltgemeinschaft.      

Corée : le dernier prince rouge

Eigentlich müsste der junge Nordkoreaner auf dem internationalen diplomatischen Parkett zu einem der Akteure werden, angesichts des heutigen Bedrohungs-Szenarios zwischen Ost und West. Aber niemand außerhalb Nordkoreas kennt Kim Jong-un, außer einem amerikanischen Basketball-Star, dem er als Fan des Korbballs eine Audienz gewährte. Vier Jahre ist er jetzt an der Macht, als Nachfolger seines plötzlich verstorbenen Vaters Kim Jong-il und ist noch immer ein Unbekannter für die Weltgemeinschaft.

Was will Kim Jong-un wirklich? Wie sieht sein Plan für die Zukunft seines Landes aus ? Leider lehnt der junge Mann kategorisch jedes Interview ab: Deshalb zeichnen unsere Reporter ein Porträt des kleinen roten Prinzen und trafen Menschen, die ihm auf ganz unterschiedliche Weise nahe waren oder sind.  

 

Von Anthony Dufour, François Cauwel, Mathias Lavergne und Minju Song - ARTE GEIE / Hikari Films – Frankreich 2015

 

 

Der Reporter Anthony Dufour über seine Reportage "Nordkorea: Der kleine rote Prinz":

 

Rückblick: Der Koreakonflikt

Seit dem 22. August 1910 ist die koreanische Halbinsel unter japanisches Protektorat gestellt. Die japanische Kolonialherrschaft endet mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Alliierten sprechen sich für die Unabhängigkeit Koreas aus. Im August und September 1945 marschieren Amerikaner und Sowjets in Korea ein. Sie teilen das Land in zwei Zonen entlang des 38. Breitengrads unter sich auf. Die Unabhängigkeit wird wegen der schwierigen politischen Situation verschoben. 1948 besetzt die Sowjetunion den nördlichen Teil, die Vereinigten Staaten den Süden. Ein Jahr später ziehen Russen und Amerikaner ihre Truppen ab. Am 25. Juni 1950 überqueren nordkoreanische Sodaten den 38. Breitengrad. Es ist der Beginn des Koreakriegs. Der Krieg dauert bis 1953. Seitdem ist das Land geteilt.

 
Corée du Nord et Corée du Sud : chronologie du conflit
Kim Jong-un, ein Star im Web

 

Kim Jong-un: im wahren Leben gnadenloser Diktator und unangefochtener Herrscher über Nordkorea – im Web eine Witzfigur. Damit tritt er in die Fußstapfen seines Vaters, Kim Jong-il. Dieser hatte zuletzt mehr Berühmtheit über den tumblr-Blog "Kim Jong-il looking at things" erlangt, als durch seine politischen Aktionen. Auf dem Blog wurden regelmäßig Fotos des "Dear Leaders" veröffentlicht, die ihn zeigten, wie er andächtig die verschiedensten Objekte betrachtete: einen Schweinebraten, weibliche Soldaten, Schönheitsprodukte, Flaschen… Selbstverständlich wurde nach dem Dahinscheiden des Vaters ein Folgeblog für seinen Erben Kim Jong-un eingerichtet. Aber damit nicht genug: rebellischer Teenie, unersättlicher Vielfraß, Kriegsführer ohne Angriffslust… nichts, was man nicht verspotten könnte. Leider scheinen diese Späße Kim Jong-un weniger zu amüsieren als die User. Im letzten Sommer wurde die US-Komödie "The Interview" vom nordkoreanischen Außenministerium sogar als "ein mutwilliger Akt des Terrors" und Werk von "verbrecherischen Filmemachern", klassifiziert.Unser Überblick der größten Netzlacher: 

 

1.

"The Interview"

 

"The interview" war im letzten Jahr ein großer Aufreger am Hofe des Diktators und sorgte einmal mehr für diplomatische Eiszeit zwischen Washington und Pjöngjang. Die Story? Zwei Stars des amerikanischen Fernsehens, der Moderator einer Talk-Show und sein Produzent, fahren für ein Exklusivinterview mit Kim Jong-un nach Nordkorea. Ihre geheime Mission: Sie sollen den Diktator mit Hilfe von Anweisungen der CIA umbringen. 

 

 

 

Doch beinahe hätte es der Film nie ins Kino geschafft… Rückblick: Ende November 2014, also einen Monat vor dem geplanten Filmstart, wird der Filmverleiher Sony Pictures Entertainement Opfer einer großen Hacker-Attacke. Die ominöse Gruppe "Guardian of Peace" bekennt sich zu dem Akt. Das FBI beschuldigt jedoch Nordkorea hinter dem Cyber-Übergriff zu stehen. Es ist einer der schwersten, den eine amerikanische Firma je erlitten hat. Angesichts der Bedrohung beschließt Sony Pictures zunächst den Film nicht auszustrahlen. Wenig später rudert der Filmverleiher jedoch zurück und der Film kommt Ende Dezember in die Kinos. 

 

2.

Popkultur

 

 

Kurz nach dem Tohuwabohu um den Film "The interview" schuf der brasilianische Künstler Butcher Billy aus Kim Jong-un eine Ikone der Popkultur im Stil Andy Warhols. 

Super Mario, Ronald McDonald, der Joker aus Batman, Walter White aus der Serie Breaking Bad, Darth Vader… entdecken Sie die bunten Porträts des nordkoreanischen Diktators

 

3.

Parodien

 

 

Die einzigen Fotos, die wir aus dem pressefeindlichen Nordkorea erhalten, sind Bilder der staatlichen Presseagentur KCNA. Die Agentur verfügt übrigens über eine Englischsprachige Webseite – wer in das Universum von Kim Jong-un eintauchen will, sollte dort mal vorbeischauen. Einige Internetuser machen sich jedoch auch einen Spaß daraus, die dort veröffentlichten Fotos zu anderen Zwecken zu nutzen – wie bereits vor ein paar Jahren der Autor des Blogs "Kim Jong-il looking at things".   

Die letzte Parodie mokierte sich über die Frisur des nordkoreanischen Diktators, die allen Gesetzen der Gravität zu trotzen scheint. Da fragte sich so mancher, wie sie wohl anderen Staatschefs stehen würde…

 

Internetdossier: Uwe-Lothar Müller, Donatien Huet, Janina Schnoor

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016