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Netanjahus umstrittener Emigrationsappell

Länder: Europäische Union

Tags: Juden, Antisemitismus, Anschläge, Netanjahu

Wie schon nach den Anschlägen von Paris, hat Israels Premierminister Benjamin Netanjahu die Juden Europas nach dem Angriff auf die Synagoge von Kopenhagen zum Umzug nach Israel aufgefordert. Ein Appell, der viel Kritik erntet. 

 

 

7000

französische Juden emigrierten        2014 nach Israel

 

Zahlen lügen nicht. Und diese Zahl sagt viel aus über das Unwohlsein der Juden Europas, insbesonderer der jüdischen Gemeinschaft in Frankreich: 2014 sind über 7000 französische Juden nach Israel emigiert. Doppelt soviel wie 2013, dabei war auch das schon ein Rekordjahr. Eine Tendenz, die man auch in anderen Ländern Europas, wie Belgien, Italien oder Großbritannien beobachten kann. Die Situation in Deutschland stellt sich etwas anders dar. Auch hier emigrieren jährlich Juden nach Israel, aber die Zahl der Zuwanderer liegt höher als die der Auswanderer. 2013 zogen 2 762 Juden nach Deutschland, 1 931 verließen Deutschland Richtung Israel.

 

 
Immigration von Frankreich nach Israel
 
 
In den jüdischen Gemeinschaften Europas geht die Angst um

Der Überfall auf das Jüdische Museum in Brüssel im Mai 2014, der Terroranschlag auf den jüdischen Supermarkt in Paris im Januar, zwei Tage nach der Attacke auf Charlie Hebdo, und jetzt der Mord vor der Synagoge von Kopenhagen: die Angst geht um in den jüdischen Gemeinschaften Europas und mit ihr eine traurige Erkenntnis: Juden sind in Westeuropa erneut potentielle Ziele von Mordanschlägen. Und auch wenn die gerade begangene Profanation von hunderten von jüdischen Grabmählern im elsässichen Sarre-Union allem Anschein nach keine islmistischen Hintergrund hat, so trägt doch auch sie zu einer antisemitischen Grundstimmung bei.

 

Umzug aus Furcht vor dem Terror

41 Mio.

Euro Sonderbudget in Israel für die Zuwanderung aus Europa

 

Heißt das also, dass man als Jude in Europa nicht mehr sicher ist und aus Furcht vor dem Terror besser nach Israel umziehen sollte, ein Land das sich permanent in einem verkappten Kreigszustand befindet? Israels Regierung meint Ja und hat nach dem Terror in Dänemark die Juden Europas erneut zu einer Massenemigration nach Israel aufgerufen. "... wir sagen zu unseren jüdischen Brüdern und Schwestern: Israel ist eure Heimat."  so die Worte von Premierminister Benjamin Netanjahu am Sonntag, einige Studen nach den Attentaten on Kopenhagen. Weiter meinte er : "Es ist zu erwarten, dass sich diese Angriffswelle ebenso wie mörderische antisemitische Attacken fortsetzen." Mit einem Sonderbudget von rund 41 Millionen Euro will Israel die Zuwanderung aus Frankreich, Belgien oder der Ukraine fördern. Im Mittelpunkt soll die Sicherheit der künftigen Neuankömmlinge in Israel stehen, womit indirekt auch gesagt wird, dass diese in den europäischen Demokratien nicht mehr gewährleistet wäre.

 

 

Immigration nach Israel

 

Frankreich fordert Juden zum Bleiben auf

In Paris reagierte man mehr als ungehalten auf diese Stellungnahmen aus Israel. Präsident François Hollande hat die Juden des Landes explizit aufgefordert, in Frankreich zu bleiben. Die Juden hätten ihren Platz in Europa und im Besonderen in Frankreich, unterstrich der Staatschef. Premierminister Manuel Valls ging noch einen Schritt weiter und rief zum nationalen Schulterschluss angesichts des „islamo-fachistischen Terrors“ auf.

 

"Der Platz französischer Juden ist in Frankreich." Das Land wolle deren Fortzug nicht. Die Äußerungen Netanjahus seien bedauerlich und nicht mit der Wahlkampagne in Israel zu rechtfertigen, kritisierte Valls. Am 17. März finden in Israel vorgezogene Parlamentswahlen statt und Netanjahu hofft auf ein drittes Mandat als Premierminister.

 
Israel ist zu Netanjahus Aufruf gespalten

Aber auch in Israel selbst sind die Meinugnen zu Netanjahus Emmigrationsaufruf geteilt. In einem Leitartikel der Tageszeitung Haaretz erinnert Allison Kaplan Summer daran, dass Israel als Zufluchtsort für Juden auf aller Welt zwar ganz im Sinne des zionistischen Grundgedanken sei, aber dass es sich bei dem Aufruf von Benjamin Netanjahu eindeutig um eine opportunistische Position handeln würde: "In dem er den Ton ‘ Ich habe es euch doch schon immer gesagt’ mitschwingen lässt, sendet Netanjahu eine perverse Botschaft und vermittelt den Eindruck, Israels Regierung würde das Unwohlsein der europäischen Juden begrüssen, da es die Notwendigkeit eines Judenstaates unterstreicht."

 

Europa distanziert sich von Netanjahu

Auch in Europa haben mehrere renomierte jüdische Rabbiner und Führungspersönlichkeiten sich von Netanjahus Appel distanziert. So zum Beispiel der Chefrabiner von Dänemark, Jair Melchior. Er sei enttäuscht von der Erklärung des israelischen Premierministers nach dem Attentat auf die Kopenhagener Synagoge, für ihn stehe fest: "Die Situation in Europa ist nicht so schlimm, das Leben in Europa ist nicht so katastrophal." ​

 

Auch der Generaldirektor der "European Jewish Association", Rabbiner Menachem Margolin (ein Interview mit Margolin zu dem Thema finden Sie hier), findet den Aufruf aus Tel Avi inakzeptabel.  Nicht der Umzug nach Israel ist für ihn die richtige Antwort auf den Antisemitismus in Europa, sondern eine klare Sicherheitspolitik, die Juden und jüdische Einrichtungen schützt. 

 

Die jüdische Bevölkerung in der Welt

 

Jüdische Bevölkerung in der Welt

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016