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Nach Cyberangriff: Bundestag muss Netzwerk erneuern

Länder: Deutschland

Tags: Bundestag, Cyberangriff, Geheimdienst

Bereits vor vier Wochen war bekannt geworden, dass Unbekannte bei einem Cyberangriff auf den Bundestag Daten abgegriffen haben. Nun berichtet der Rechercheverbund aus NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung", dass das Ausmaß viel größer ist als bisher angenommen. Den Angreifern sei es gelungen, über Wochen hinweg immer tiefer in das Netzwerk "Parlakom" einzudringen, an das rund 20.000 Computer im Bundestag und Abgeordnetenbüros angeschlossen sind. Es muss wohl komplett erneuert werden.

Das Ausmaß des Angriffs

Durch die Übernahme des so genannten "Verzeichnisdienstes" des Bundestages haben die Angreifer Zugriff auf alle Zugangsdaten der Fraktionen, Abgeordneten und Bundestagsmitarbeiter und somit auch auf deren Daten – etwa deren Emailverkehr, Gesetzentwürfe, Terminkalender. Da sich die Angreifer zuletzt sogar Administratorenrechte verschafft haben, muss wohl das gesamte Bundestagsnetzwerk – also auch die Hardware – ausgetauscht werden.

20000

Rechner sind im Bundestag und in den Abgeordnetenbüros betroffen.

 

Das könnte Wochen dauern und wäre mit erheblichen Kosten verbunden. Eine Reaktion ist jedoch dringend notwendig: Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass bis heute Daten aus dem Netzwerk abfließen.

Misstrauen gegenüber dem BSI

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) kümmert sich seit Wochen um die Aufklärung der Cyberattacke. Doch viele Abgeordnete stehen der aus dem Bundesnachrichtendienst hervorgegangenen Behörde kritisch gegenüber und verweigerten den Mitarbeitern den Zugang zu ihren Rechnern. Der Präsident des BSI, Michael Hange, will die zuständige Kommission im Bundestag am heutigen Donnerstag über die Ergebnisse der Analyse seiner Behörde informieren.

Klage über die Informationslage

Abgeordnete aus allen Fraktionen kritisierten die Informationspolitik der Bundestagsverwaltung in dem Fall. Der SPD- Obmann im Ausschuss Digitale Agenda, Lars Klingbeil, sprach von großer Verunsicherung bei den Abgeordneten. "Wir haben das im Ausschuss zweimal auf die Tagesordnung gesetzt. Und es ist niemand von der Bundestagsverwaltung gekommen, der uns da einen Bericht gegeben hat", sagte er gegenüber der Deutschen Presseagentur. Auch Tankred Schipanski, CDU-Obmann im selben Gremium sprach in der "Mitteldeutschen Zeitung" von einer "merkwürdigen Informationspolitik".

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Wer steckt dahinter?

Über die Urheber der Attacke ist so gut wie nichts bekannt. Ob der Professionalität des Angriffs tippen einige Experten auf einen ausländischen Geheimdienst. "Spiegel Online" berichtet unter Berufung auf "mehrere mit dem Fall vertrauter Quellen" von Spuren, die zu russischen Cyberspionen führen.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016