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"Niemand konnte sich damals eine Räumung vorstellen"

Länder: Israel, Palästina

Tags: Gaza, Besiedlung, Gazastreifen

David Frêche stammt aus dem französischen Toulouse und wohnte 13 Jahre lang in Gusch Katif, dem Block jüdischer Siedlungen im Gazastreifen.

"Nach Gusch Katif kam ich 1992 aus Idealismus. Für mich ist es das Land des Volkes Israel. Historisch gesehen ist es ganz klar der Ort, der am längsten unter jüdischer Herrschaft stand. Ich war Landwirt, ich pflanzte Salat und Kohl an. Ich wohnte in Bedolach, dann in Netzarim. Wir hatten hervorragende Beziehungen zu Ariel Scharon, der Gaza und Judäa und Samaria im Wesentlichen aufgebaut hat. In meinem Dorf arbeiteten Leute in allen Berufen. Es herrschte eine außerordentliche gegenseitige Hilfsbereitschaft. Wir hatten auch sehr gute Beziehungen zu unseren arabischen Nachbarn. Das goldene Zeitalter, in dem die Juden ihre Einkäufe in Gaza tätigten und ihre Kinder von Palästinensern betreuen ließen, habe ich nicht erlebt. Aber ich arbeitete immer absolut vertrauensvoll mit ihnen zusammen.

 

Und so musste ich diesen Ort verlassen, von dem ich jeden Stein, jeden Sandhügel kannte.

David Frêche

Niemand konnte sich damals vorstellen, dass die Siedlungen geschleift würden. Einige meiner Nachbarn packten ihre Habseligkeiten nicht in Kartons, weil sie bis zum Ende überzeugt waren, dass es nicht geschehen würde. Ich nahm an allen möglichen Kundgebungen gegen den Rückzug teil. Eines Tages fragte mich ein französischer Journalist, ob ich im Gegenzug für echten Frieden bereit sei, Gusch Katif zu verlassen. Ich antwortete ihm, dass ich das zuerst mit meinem Großvater besprechen müsse, der nicht mehr da war und mit meinem Enkel, der noch nicht geboren ist. Dieses Land gehört allen Generationen des Volkes Israel.

 

Kurz vor der Ausweisung schickte ich meine Frau und meine jüngsten Kinder aus Gusch Katif weg. Ich selbst blieb mit meinem ältesten Sohn zurück. Er war damals zehn Jahre alt. Ich wusste nicht, dass ein Mann so sehr weinen konnte. Eines Tages saß ich schluchzend auf den Stufen meines Hauses und ein Soldat, den ich kannte, legte mir eine Hand auf die Schulter und sagte: „David, jetzt ist es Zeit, zu gehen“. Dann versuchte er, mich zu trösten.

 

Die Leute betrachteten uns als Schmarotzer, die es sich mit den Entschädigungszahlungen der Regierung gut gehen ließen.

David Frêche

Und so musste ich diesen Ort verlassen, von dem ich jeden Stein, jeden Sandhügel kannte (ich war auch Touristenführer). Ich schulterte die Menora, den siebenarmigen Kerzenleuchter, aus der Synagoge. Dann ging ich davon. Wie auf dem Triumphbogen von Rom, wo die Ausweisung der Juden durch Titus vor 2000 Jahren dargestellt ist.

 

Wir fanden uns in Mobilhäusern wieder. Im Winter war es kalt. Die Leute betrachteten uns als Schmarotzer, die es sich mit den Entschädigungszahlungen der Regierung gut gehen ließen. Aber eigentlich hat sie nur unsere Ausweisung beschlossen, aber sich nicht sonderlich darum bemüht, uns wieder einzugliedern. Die Folgen waren sehr schlimm. Einige bekamen Krebs, andere wollten sich das Leben nehmen. Wieder andere wurden ausgenommen. Familien zerbrachen. Noch heute haben viele keine Unterkunft.

 

Damals dachten die Menschen, unsere Ausweisung brächte dem Volk Israel Frieden. Man sieht, was daraus geworden ist.

David Frêche

Die Menschen von Netzarim sind in zwei Gruppen zerfallen: Einige haben in der Wüste Negev im Süden Israels eine ähnliche Siedlung aufgebaut. Andere, darunter auch ich, haben sich in Ariel niedergelassen, im Norden Samarias. Wir versuchen, unsere Liebe für das Land Israel und für die Thora an Juden aus Russland weiter zu geben, die oft wenig mit unserer Tradition vertraut sind.

 

Damals dachten die Menschen, unsere Ausweisung brächte dem Volk Israel Frieden. Man sieht, was daraus geworden ist. Ich würde gerne glauben, dass meine Landsleute jetzt gegen neue Schleifungen immun sind, aber davon bin ich nicht überzeugt. Ich brauchte lange, bis ich mich wieder gefangen hatte. Lange trug ich am Unabhängigkeitstag Schwarz. Ich habe mir meine Ideale bewahrt. Ich bin immer noch für ein Groß-Israel, aber am schwersten zu verdauen ist, dass weder Arafat noch die Nazis mich vertrieben haben, sondern meine eigenen Brüder."

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016