Nicaragua: Das verkaufte Land

ARTE Reportage - Samstag, 16. Mai 2015 - 17:05

Länder: Nicaragua

Tags: Nicaragua, chinesischer Unternehmer, Widerstand

Präsident Ortega hat sein Versprechen gebrochen: "Nicht für alles Gold der Welt werden wir den Nicaragua-See für den Bau eines interozeanischen Kanals opfern", tönte er 2007. Fünf Jahre später verkaufte er die Rechte zum Bau des Kanals für 100 Jahre an die Chinesen: 120 000 Menschen werden dafür umgesiedelt, Kritiker sprechen von einem "neuen Kolonialismus", alte Kampfgefährten wenden sich gegen Ortega, Bauern und Indigene vereinen sich zu einem Widerstand, der ihn aus dem Amt fegen könnte.  

Nicaragua: Das verkaufte Land

Das Projekt ist gigantisch: Vom karibischen Meer aus wollen sie einen 278 Kilometer langen Kanal quer durch Nicaragua graben, um den Atlantik mit dem Pazifik zu verbinden. Ein Großflughafen, zwei chinesische Freihandelszonen, zwei Containerhäfen und eine Großstadt werden den drittgrößten Regenwald der Erde beschneiden – und der Kanal führt quer durch den Nicaraguasee, das größte Trinkwasserreservoir Mittelamerikas. Dafür müssen sie eine 30 Meter tiefe Fahrrinne in den Seeboden sprengen. Das alles im Namen des Fortschritts, um das Bruttoinlandsprodukt Nicaraguas zu verdoppeln, schwärmte der Chinese Wang Jing, Bauherr, Milliardär und vermutlich industrieller Strohmann der chinesischen Regierung.

"Chinesen raus" und "Wir wollen keinen Kanal" – entlang der Route formiert sich massiv der Widerstand. Die 120 000 Menschen dort wollen sich nicht vertreiben lassen. Es entstehen neue Bündnisse zwischen ehemaligen Todfeinden: Sandinistische Kämpfer beraten sich mit ehemaligen Contras und sie vereinen sich mit den Indigenen, um Ortegas Plan zu verhindern. Ernesto Cardenal, Dichter, Priester und Kampfgefährte hat sich losgesagt von Ortega: Der habe ein persönliches autoritäres Regime errichtet. Die Revolution sei verloren. Mit dem Kanal trete er die Souveränität für 100 Jahre an einen Chinesen ab, als ob Nicaragua einen Krieg verloren hätte und bedingungslos kapitulieren müsste.     

 

Von Wilfried Huismann, Uli Köhler und Arno Schumann – ARTE GEIE – Frankreich 2015

 

 

Unser Reporter Wilfried Huismann über Ortegas Politik

 

 

"Die Regierung hat uns den Chinesen ausgeliefert"

Über 30 Klagen haben die Gegner des Kanals inzwischen beim Verfassungsgericht eingereicht. Der Vertrag zwischen Nicaraguas Präsident Daniel Ortega und dem chinesischen Magnaten Wang Jing vom Juni 2013 gewährt den Chinesen eine Konzession für 50 Jahre, die um weitere 50 Jahre verlängert werden kann. Neben dem Bau des Kanals zwischen Atlantik und Pazifik sieht der Vertrag auch den Bau zweier Hochseehäfen vor,  außerdem einer Ölpipeline, einer Eisenbahnlinie, eines internationalen Flughafens und einer Freihandelszone.

Die nicaraguanische  Anwältin für Umweltrecht Mónica López Baltodano ist eine der schärfsten Kritikerinnen des Bauprojekts. Monatelang hat sie sich mit dem Konzessionsvertrag befasst. "Die Konzession verstößt gegen Grundrechte, die Regierung hat uns den Chinesen ausgeliefert", lautet ihr Urteil. Die Ergebnisse ihrer Recherchen hat Baltodano im August 2013 in einem Buch veröffentlicht.

Darin kritisiert die Anwältin unter anderem, dass der Vertrag Wang Jing das Recht gibt, alle Ressourcen Nicaraguas zu nutzen, die ihm für den Bau nötig erscheinen. Das gilt auch für Land, Wasser, Häfen und dem Luftraum. Wang Jing könne die Regierung sogar auffordern, Land zu enteignen, ohne die Besitzer dafür zu entschädigen. Das Unternehmen sei dem Vertrag nach für nichts haftbar und könne den Bau jederzeit abbrechen. Sollten Rechtsstreitigkeiten oder neue nationale Gesetze den Bau verzögern, hat der Bauherr Wang Jing ein Recht auf Entschädigung.

 

Konkurrenz für den Panamakanal

Ein interozeanischer Kanal durch Mittelamerika: Davon träumte schon der Forschungsreisende Alexander von Humboldt Anfang des 19. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert später wurde sein Traum Wirklichkeit, im Jahr 1914, mit der Eröffnung des Panamakanals, nach 20 Jahren Bauzeit. Er erspart den Schiffen einen Umweg von 15.000 Kilometern. Weitere 100 Jahre später soll nun der Nicaragua-Kanal noch ehrgeizigeren Zielen gerecht werden. Seine Inbetriebnahme ist bereits für 2020 geplant. Wir haben einige Vergleichsdaten für sie zusammengestellt:  

Der neue Kanal in Nicaragua wird wesentlich länger, aber auch tiefer und breiter, um neuen und noch größeren Containerschiffen die Durchfahrt zu ermöglichen.

 

Damit soll der Nicaragua-Kanal attraktiver sein als der alte Konkurrent in Panama. Dennoch schätzt selbst die chinesische Baufirma HKND den zukünftigen Schiffsverkehr nicht so hoch ein, wie auf dem Panamakanal.

 


China setzt auf Lateinamerika

Wir zeigen Ihnen auf einer animierten Karte einige Beispiele für chinesische Investitionen in Lateinamerika. Zwischen 2005 und 2013 hat China 840 Milliarden Euro in den lateinamerikanischen Kontinent investiert. 

EIn Internetdossier von Uwe-Lothar Müller, Judith Kormann, Léa Desrayaud und Janina Schnoor.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016