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Neue Gewaltstufe im Jemen

Länder: Jemen

Tags: Saudi-Arabien, Huthi

Saudi-Arabiens Luftschläge auf den Jemen gehen weiter. Am 04. April kamen bei Angriffen auf die Hauptstadt Sanaa erneut zehn Zivilisten ums Leben. Alleine in den letzten zwei Wochen sind nach UN-Angaben über 500 Zivilisten im Bürgerkriegsland gestorben. Seit zehn Tagen bobardiert eine von Saudi-Arabien geführte Koalition die Stellungen der Huthi-Milizen. Russland hat vom UN-Sicherheitsrat am 04. April eine humanitäre Feuerpause gefordert, das Gremium hat die Entscheidung jedoch aufgeschoben

 

Die schiitische Huthi-Miliz hat im Jemen über Monate hinweg Gebietsgewinne erzielt. Im September 2014 eroberten die Rebellen die Hauptstadt Sanaa, lösten das Parlament auf und vertrieben zuletzt im Februar 2015 den gewählten Präsidenten Hadi. Seit einer Woche schlägt eine breit aufgestellte Koalition der sunnitischen Nachbarländer zurück. Die Luftangriffen unter Führung Saudi-Arabiens gegen mutmaßliche Stellungen der Huthis forderten aber zuletzt auch zahlreiche zivile Opfer, der jemenitische Außenminister forderte die Entsendung von Bodentruppen. Gleichzeitig kämpfen die Extremistenorganisationen Aqap (Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel) und Islamischer Staat um die Vorherrschaft in dem arabischen Land.

Die jemenitische Al-Kaida hat ein Gefängnis im Südosten des Landes angegriffen und rund 300 Häftlinge befreit. Unter den Geflohenen soll sich auch einer der Anführer der Organisation, Chaled Batarfi, befinden. Aqap ist im Süden und Osten des Jemen aktiv, wo sich auch noch Teile der Armee und der Regierung von Präsident Hadi aufhalten. Dieser war zuletzt angesichts des Vormarsches der Huthi-Rebellen auch aus seinem Rückzugsort Aden geflohen. Zurzeit soll er sich in Saudi-Arabien aufhalten, wie auch der jemenitische Außenminister Riad Jassin.

 

Bodentruppen "bisher" nicht notwendig

Jassin zufolte reichten Luftangriffe auf lange Sicht nicht aus. Durch eine Bodenoffensive könne die Zahl der zivilen Opfer des Konflikts verringert und Hilfslieferungen für die Bevölkerung ermöglicht werden. Laut UNO wurden seit Beginn der Luftangriffe mehr als 90 Zivilisten getötet, mehr als 360 verletzt. Der UN-Menschenrechtskommissar Seid Ra'ad al-Hussein warnte, der Jemen stehe "am Rande eines vollständigen Zusammenbruchs".  Zwei Tage zuvor hatte ein Sprecher der von Saudi-Arabien geführten Koalition gesagt, "bisher" sei ein Einsatz von Bodentruppen nicht notwendig. Die Frage könne sich jedoch "jederzeit" stellen. Aus westlichen Diplomatenkreisen verlautete gestern, eine Bodenoffensive wäre nicht zuletzt angesichts des bergigen Geländes im Norden des Jemen "sehr, sehr kompliziert und schwierig".

 
Zehn Länder beteiligen sich an der Militäroperation

Die Operation "Sturm der Entschlossenheit" begann mit massiven Luftschlägen. Laut Informationen hat allein Saudi-Arabien in der Nacht zum Donnerstag zehn Kampfjets eingesetzt. Insgesamt beteiligen sich zehn Länder an der Militäroperation, Nachbarn wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Katar und Bahrain, aber auch Jordanien, der Sudan und Marokko sollen Jets losgeschickt haben. Ägypten und Pakistan haben Kriegsschiffe in den Golf von Aden gesandt. Kairo stellte nach einem Treffen der Arabischen Liga in Scharm el Scheich zudem Bodentruppen in Aussicht. Saudi-Arabien hält nach eigenen Angaben 150.000 Soldaten in Bereitschaft.

 

Die USA begrüßten die militärische Intervention unter Führung Riads. Nach Angaben eines ranghohen US-Diplomaten lobte US-Außenminister John Kerry in einer Telefonkonferenz mit Ministern der beteiligten Golfstaaten die "Arbeit der Koalition". Die USA unterstützten diese mit der Weitergabe von Geheimdienstinformationen sowie logistischer Hilfe bei Luftangriffen.

 

Die Huthis, eine schiitische Miliz, haben im Verlauf des Jahres 2014 die Kontrolle über den Norden des Jemen übernommen. Sie setzten Präsident Hadi ab und nahmen Militärbasen im ganzen Land ein. Nun versuchen sie offenbar, ihre Einflussphäre auf  den Süden auszudehnen. Nachdem die Huthis einen Angriff auf Aden gestartet hatten, rief Hadi offenbar kurz vor seiner Flucht die Nachbarn zu Hilfe.

 

Schwelender Machtkampf der Saudis mit dem Iran

 

Ziel der internationalen Koalition ist es, die schiitischen Rebellen entscheidend zu schwächen und den aus dem Amt vertriebenen Präsidenten Hadi wieder einzusetzen. Sie rechtfertigte ihr militärisches Eingreifen: Es gehe darum, "mit allen Mitteln die rechtmäßige Regierung des Jemen zu schützen und zu verteidigen", erklärte Saudi-Arabien. Hintergrund ist aber auch ein schwelender Machtkampf der Saudis mit dem Iran. Teheran wird seit Monaten verdächtigt, den schiitischen Huthis Waffen zu liefern. In Riad geht die Angst um, dass die Mullahs ihre Machtbasis  im Nahen Osten ausdehnen wollen. Insofern sehen viele Experten den Konflikt nun immer mehr als einen Stellvertreter-Krieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran um die regionale Vormachtstellung. Somit könnten die regionalen Ambitionen eine fatale Auswirkung haben: die Konfessionalisierung des Konflikts auf Sunniten und Schiiten.

 

Angst vor einem Krieg in der Region

Der Iran hat dementsprechend kritisch auf die Bombardierungen reagiert. Das Eingreifen Riads werde weiter Spannungen in der Region schaffen und keinem Land von Nutzen sein, erklärte Außenminister Sarif in Lausanne. Der Vorsitzende der Nationalen Sicherheitskommission warf den Saudis vor, mit Hilfe der USA die Flammen eines neuen Kriegs in der Region anzufachen.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016