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Myanmar: "Der Beginn einer neuen Ära"

Länder: Myanmar

Tags: Elections

Es waren die ersten freien Parlamentswahlen seit 25 Jahren, die am 8. November in Myanmar stattfanden. Und die Hochrechnungen sprechen für einen klaren Sieg der Oppositionspartei "Nationale Liga für Demokratie" (NLD) von Aung San Suu Kyi, Friedensnobelpreisträgerin und Gegnerin des Militärregimes. Laut Teilergebnissen vom Mittwoch, dem 11. November hat die NLD bereits 163 der bisher ausgezählten 182 Mandate gewonnen (von insgesamt 491 Sitzen). 

An diesem Mittwoch hat die Oppositionsführerin die Regierung Myanmars und die mächtige Armeeführung zu Gesprächen über eine "nationale Versöhnung" aufgerufen. Präsident Thein Sein gab bekannt, er sei zu einem Treffen bereit, sobal das offizielle Wahlergebnis vorliege. 

Die Beteiligung bei den Parlamentswahlen war laut Wahlkommission überwältigend. 80 Prozent der Wahlberechtigten sollen ihre Bürgerpflicht wahrgenommen haben. War die Wahl ruhig und nahezu problemlos verlaufen, wurden in bestimmten Regionen Versuche von Wahlbetrug aufgedeckt, was sich in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer verbreitete. ARTE Info-Korrespondentin, Laure Siegel, hat am Tag nach der Wahl, dem 9. November mit einigen Bürgern gesprochen. 

 

 

Enthusiasmus in den Straßen Ranguns

Der Tag nach den Wahlen in Rangun: Die Straßen sind wieder erfüllt von hektischem Treiben. Der Taxi-Fahrer, der mich mitnimmt, umfährt die Rikschas wie Slalomstangen: "Ich habe in Thailand gearbeitet, in Kambodscha und in Malaysia. Jetzt kehre ich zurück nach Myanmar. Ich konnte mir ein gutes Taxi kaufen und gestern bin ich wählen gegangen. Die Zukunft in diesem Land sieht glänzend aus." Er dreht die Lautstärke des Radios auf und bestätigt nach einigen Minuten: "Aung San Suu Kyi gewinnt überall. Außer in Lashio, im Staat Shan, wo es organisierten Wahlbetrug gab", fügt er gelassen hinzu.

Weniger gelassen sehen das die Wahlbeobachter, Diplomaten und Menschenrechtler. Sie rufen zur Vorsicht vor verfrühtem Optimismus auf, wie Phil Robertson von der NGO Human Rights Watch.

 

 

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Denn bereits im Jahr 1990 hatte die NLD die Wahlen für sich entscheiden können, ehe das Militärregime sie zwei Monate später für ungültig erklärte. Nichts und niemand konnte gegen diesen demokratischen Affront vorgehen.

 

Ein gespaltetes Land

Außerdem spiegelt die friedfertige und enthusiastische Stimmung in der Großstadt heute bei weitem nicht die Gesamtsituation des Landes wider, das tief gespalten ist. Dies zeigt die paradoxe Situation im Staat Arakan: Während die birmanischen Bürger zum Wählen anstanden, standen die Mitglieder der muslimischen Rohinhya-Minderheit Schlange für ihre tägliche Reis-Ration. Ihnen wurde wenige Monate vor dem Urnengang die Bürgerrechte aberkannt.  

 

 


Ein weiteres Beispiel der Zerrissenheit: Im Staat Kachin war der Gang ins Wahllokal kein Sonntagsspatziergang, da sich hier die birmanische Armee und die unabhängige lokale Armee bekämpfen.  

Ein Problem des Wahlausgangs ist, dass die wenigen muslimischen Kandidaten allesamt Niederlagen einstecken mussten. Daher wird im Parlament kein einziger muslimischer Repräsentant vertreten sein, obwohl die Muslime seit Generationen fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen. 

 

Die NLD feiert ihren Erfolg

Trotz diesen Schattenseiten ist es ein großer Tag in Rangun. Es ist ein Tag, an dem sich die ganze Welt für Myanmar interessiert. Davon zeugt auch die Titelseite der Zeitung The Global New Light of Myanmar, dem Sprachrohr der Regierung. Sie titelt: "Der Beginn einer neuen Ära". Es ist ein deutliches Zeichen dafür, dass das Militär ihre Niederlage anerkennt.

Um 16 Uhr lokaler Zeit beginnt die Wahlkommission, die Resultate Sitz für Sitz bekannt zu geben. Die Zeremonie wird auf einer Großleinwand direkt übertragen. Jeder Triumph eines NLD-Kandidaten wird unter den Partisanen mit lautem Geschrei gefeiert. Man singt das Lied "Der mächtige Pfau", eine Referenz an das Parteisymbol, zu Ehren von Aung San Suu Kyi. 

 

"Die Löhne müssen steigen und die Tourismus-Infrastruktur muss verbessert werden."

 

 

Die Feier wird am Ende des Nachmittags von starken Regenfällen unterbrochen. Nyar Lin Htet beobachtet, wie der Regen auf die Fensterscheiben des Hotels an der 11th Street prasselt. Der 21-jährige Rezeptionist wartet ungeduldig auf das Ende seiner Schicht und versucht vergebens, mit dem Nagellackentferner seiner Schwester den Tintenfleck an seinem kleinen Finger zu reinigen, der beweist, dass er seiner Bürgerpflicht nachgekommen ist. 

"Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich gewählt habe. Ich war sehr aufgeregt. Wie gestern Abend habe ich auch heute vor, mich mit meiner Familie vor dem Hauptquartier der NLD einzufinden, um den Triumph zu feiern. Seit dem Ende der Diktatur hat sich nichts geändert, die Leute sind immer noch mindestens gleich arm. Einzig der Verkehr in den Straßen hat zugenommen. Doch, etwas hat sich verbessert: Wir haben jetzt Telefongeräte und Internetzugang. Vor einigen Jahren kostete eine SIM-Karte noch 2500 $ und Telefongeräte waren für das Militär bestimmt. Auch wenn das Internet langsam ist, erlaubt es uns, uns selbstständig zu informieren. Ich persönlich verfolge alle Medien über Facebook, so dass ich möglichst viele Meinungen empfangen kann. Wir sind gerade drauf und dran, die Wahlen zu gewinnen und ich warte sehnsüchtig auf den Wandel und die daraus sich ergebenden Möglichkeiten.

Im Moment arbeite ich sechs Tage die Woche für 180 $ im Monat, das ist nicht viel. Die Löhne müssen in Zukunft steigen und die Tourismus-Infrastruktur muss verbessert werden, wie in Thailand, wo im Jahr zehnmal mehr Touristen empfangen werden als bei uns. Ich würde gerne weiterhin im Tourismussektor arbeiten, weil ich 
diese Arbeit mag. Ich möchte mich aber entwickeln und irgendwann einmal eine eigene Wohnung haben."

 

"Der Ausgang der Wahlen ist eine gute Sache für die Investoren"

In einem großen, kolonialistischen Gebäude im Hafenquartier treffe ich einen skandinavischen 
Unternehmer. Er freut sich: "Es ist ganz klar, dass der Ausgang der Wahlen eine gute Sache ist für die Investoren. Myanmar hat Potential, leidet aber unter einem Mangel an angemessenen Infrastrukturen, Transportmöglichkeiten und Fabriken, die internationalen Standards genügen. Im Moment ist es noch schwierig, hier ordentlich Geschäfte zu betreiben, weil die Gesetzgebung instabil oder sogar inexistent ist. Die lokalen Arbeitskräfte sind ungenügend ausgebildet, gleichzeitig sind die Lebensunterhaltskosten für ausländische Arbeitskräfte und die administrativen Hürden zu hoch. Die Mehrheit der Ausländer gibt die Hoffnung früher oder später auf und verlässt die Stadt nach sechs Monaten oder einem Jahr."

Der junge skandinavische Unternehmer, dessen Hemd einwandfrei gebügelt ist, ist nun schon seit drei Jahren in Myanmar. Nachdem er ein Jahrzehnt in China verbracht hat, war er stets überzeugt, dass Myanmar den Rückstand in Bezug auf die lokale Wirtschaft aufholen würde: "Bald werden die Sanktionen definitiv aufgehoben, die Investitionen der Amerikaner und Europäer werden sich konkretisieren. Im Moment sind das in den meisten Fällen noch nur
Versprechen; Ganz im Gegensatz zu den Chinesen und Japaner, die im Land dank Steuerbegünstigungen bereits Präsenz zeigen. Es gibt Arbeitskräfte und wirtschaftliches Entwicklungspotential. Doch ohne vorher einen Mindestlohn zu verhandeln, braucht es vor allem die logistischen Mittel, um die Entwicklung voranzutreiben,"
führt der Skandinavier pragmatisch aus.

In Rangun tantz man heute unter dem Regen und atmet durch. Bald stehen neue politische Ereignisse an. Die Kür des neuen Präsidenten findet voraussichtlich erst im März 2016 statt. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016