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"Nie war seine Literatur schöner, als wenn er sie las"

Länder: Deutschland

Tags: Günter Grass, Jürgen Flimm, Interview

Der Regisseur und Intendant der Berliner Staatsoper, Jürgen Flimm, kannte Günter Grass gut. Die beiden verband ein enges, freundschaftliches Verhältnis. Flimm würdigte Grass nach seinem Tod „als großen Schriftsteller und Dichter“ und nannte seinen Tod „einen großen Verlust für die Bundesrepublik“. Im Interview mit ARTE Journal hat Jürgen Flimm aus dem Nähkästchen geplaudert und sich sich an die gemeinsame Zeit mit dem Nobelpreisträger zurückerinnert.

 Er war ein treuer Freund, sehr freundlich und dem Leben zugeneigt. 

 

Was für ein Mensch war Günter Grass? Was ist ihm wichtig gewesen?

Jürgen Flimm: Günter war ein sehr zärtlicher Mensch. Ja, da gucken die Leute immer, wenn ich das sage. Man traf sich, es wurde gegrillt, geredet, ein bisschen Rotwein getrunken, er war ein treuer Freund, sehr freundlich und dem Leben zugeneigt. Davon können viele Leute erzählen. Das wird mir auch am meisten fehlen. Und auch seine raunzige Stimme, seine Ratschläge, die er einem immer mit einer großen Freundlichkeit gab. Und er konnte glänzend zuhören.

 

Grass war ein streitbarer Geist. Wie sehr haben Sie das an ihm geschätzt, dass er seine Meinung äußerte, egal ob das populär oder unpopulär sein würde?

Jürgen Flimm: Klar, schätzt man das, wenn einer so viel Zivilcourage hat und dann öffentlich den Ministerpräsidenten von Hessen abwatscht, weil der bei einer Wahl ein falsches Vokabular verwendet hat. Das hatte ich sehr sehr gerne. Ich bin auch keiner, der ihm diese SS-Geschichte vorwirft. Er war eben jung, und viele von uns wussten auch, dass er darin verstrickt war.

 

Er hat sich um die Verfemten und die Verbotenen gekümmert, er war ein Mann der Tat. Er hat nicht nur geschwafelt, sondern er hat es auch umgesetzt.

 

Er war von seiner Jugend bis zu seinem Lebensende politisch engagiert. Wie wichtig ist das gerade bei Kulturschaffenden?

Jürgen Flimm: Die deutsche Demokratie ist beispielhaft, ist standhaft, wehrhaft und ist in nichts gefährdet. Damals war das nicht so. Da musste man sich formulieren, da musste man politisch sein, man musste das Maul aufreißen und den Finger in die Wunde legen. Und das konnte er, das machte er sehr konsequent. Wenn Sie sich mal überlegen, was er alles für Ostdeutsche, für Ostschriftsteller gemacht hat. Er hat sich um die Verfemten und die Verbotenen gekümmert, er war ein Mann der Tat. Er hat nicht nur geschwafelt, sondern er hat es auch umgesetzt.

 

Er hat zur Wiedervereinigung den kritischen Zeigefinger erhoben… dafür hat er viel Kritik eingesteckt. Hatte er nicht auch Recht?

Jürgen Flimm:  Günter Grass plädierte für Langsamkeit, aber das war damals nicht an der Tagesordnung, denn alles musste ruckzuck gehen. Das war sicherlich ein Fehler, die Menschen mussten sich doch sehr aneinander gewöhnen. Er hat auch vor dem Umtauschkurs gewarnt, der sicherlich auch ein Fehler war, weil sich das Geld dann auf einmal inflationär bewegen musste. Aber er hat natürlich nicht mit dem Enthusiasmus der Deutschen gerechnet, das hat er ein bisschen unterschätzt.

 

Er hat vor zwei Jahren in einem israelkritischen Gedicht seine Stimme erhoben und sehr viel Kritik einstecken müssen. Ehrt ihn das oder war es zu einem falschen Zeitpunkt?

Jürgen Flimm: Der Anlass ehrt ihn ganz sicher. Viele von uns stehen der israelischen Regierung unter Netanjahu sehr kritisch gegenüber. Sein Fehler war, dass er Israel mit der Regierung verwechselt hat, diesbezüglich hätte er aufpassen müssen, er hätte von einem Freund gegenlesen lassen sollen, und dann hätte man ihn sicher darauf aufmerksam machen können. Aber der Anlass war absolut richtig.

 

Für mich persönlich sind die schönsten Erinnerungen, wenn er anrief und sagte: "Komm doch mal vorbei, ich hab da was geschrieben".

 

Günter Grass hat im deutschsprachigen Raum, aber auch international, daran gearbeitet, das deutsche Bild zu verändern und zu verfestigen.

Jürgen Flimm: Ja, das sagen Sie mit Recht. Ich glaube, dass er erheblich dazu beigetragen hat, das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland in den schwierigen 50er und 60er Jahren, als sich ein deutsches Bild neu bildete, zu verbessern. Er hat sich tatsächlich um die Republik sehr verdient gemacht, das muss man sagen.

 

Was werden sie von Günter Grass in Erinnerung behalten?

Jürgen Flimm: Für mich persönlich sind die schönsten Erinnerungen, wenn er anrief und sagte: "Komm doch mal vorbei, ich hab da was geschrieben".  Dann saß man bei ihm, in Behlendorf, im Wohnzimmer. Hinter ihm war ein großes Fenster, die Landschaft versank langsam hinter ihm im Dunkeln und er las seine Sachen vor. Und nie war seine Literatur schöner, als wenn er sie las. Er war eigentlich ein Rhapsode, ein Barde. Und dann blühten seine Texte auf, durch seine Sprache, durch seinen kleinen, harten Akzent, den er hatte… das sind für mich die schönsten Erinnerungen.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016