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Nelkenrevolution: Der Sieg über Westeuropas älteste Diktatur

Länder: Portugal

Tags: Nelkenrevolution, Révolution

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Unsere Reportage: Portugal - Das Lied der Revolte

Das Signal zum Aufstand gab ein Liebeslied: „Ich wollte wissen, wer ich bin, was ich hier tu, wer mich verlassen, wen ich vergessen habe“, singt Paulo de Carvalho am 24. April 1974, am Abend um 22 Uhr 50 im portugiesischen Rundfunk. Es ist das Zeichen für den Beginn der militärischen Operation. Eine halbe Stunde nach Mitternacht, ein weiteres Lied: „Grândola, vila morena“ von Zeca Afonso. Damit signalisieren die Aufständischen: die Operation verläuft nach Plan.

Die Putschisten stoßen bei ihrem nächtlichen Marsch durch Lissabon auf keinen echten Widerstand. Bereits kurz nach drei Uhr morgens sind die strategisch wichtigen Punkte in ihrer Hand: die großen Plätze, der Flughafen, die Ministerien sowie die Rundfunksender. Machthaber Marcelo Caetano ( 1906 – 1980) verbarrikadiert sich 17 Stunden im Quartier der Geheimpolizei. Dann gibt er auf und lässt sich nach Brasilien ins Exil fliegen. Einzige Bedingung für die Kapitulation des alten Regimes: der als neutral geltende General de Spinola übernimmt zunächst die Regierungsgewalt an der Spitze einer „Junta der Nationalen Rettung“.

 

Rückblende: die Diktatur in Portugal hatte 1926 begonnen. Damals eliminierte General Vitor Gomes da Costa die demokratische Regierung, die 1910 auf den Untergang der Monarchie gefolgt war. 1932 installieren die Militärs Antonio de Oliveira Salazar (1889 – 1970). Der Diktator regiert das Land 35 Jahre lang. Politische Gegner werden brutal verfolgt, doch die Bevölkerung scheint sich weitgehend mit dem Regime zu arrangieren. Der gelernte Ökonom Salazar stellt Bürger und Militär mit einer soliden Wirtschaftspolitik jahrzehntelang zufrieden.

 

Der Putsch 1974 wird von Historikern auf zwei Punkte zurück geführt: erstens die Machtübernahme durch den Bürokraten Caetano, der nicht in der Lage war, dem Land eine neue Perspektive aufzuzeigen. Und zweitens, damit verbunden, das Aufflammen der Kolonialkriege. Portugal, älteste Kolonialmacht Europas, besaß mit Angola, Mosambik und Guinea-Bissau in Afrika noch Territorien, als England und Frankreich sich schon lange zurückgezogen hatten. Die Kriege in Afrika verschlangen seit Anfang der 60er Jahre fast die Hälfte des Staatshaushalts. 1974 unterhielt Portugal eine Armee von 200.000 Mann, bei neun Millionen Einwohnern. Alle jungen Männer hatten einen vierjährigen Militärdienst zu leisten, zwei davon in Afrika. Umgerechnet kostete der Krieg jetzt eine Million Euro pro Tag. Portugal, einstige Weltmacht, verwandelte sich in ein Armenhaus. Nirgendwo in Westeuropa war die Rate der Kindersterhblichkeit höher, gab es mehr Analphabeten und mehr Auswanderer. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung war demzufolge ungleich höher als beim Amtsantritt von Salazar. Auch das muss man wissen, wenn man die portugiesische Nelkenrevolution von 1974 verstehen will.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016