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Nepal, die Tage danach

Länder: Nepal

Tags: Nepal, Erdbeben

Laure Siegel ist freie Journalistin, arbeitet regelmäßig für ARTE Info und lebt in Bangkok. Sie hat den Monat April in Nepal verbracht, zunächst auf einem Treck am Fuß des Mount Everest, dann in Katmandu und der Umgebung. Zum Zeitpunkt des Erdbebens, bei dem mehr als 5 000 Menschen starben, arbeitete sie gerade an einer Reportage über die in Nepal stattfindende Internationale Tattoo Convention und hielt sich dann vier Tage lang in der verwüsteten nepalesischen Hauptstadt auf. Hier ist ihr Bericht über diese schrecklichen Stunden. 

Samstag

Plötzlich erlöschen alle Lichter im Saal, nur die Stirnlampen der Tätowierer erhellen das Dunkel. Zwei Sekunden später fliegen alle Gegenstände durch den Raum.

Laure Siegel

Es ist Mittag – ein schöner, sonniger Tag. Ich befinde mich im Ballsaal des Hotels "Yak and Yeti", um über die fünfte Internationale Tattoo Convention zu berichten, die gerade in Nepal stattfindet. Ich diskutiere mit „dem Tätowierer Guy“ über die neusten Trends in Asien, während Dom Pichard, der Fotograf, mit dem ich arbeite, von ihm ein Porträt macht. Plötzlich erlöschen alle Lichter im Saal, und nur die Stirnlampen der Tätowierer erhellen das Dunkel. Zwei Sekunden später fliegen alle Gegenstände durch den Raum: Ausstellungsstände, Tische, Maschinen, Computer, Lautsprecher, Deckenlampen. Ich renne zur Außenterrasse im ersten Stock inmitten von Panikschreien und Statuen, die auf den Boden knallen, und ich fühle nicht einmal den Metallstab, der auf meinen Oberschenkel prallt, sondern nur, wie ich den Boden unter den Füßen verliere. Endlich beruhigt sich die Erde, aber meine Freunde sind nicht mehr hinter mir – einer ist unter einem Tisch, der andere lehnt sich an eine Wand.

 

Katmandou, après le séisme

Nach dem ersten Nachbeben eine halbe Stunde später, bei dem der Typ neben mir mit geschlossenen Augen an seinem Joint zieht, bis ihm die Lunge zu platzen scheint, gehen wir ins Stadtzentrum, zu unseren Hotels und unseren Freunden oder Angehörigen. In Thamel, dem Touristen-Ghetto von Katmandu, hat das Beben überall seine Spuren hinterlassen. In der Tridevi Marg-Straße sehen wir das Wrack eines Maruti-Sukuzi-Taxis - die Prestigemarke des Landes. Ein Strommast hat seine Windschutzscheibe eingedrückt.  Auf dem Chhetrapati-Platz sitzen verstörte Nepalesen und Ausländer auf den Gehsteigen oder um die Stupas. Wir gehen in Richtung Durbar Square – die Stimmung ist düster, der Himmel verhangen und die Hunde heulen wie verrückt. Maju Dewal, der spektakuläre Tempel, auf dessen pyramidenförmig angeordneten Stufen wir oft Tee getrunken haben, um dort den Sonnenuntergang zu genießen, ist nur noch ein riesiger Trümmerhaufen, der Royal Enfield-Motorräder und Schaulustige unter sich begraben hat. Ein großer Mann mit einer schwarzen Schutzmaske, der seiner Tränen kaum Herr wird, betrachtet das Werk der Zerstörung. Kevin Martin, ein betagter australischer Beatnik, kommt auf uns zu und redet unaufhörlich, weil ihm das Erleichterung verschafft: „Ich hatte gerade auf dem Durban Square mit Nepalesen gebetet und ging in Richtung Freak Street. Nach dem Erdstoß bin ich dorthin zurückgelaufen. Alle Leute, mit denen ich noch ein paar Minuten zuvor im Tempel gebetet hatte, waren tot. Ich begann, die Trümmer mit bloßen Händen wegzuräumen, um Überlebende zu finden, und konnte einen Mann bergen, dessen Beine im Schutt feststeckten. Dann kam die Polizei und schickte alle Ausländer fort, damit sich die Nepalesen um ihre eigenen Toten kümmern können. Aber sie schauten nur auf die Trümmer, ohne etwas zu unternehmen, vor Schock völlig erstarrt." 

 

Katmandou, après le séisme

© Laure Siegel

Die Nacht war unerträglich, unterbrochen von mehr oder weniger starken Nachbeben, angekündigt durch die Schreie der Raben und das Heulen der Hunde, die einige Sekunden vor dem Erdstoß völlig durchdrehten.

Laure Siegel

Die Nacht war unerträglich, unterbrochen von mehr oder weniger starken Nachbeben, angekündigt durch die Schreie der Raben und das Heulen der Hunde, die einige Sekunden vor dem Erdstoß völlig durchdrehten. Man hatte den Eindruck, auf einem Wasserbett zu liegen, mitten in einem aufgewühlten Ozean. Der neben uns liegende chowkidar (Wachmann) wird von Alpträumen geplagt und wacht jede halbe Stunde urplötzlich auf, um mit erstickter Stimme zu rufen: „Es kommt, es kommt!“ Es regnet eine Stunde lang, was zu Beginn der Monsun-Zeit normal erscheint, aber der künftige Wiederaufbau wird dadurch wohl kaum erleichtert. Eine Mutter stellt im Hof Eimer auf, um das Regenwasser zu sammeln, denn fließendes Wasser gibt es nicht mehr. Man muss sich damit begnügen, die Hände mit Blättern zu säubern und die Zähne mit Zahnstochern zu reinigen.

Katmandou, après le séisme

 

© Laure Siegel

 

Mehr zum Thema:

Die Schicksal der verwüsteten Dörfer in Nepal, eine Reportage von ARTE Journal

Sonntag 

Am Tag nach dem Erdbeben irren wir mit müden Gesichtern und leerem Magen herum, um etwas Nahrung zu finden. In der Nacht sind die Lebensmittel-Preise um das Dreifache gestiegen, genauso wie die Taxi-Tarife. Die Geldautomaten sind außer Betrieb. Ein behelmter Biker fährt mit einer Flagge der Volksrepublik China durch die Straßen und verteilt Coupons für kostenlose Nahrungsmittel, aber das Ganze ist Schwindel. Schließlich treffen wir einen Nepalesen, der uns Tee serviert und uns auch noch einen Tipp gibt, um unsere Angst zu bekämpfen: „Ich fürchte mich so sehr vor Nachbeben, dass ich vor dem Einschlafen so viel rakhshi (Reiswein) getrunken habe, wie ich nur konnte, und dann habe ich nichts gespürt.“  Schließlich finden wir ein Stück getoastetes Brot und eine Suppe, die mit Hühnerresten in einem chinesischen Restaurant zubereitet wurde. 

Später erfahre ich, dass dieses schwere Nachbeben im Zentral-Krankenhaus Panik ausgelöst hat. Alle Patienten stürzten sich zum Ausgang, mit Fäden im Bauch oder gebrochenen Beinen.

Laure Siegel

Unser Ziel ist Durbar Marg, die Straße, an der alle Reiseagenturen und die Büros der Fluggesellschaften liegen. Dort wollen wir uns nach unserem Rückflug erkundigen, aber die meisten Büros sind geschlossen. In den Schaufenstern, keine einzige Information oder Notrufnummer. Die Leitung der französischen Botschaft, bei der wir uns als Überlebende melden wollen, ist dauernd besetzt, und als wir in den wenigen Minuten pro Tag, in denen das Mobilnetz funktioniert, versuchen, die deutsche Botschaft zu erreichen, meldet sich dort niemand.

Gegen 13 Uhr 30 klappern die Rollläden der Geschäfte immer lauter – die Ankündigung eines langen Nachbebens von der Stärke 6,7. Die Autos halten an, aber ein paar Motorräder fahren im Zickzack weiter. Ich stehe mitten auf der Straße, mit verkrampften Händen auf meinen Knien, während ich keuchend zusehe, wie die Straßenlampen und Strommasten hin und her schaukeln. Mir gegenüber springen zwei junge Punks lachend über den Asphalt und fordern mich auf, mich zu entspannen. Später erfahre ich, dass dieses schwere Nachbeben im Zentral-Krankenhaus Panik ausgelöst hat. Alle Patienten stürzten sich zum Ausgang, mit Fäden im Bauch oder gebrochenen Beinen. In der zweiten Nacht, die wir im Freien verbringen, sind die Nachbeben weniger stark, aber der Regen dafür umso heftiger. Wir flüchten uns unter ein Vordach und sitzen dort mit der Familie gegenüber dem leeren Hotel.

 

Katmandou, après le séisme

© Laure Siegel

Montag

Heute Morgen finden wir endlich ein Restaurant, in dem man uns und drei pakistanischen Touristen ein ordentliches Frühstück serviert. Rania, eine Ärztin aus Islamabad, sagt ganz trocken: „Weißt du, wenn du in Pakistan aufgewachsen bist, nimmst du so etwas auf die leichte Schulter. Wenn du sterben musst, dann stirbst du eben.“ Die Pakistanis verabschieden sich von uns, um am Flughafen ihr Glück zu versuchen. Wir nehmen ein Taxi zum Pashupatinath-Tempel, um der angsterfüllten Atmosphäre, die uns umgibt, zu entkommen. Der bewaldete Hügel über der Stadt ist für die Hindus der wichtigste heilige Ort Nepals, mit Tempeln aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Überall findet man hier notdürftige Zelte und Familien, die hier seit drei Tagen unter großen Regenschirmen sitzen. Sanitäre Einrichtungen gibt es nicht, und die Leute verrichten ihre Notdurft, wo sie können. Nahrung und Wasser werden, wenn überhaupt, nur an manchen Orten verteilt, in völlig unzureichenden Mengen.

 

Seit Urzeiten kommen die Nepalesen hierher, um ihre Toten zu verbrennen, entlang des Bagmati-Flusses. Angesichts der zahlreichen Opfer dieses tragischen Wochenendes wurde das strenge Ritual vorübergehend gelockert, wonach jede Leiche auf einer bestimmten Plattform verbrannt werden soll, die der Kaste der Familie entspricht. Der Rauch der überhitzten Scheiterhaufen verdeckt den Horizont. Die Familien der Opfer sitzen weinend auf den Stufen. Am anderen Ufer des Flusses hat sich eine schweigende Menge versammelt, die den Kremationen zusieht. Andere meditieren im Wald oder zwischen zerstörten Familiengräbern. Ein Sadhu mit weißem Bart und orangefarbenen Turban, im Schneidersitz auf den Stufen eines intakten Tempels, schaut mich mit stechendem Blick an: „Das sind die Folgen des schlechten Karmas. Das passiert, wenn man die Traditionen und die Religion außer Acht lässt. Jetzt müssen wir mit noch mehr Inbrunst beten, und auch Sie müssen für uns ein Gebet sprechen.“

 

Le siège d'Handicap International

© Dom Pichard

 
Dienstag

Am frühen Morgen fahren wir an Trümmern vorbei zum Internationalen Flughafen von Katmandu. Der Verkehr ist so dicht wie eh und je. Vor den Terminals warten bereits hunderte Menschen und im Flughafen herrscht ungeheures Gedränge. Von den Decken hängen Drähte, Glasscheiben sind zersprungen. Alle zwanzig Minuten gibt es neue, sich widersprechende Informationen über den Flugverkehr, denn die Frachtflugzeuge von Armeen und humanitären Organisationen aus aller Welt haben auf dem kleinen Rollfeld Vorrang, was die meisten Zivilmaschinen jedoch an der Landung hindert. Die Ausländer müssen mit dieser schwierigen Situation irgendwie zurechtkommen, während die Nepalesen in die Arabischen Emirate oder nach Malaysia fliehen, mit karierten Plastiksäcken auf den Schultern, denn sie wissen, dass sie in den kommenden Monaten nichts anderes erwartet als Trauer und Widrigkeiten aller Art. Nach fünf Stunden Wartezeit gelingt es uns wie durch ein Wunder, Plätze in der einzigen Maschine zu finden, die an diesem Tag nach Thailand fliegt. Als ich am Flughafen Suvarnabhumi ankomme, habe ich nur noch 500 Rupies in der Tasche, umgerechnet fünf Dollar. Noch nie war ich so glücklich, wieder in Bangkoks tropische Hektik einzutauchen, aber die Erinnerung an die Katastrophe, die ein wunderschönes Land wie ein Kartenhaus zusammenstürzen ließ, erfüllt mich mit tiefster Trauer.

 

Népal, les jours d'après

© Laure Siegel

 

@ wir empfehlen außerdem :

- Robert Schmidt, Journalist bei der AFP, berichtet von seinem Erlebnis, in die Schneelawine an der Flanke des Mount Everest geraten zu sein, die durch das Erdbeben ausgelöst wurde.
- Ein Bericht über den immensen Verlust des Kulturerbes in Nepal.

 

Zuletzt geändert am 12. Oktober 2017