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No Future im Kosovo?

Länder: Bosnien Und Herzegowina

Tags: Kosovo, Exodus

Es ist ein Massenexodus: Laut der deutschen, österreichischen und ungarischen Behörden, haben seit Beginn des Jahres mindestens 20 000 Kosovaren ihre Heimat Richtung EU verlassen. Sie flüchten vor Armut, Korruption, Nepotismus, organisiertem Verbrechen und Perspektivlosigkeit. Ob das neue, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge beschlossene Eilverfahren für Asylanträge von Kosovaren den Ansturm eindämmen wird, ist ungewiss.

Einen solchen Exodus hat der Kosovo seit Ende der Balkankriege nicht mehr erlebt. In den vergangenen Wochen sind allein in Deutschland über 10 000 Kosovaren angekommen, vor allem in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Um diese Flüchtlingswelle einzudämmen, haben sich die Innenminister von Bund und Ländern auf ein Eilverfahren bei der Bearbeitung der Asylanträge von Kosovaren geeinigt, die nun in maximal 14 Tagen nach Eingang bearbeitet werden sollen. Die große Mehrheit dieser Menschen hat keinen Anspruch auf Asyl in Deutschland, denn sie müssen nicht um Leib und Leben fürchten, sondern sind Armutsflüchtlinge. Die Asyl-Anerkennungsquote liegt daher auch bei lediglich 0,3 Prozent.

Ein Durchschnittslohn in Höhe von 400 Euro

Die wirtschaftliche Situation des Kleinstaates ist, sieben Jahre nach der Unabhängigkeit, mehr als desolat. Der Minimallohn beträgt 170 Euro, der Durchschnitt etwa 400 Euro. Und dabei muss man noch froh sein, überhaupt Arbeit zu haben. Denn die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 45 Prozent, die Dunkelziffer wahrscheinlich noch höher, da viele sich gar nicht als arbeitslos melden. Noch härter trifft es die Jugend, mit einer Arbeitslosenquote von 70 Prozent. Und das in einem Land, in dem zwei Drittel der 1,8 Millionen Einwohner jünger als 35 Jahre sind.

Die soziale Misere treibt in die Flucht

Aber auch die älteren Kosovaren müssen mehr als kärglich leben: Die Renten machen im Schnitt 65 Euro im Monat aus, mehr als 120 Euro bezieht keiner. Es ist genau diese soziale Misere, die die Menschen zur Flucht treibt. Sie haben die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Heimat verloren. Die Industrie liegt am Boden, ein Programm zur Wiederbelebung der Wirtschaft gibt es nicht. Stattdessen werden Autobahnen gebaut - zum Beispiel ins benachbarte Albanien oder jetzt nach Mazedonien. Nationale Prestigeobjekte, deren wirtschaftlicher Nutzen mehr als umstritten ist.

Drogen, Waffenhandel und das Schleuserbusiness

Das organisierte Verbrechen dagegen floriert. Der Kosovo gilt als Europas Drehscheibe für Drogen- und Waffenhandel, für Schmuggel aller Art und Prostituiertenschinder. Experten zufolge stammen mittlerweile bis zu 80 Prozent des nach Westeuropa geschmuggelten Heroins aus dem Kosovo, wohin es aus Afghanistan gelangt. Noch lukrativer als der Drogenhandel ist das Schleuserbuisness. Oft verkaufen die Familien ihr gesamtes Hab und Gut, für einen Platz in einem der überfüllten Busse Richtung EU. Bis zu 1000 Euro pro Kopf müssen sie den skrupellosen Schleusern zahlen.

 

Dennoch sind täglich ganze Buskolonnen aus dem Kosovo in Richtung Deutschland unterwegs. Zwar ist die illegale Einreise in Deutschland eine Straftat, aber auch die drohende Strafverfolgung durch die deutsche Justiz hält die Flüchtlinge nicht ab. Wer kein Perspektive mehr hat, der hat auch nichts mehr zu verlieren.

 

Sehen Sie hier die ARTE-Reportage von Ulrike Dässler: "Serbien: Flucht aus dem Kosovo"

Serbien: Flucht aus dem Kosovo

 

Zuletzt geändert am 15. Februar 2018