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Nepal: eine Polizeieinheit zum Schutz der Frauen

Länder: Nepal

Tags: Frauen, Diskrimination, Gleichberechtigung

In Nepal sind Frauen jeglicher Form von Gewalt ausgesetzt und oft sind sie dazu verurteilt, ihr Martyrium zu ertragen, ohne sich wehren zu können. Ihre einzige Hoffnung ist eine Polizeieinheit, die speziell dafür eingerichtet wurde, Frauen in Notsituationen zu unterstützen. In jedem Distrikt gibt es eine. Unsere Reporter haben die Schutzeinheit für Kinder und Frauen in der Hauptstadt Katmandu einen Tag lang begleitet.

Népal : une unité de police au service des femmes

 

Der unerträgliche Alltag der nepalesischen Frauen

66 %

Der Frauen in Nepal haben bereits Gewalt erfahren.

Studie UNICEF

Frauen leben in Nepal bestenfalls als Bürger zweiter Klasse, im schlechtesten Fall sogar ohne jegliche Bürgerrechte. Die 2008 nach dem Sturz einer fast zweieinhalb Jahrhunderte andauernden Monarchie begründete junge Himalaya-Republik gewährt Frauen die Staatsbürgerschaft in der Tat nur mit der vorhergehenden Zustimmung durch den Vater oder Ehemann. Die im Land herrschende männliche Dominanz erzeugt ständige Gewalt, die sich auf vielerlei Arten ausdrückt: kein Zugang zu Bildung, Zwangsehen oft noch minderjähriger Mädchen, Prügel, Vergewaltigungen, Verstoßungen aus der Familie. Eine aktuelle Studie der UNICEF zeigt auf, dass 66 % der Frauen schon Erfahrungen mit Gewalt gemacht haben. Da sie während ihrer Menstruation und nach der Entbindung als unrein gelten, werden die Frauen in dieser Zeit vorübergehend aus dem Haus der Familie ausgeschlossen und als nahezu unberührbar angesehen. In den Dörfern werden der Hexerei angeklagte Frauen immer noch oft zum Tod durch Verbrennung verurteilt. 

Es gibt nur wenige Länder, in denen die Lage der Frau so dramatisch ist. Eine Zahl macht das Ausmaß des Phänomens deutlich: die häufigste Todesursache bei Frauen zwischen 15 und 49 Jahren ist Selbstmord. Die wenigen gesellschaftlichen Fortschritte zugunsten der Nepalesinnen tendieren sogar dazu, sich letztlich gegen sie zu richten. Die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs im Jahr 2010 führte zum Beispiel zu zahlreichen selektiven Abtreibungen.  
 

 

Bidhya Devi Bhandari: eine Feministin an der Spitze eines sexistischen Landes

„Nepal versucht gerade, sich von einer von Männern dominierten Gesellschaft, in der Frauen im Haushalt und auf dem Hof arbeiten, zu einer Gesellschaft zu entwickeln, in der sie die gleichen Chancen und Rechte haben.“

Das ist ein Auszug aus Bidhya Devi Bhandaris erster Rede als Präsidentin der Republik Nepal. Die Abgeordnete der Kommunistischen Partei Nepals (Vereinigte Marxisten-Leninisten) wurde im Oktober letzten Jahres vom Parlament in ihr neues Amt gewählt. 
In einem Land, in dem männliche Dominanz und Diskriminierung von Frauen vorherrschen, ist die Machtübernahme dieser militanten Frauenrechtlerin der ersten Stunde mit großen Hoffnungen verbunden: Was, wenn die Emanzipation der nepalesischen Frauen nunmehr an der Spitze des Staates stattfinden würde?

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der Abgeordneten im Parlament muss von Frauen gestellt werden.

Neue nepalesische Verfassung

Kurz vor ihrer Ernennung im September hat Bidhya Devi Bhandari bereits eine Klausel zur Gleichberechtigung in die

neue Verfassung eingebracht, die sich das Land gegeben hat. Mindestens ein Drittel der Abgeordneten im Parlament muss von Frauen gestellt werden. Mindestens eines der beiden wichtigsten Ämter, Präsident und Vizepräsident, muss von einer Frau bekleidet werden. 
Doch es ist schwer die jahrhundertealten Traditionen von einem auf den anderen Tag zu ändern. Einige feministische Verbände werfen der neuen Präsidentin vor, diese Verfassung verteidigt zu haben, in der auch ein Artikel enthalten ist, der den Kindern von alleinstehenden oder mit Ausländern verheirateten Frauen die nepalesische Staatsangehörigkeit verweigert. 

 

 

Als die Erdbeben von 2015 die Lebensumstände der Frauen von Grund auf veränderten

Die tief im Herzen des Himalayas gelegenen ländlichen Gebiete Nepals haben sehr unter den schrecklichen Erdbeben im letzten Frühling gelitten. In den entlegenen Dörfern besteht der Großteil der Bevölkerung aus Frauen und Kindern. Viele Ehemänner arbeiten als billige Arbeitskräfte in der Hauptstadt Katmandu und in den Golfstaaten. Zu denen, die nach den Erdbeben nicht sofort zurückkommen konnten, kommen noch die, die ihre Familien ganz einfach zurückgelassen haben und die Ehemänner, die während der Erdbeben zu Tode gekommen sind. 
Viele Dorfbewohnerinnen mussten also ganz auf sich selbst gestellt mit der Katastrophe zurechtkommen. In guten wie in schlechten Tagen.

Aufgrund der Umstände haben einige Frauen beschlossen, sich zu organisieren und die frei gewordenen Ämter zu übernehmen. Einige haben sich zum Beispiel auch über die religiösen Vorschriften hinweggesetzt, indem sie Einäscherungszeremonien für einige der Opfer durchgeführt haben. Da sie als unrein betrachtet werden, dürfen Frauen normalerweise nicht daran teilnehmen. Andere haben zum Teil aus Männern bestehende Teams zur Instandsetzung der Straßen und anderer Infrastrukturen zusammengestellt. 

Trotz dieser neuen Verantwortung waren die Frauen nach dem Erdbeben verletzlicher denn je: Schieber und Schwarzhändler haben für sich die Möglichkeit entdeckt, gegen die Frauen vorzugehen. Seit dem letzten Frühjahr sind es mehr und mehr Frauen, die sich mit Netzwerken der organisierten und auf sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel spezialisierten Kriminalität konfrontiert sehen.


 

Zuletzt geändert am 30. Oktober 2016