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Neue Gewalt in Mexiko

Länder: Mexiko

Tags: Demonstration, Presseschau, Studenten

In Mexiko überschlagen sich die Ereignisse. Demonstranten haben das Regionalparlament im Bundesstaat Guerrero in Brand gesteckt. Die gewaltsamen Aufstände gehen weiter,  Wut, Trauer und Verzweiflung überschatten das Land. Denn nach wie vor mangelt es an Klarheit über das Verschwinden der 43 Studenten. Das Thema aus der Sicht ausländischer Medien gibt es in unserer Presseschau.

 

 "Peña, du Mörder" und "Peña, bleib in China" - Slogans wie diese riefen die Demonstranten auf ihrem Protestmarsch, der von einigen Eltern der Vermissten angeführt wurde. Ihr Zorn richtet sich gegen ihren Präsidenten Enrique Peña Nieto“ der trotz der Krise in seinem Land zum APEC-Wirtschaftsgipfel nach China geflogen war. In mehreren Städten des Landes kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen. Im Bundesstaat Guerrero setzten Demonstranten das Regionalparlament und mehrere Fahrzeuge in Brand. In Veracruz attackierten sie einige Sportler, die die Fackel der Zentralamerikanischen Spiele zum Austragungsort bringen sollten. "Wir wollen keine Spiele, wir wollen Gerechtigkeit", forderten die Demonstranten lautstark. Am Vortag warfen maskierte und mit Stöcken bewaffnete Männer auf ihrem Weg in Richtung Flughafen mit Steinen und einem Brandsatz. Drei Stunden lang blockierten sie den internationalen Flughafen. Keiner hatte mehr Zugang und drei Flüge wurden gestrichen. "Es ist mir egal, wenn ich verspätet heimkomme", sagte die mexikanische Reisende Beatriz Barros und zeigte sich den Protesten gegenüber verständlich. Doch die Blockade des Flughafens verlief nicht ohne Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten und den Sicherheitskräften. Insgesamt wurden 20 Polizisten verletzt. 

 

Angst vor der Repression

Wir sehen uns einem nationalen Notstand wegen der schlechten Sicherheitslage gegenüber."

José Alcaraz Garcia, Organisator der Bewegung 43x43

Die Proteste gegen die Regierung waren bereits am Wochenende eskaliert, als drei mutmaßliche Drogengangster die Ermordung der 43 Lehramtsstudenten gestanden hatten. Am Samstag versuchten vermummte Angreifer, den Nationalpalast in der Haupstadt Mexiko-Stadt zu stürmen und im Bundesstaat Guerrero, wo die Studenten entführt worden waren, bewarfen Demonstranten den Sitz der Regionalregierung mit Brandsätzen. Die Wut und Enttäuschung über einen Staat, der offenbar nicht mehr zu funktionieren scheint, sowie die Angst vor der Repression ziehen immer weitere Kreise. „Wir sehen uns einem nationalen Notstand wegen der schlechten Sicherheitslage gegenüber“, sagte José Alcaraz Garcia der Organisator der Bewegung 43x43. Symbolische 43 Vertreter der Organisation waren am Sonntag rund 200 Kilometer Richtung Mexiko-Stadt gelaufen, um ihrer Trauer Luft zu machen. Denn mittlerweile glaubt in Mexiko kaum jemand, dass die Studenten noch am Leben sind, dadurch haben nicht zuletzt auch die Geständnisse der Drogengangster gesorgt.

 

Experten der Universität Innsbruck eingeschaltet

Am Freitag teilte der Generalstaatsanwalt Jesus Murillo Karam mit, drei Mitglieder der Drogenbande hätten in Haft gestanden, die Studenten getötet und ihre Leichen auf einer Müllkippe verbrannt zu haben. Doch die Leichenreste konnten bislang nicht identifiziert werden. Da die Eltern den Glauben an die Behörden verloren haben, fordern sie unabhängige Beweise für den Tod ihrer Kinder. Infolgedessen hatte die Regierung, Experten der Universität Innsbruck darum gebeten, den DNA-Abgleich vorzunehmen. Ergebnisse liegen bislang nicht vor. Die Studenten waren am 26. September nach einer Spendensammelaktion von der Polizei festgenommen und anschließend der mit ihnen verbündeten Drogenbande "Guerreros Unidos" übergeben worden.

 

 

Misstrauen in der Bevölkerung wächst 

74 Festnahmen haben in dem Fall bereits stattgefunden, darunter 36 Polizisten und mehrere Mitglieder der Drogenbande. Ein letzter großer Erfolg war die Festnahme von José Luis Abarc, Bürgermeister der Stadt Iguala, und seiner Frau, denn er hat vermutlich das Vorgehen gegen die Studenten angeordnet. Abarc wollte verhindern, dass die Studenten eine Rede seiner Frau stören. Beide Ehepartner unterhalten enge Verbindungen zur Drogenmafia. Das Misstrauen in der Bevölkerung gegen die mexikanische Polizei und die Ermittlungsbehörden wächst stetig, wie bei dem Demonstranten Carlos Ventura: "Iguala hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Im ganzen Land passiert das Gleiche und wir haben es satt."

20.000

Menschen sind in den vergangen Jahren in Mexiko verschwunden.

 

 

 

43 Porträts als Symbol für die Mobilisierung

43 Künstler, Maler und Grafiker haben das Verschwinden der Studenten zum Anlass genommen und 43 Porträts der Entführten gefertigt. Diese werden auf Demonstrationen, bei Gedenkfeiern und auch in den Medien genutzt. Sie sind Symbol für die Mobilisierung eines Volkes, das durch die Komplizenschaft zwischen ihrem Staat und den Drogenbanden paralysiert war und nun mit aller Macht versucht, gegen die Korruption in dem Land anzukämpfen. Der Kampf hat ein Gesicht, und zwar das der jungen Menschen, die unschuldig entführt und wahrscheinlich auf brutalste Weise ermordet wurden.

 

Schicksal ungewiss

Nach Angaben von mexikanischen Medien wurden in diesem Jahr 600 Menschen in Massengräbern entdeckt und in den letzten Jahren sind über 20 000 Menschen verschwunden. Ermittlungen finden so gut wie nie statt, das Schicksal der Opfer bleibt ungewiss, wie auch das der 43 Studenten.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016