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Myanmar: Bücher- und Filmtipps

Länder: Myanmar

Tags: Literatur, Kino, Dokumentarfilm

Als Auftakt zu den bevorstehenden historischen Wahlen in Myanmar: eine Reise in Büchern und Filmen durch ein faszinierendes Land mit blutiger Geschichte. 

"Dies ist Myanmar. Ein Land wie kein anderes, das ihr kennt."
Rudyard Kipling

 

Literatur

Rudyard Kipling, Die Ballade von Ost und West, 1889

Das lange Gedicht des "Dschungelbuch"-Autors enthält dieses berühmte Zitat, das die Faszination und die gleichzeitige Befremdung der westlichen Reisenden im Kontakt mit Asien ausdrückt: “Ost ist Ost, und West ist West, und sie kommen nicht zusammen”. Dieser Widerspruch steht ganz in Einklang mit dem produktiven, für seine Schriften über den Orient gefeierten britischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger von 1907, den George Orwell, der zweite große Schriftsteller, der Myanmar literarisch verarbeitete, als “Prophet des britischen Imperialismus” bezichtigte.

Das Gedicht vollständig lesen (auf Englisch) 

 

Tage in Burma, George Orwell, 1934
© Orwelltoday.com

“Fünf Jahre Langeweile, sogar ohne Trompetenklang!”  Der Debütroman des berühmten englischen Schriftstellers inspiriert sich direkt von seiner fünfjährigen Erfahrung (1922-1927) als Offizier in der Armee Britisch-Indiens. Diese beißende Kritik an der kolonialen Gesellschaft und der birmanischen Elite greift voraus auf den Zusammenbruch des untergehenden Kolonialsystems, das dieses Land bis heute belastet. 

Die Originalfassung in englischer Sprache ist kostenlos auf der Website des Projekts Gutenberg abrufbar.

 
Der Glaspalast, Amitav Gosh, 2002
Amitav Ghosh

Eine meisterhafte Familiensaga, deren Ausgangspunkt die Flucht der letzten birmanischen Herrscher ins indische Exil im Jahr 1885 ist und das Schicksal der indischen Landarbeiter schildert, die sich in den Kautschukplantagen Myanmars abschuften. Das Buch endet mit der Beschreibung eines Menschenauflaufs vor dem Haus von Aung San Suu Kyi. Amitav Gosh ist ein namhafter indischer Schriftsteller, der mehrfach für seine kritische und detaillierte Darstellung des Kolonialsystems in Asien preisgekrönt wurde. "Der Glaspalast" wurde für den „Commonwealth Writers’ Prize“ ausgewählt, doch der Autor zog das Werk vom Wettbewerb zurück, um gegen den "imperialistischen Blickwinkel auf die Geschichte" zu protestieren, der von dieser Institution ausgehe.

Ein Auszug in englischer Sprache ist auf der Website des Autors zu lesen. 

 

Nicht die Macht macht korrupt, sondern die Angst: Angst, die Macht zu verlieren, macht die Machthaber korrupt, und Angst vor den Knüppeln der Macht macht diejenigen korrupt, die von den Machthabern unterdrückt werden… In ihrer heimtückischsten Form streift sich die Angst die Maske des gesunden Menschenverstands oder gar der Weisheit über und stempelt die kleinen täglichen Gesten der Tapferkeit als sinnlos, unbedacht, wirkungslos und unnötig ab, die jedoch dabei helfen, Selbstrespekt und menschliche Würde zu wahren.

Aung San Suu Kyi - 1990

Se libérer de la peur (Sich von der Angst befreien), Aung San Suu Kyi, 2004

Am 9. Juli 1990 hält Aung San Suu Kyi eine berühmte Rede, "Eine Revolution des Bewusstseins", in dem sie ihr Volk dazu aufruft, "sich von der Angst zu befreien". Daraus entstand dieser Sammelband mit Essays und Reden, die sie als Anführerin der demokratischen Bewegung Myanmars (1988-1989) niederschrieb. Das für das Verständnis ihres Handelns und der heutigen birmanischen Politik grundlegende Buch enthält außerdem eine Biographie über ihren Vater Aung San, der 1947 für seinen Unabhängigkeitskampf ermordet wurde, einen historischen Abriss über ihr Land, Studien über die Geistesgeschichte Myanmars und einen biographischen Teil.

Die vollständige Rede vom 9. Juli 1990 (auf Englisch)

 

Finding George Orwell in Burma (Auf den Spuren von George Orwell in Myanmar), Emma Larkin, 2005 (nur in englischer Sprache)

Diese Abhandlung und politische Reisechronik wurde unter dem Pseudonym von einer US-Journalistin verfasst, die über 10 Jahre lang während der Militärdiktatur Bericht erstattete. Die in Asien geborene und ausgebildete Autorin schildert den Werdegang von George Orwell in Myanmar und zeigt auf, wie das Land der goldenen Pagoden dessen spätere Werke beeinflusste, insbesondere die dystopischen Romane Farm der Tiere und 1984, die längst Kultstatus erreicht haben. Zusammen mit Tage in Burma betrachten die Birmanen diese Romane heute als perfekte Trilogie über die Geschichte ihres Landes: über die Kolonialzeit, den Weg Myanmars zum Sozialismus, die Militärdiktatur und vor allem über den Einfluss von Orwells Denken auf die gebildeten, verzweifelten und isolierten birmanischen Intellektuellen, die die Autorin in allen Teehäusern des Landes angetroffen hat.

Die Chronik der New York Times (auf Englisch)

 

Chroniques birmanes (Aufzeichnungen aus Myanmar), Guy Delisle, 2007

Der kanadische Zeichner wurde für seine Chroniken als Expat in mehreren Entwicklungsländern bekannt, die als Einsatzgebiete seiner Frau Nadège, Mitarbeiterin bei „Ärzte ohne Grenzen“, aufeinanderfolgten. In diesem Graphic Novel über Myanmar, wo er 14 Monate verbrachte, skizziert er mit Humor seine Desillusionen im Alltag, seine Vaterrolle, die Absurdität der Diktatur, die Gerüchte, die im Umlauf sind, die Drogen- und Bestechungsskandale, seine Obsession für das Haus von Aung San Suu Kyi, wo die Ikone der Unabhängigkeit 15 Jahre lang unter Arrest gestellt wurde. Guy Delisle fand außerdem Anerkennung für seine Reportage-Comics über seine Erfahrungen in Pjöngjang und Jerusalem.

Auszüge auf der Website des Autors (auf Französisch)

 

Le châtiment des rois (Die Bestrafung der Könige), Thierry Falise, 2009
Thierry Falise

Der belgische Journalist Thierry Falise, der seit über 20 Jahren über Myanmar berichtet, erzählt in diesem Buch die Kulissen einer vergessenen Katastrophe. Der Wirbelsturm Nargis fegte 2008 über Myanmar hinweg, verursachte ca. 140.000 Tote und verwüstete das Irrawaddy-Delta, "die Reisschale" des Landes. Der Autor erzählt, wie die Zivilgesellschaft und die Geistlichen sich angesichts der Untätigkeit der Militärjunta organisiert und gegenseitig geholfen haben. Eine Junta, die zunächst jegliche internationale Hilfe ablehnte, dann aber das Land öffnete und schließlich mit einer "humanitären Invasion" umgehen musste. Thierry Falise schrieb außerdem eine Biografie über Aung San Suu Kyi und veröffentlichte ein Fotobuch über seine Reportagen in Myanmar, sowie einen Roman über eine "Kinderarmee" im Karen-Gebiet, dem eine wahre Geschichte zugrunde liegt. 

Mehr Einzelheiten auf der Website des Autors (auf Französisch)

 

Merchants of Madness, The Methamphetamine explosion in the Golden Triangle (Händler des Wahnsinns, Die Explosion der Methamphetamine im Goldenen Dreieck), Bertil Lintner, 2009

Ein Sachbuch über die rasante Ausbreitung von "Ya Ba", "das Medikament, das wahnsinnig macht", wie ein in Südostasien verbreitetes Methamphetamin genannt wird. Ab den 1990er Jahren wurde diese synthetische Droge im Goldenen Dreieck in großen Mengen hergestellt und verbreitete sich auf dem ganzen Kontinent. Die enormen Geldströme, die der Handel freisetzte, verwandelten die Methoden des organisierten Verbrechens und das Sozialverhalten der Bevölkerung. Der schwedische Journalist Bertil Lintner schreibt seit 40 Jahren über Myanmar und die Kommunistische Partei des Landes, seine ethnischen Minderheiten, seine Verfechter der Demokratie und das Kräftespiel, dem sie ausgesetzt ist.

Ein Überblick über seine Arbeit zum Thema organisiertes Verbrechen in Asien ist in französischer Sprache auf der Website der Zeitschrift "Pouvoirs" abrufbar. 

 

Une odyssée birmane (Eine birmanische Odyssee), Pascal Khoo Thwe, 2009
Odyssée birmane

Ein außergewöhnliches Buch, sowohl was den Inhalt als auch die Entstehungsgeschichte angeht. Pascal Khoo Thwe gehört der animistischen Ethnie der Padaung an, die zum katholischen Glauben konvertierte und für ihre "Giraffenfrauen" bekannt ist. Nach seiner Teilnahme an den blutigen Demonstrationen im August 1988, muss der Student der englischen Literatur, der sich für den irischen Schriftsteller James Joyce begeistert, vor der brutalen Unterdrückung durch die birmanische Armee flüchten. Der britische Professor John Casey, den er einige Jahre zuvor in einem Café in Mandalay kennen gelernt hatte, verhilft ihm zur Flucht aus dem Dschungel und vermittelt ihm eine Stelle am Caius College in Cambridge. Der junge Birmane schreibt zunächst, um sein Englisch zu verbessern, dann um sich eine persönliche Meinung zu bilden und schließlich um seine eigene Geschichte im Gedächtnis zu bewahren. 

Die Chronik in « Le Monde des livres » (auf Französisch)

 

Nous les innommables (Wir, die Verstoßenen), Sophie Ansel, 2012

Frankreichs Spezialistin der Rohingya-Problematik ist Journalistin und schrieb dieses Buch gemeinsam mit Habiburahman, der dieser Ethnie angehört und sich für die Rechte seines unterdrückten Volkes einsetzt. Sie hatte ihn in einer Haftanstalt in Australien kennen gelernt. Sophie Ansel verfasste außerdem zusammen mit Sam Garcia den Comicband "Lunes Birmanes" ("Birmanische Monde"), eine Erzählung über die ethnischen Minderheiten und den Geisterglauben, der im kollektiven Gedächtnis Myanmars verankert ist.

Eine Präsentation des Buchs auf der Website des Verlags (auf Französisch)

 

The Trouser people (Das Hosenvolk), Andrew Marshall, 2012 (nur in englischer Sprache)
The Trouser People

Die abenteuerliche Reise eines schottischen Journalisten auf den Spuren des exzentrischen Sir George Scott, einem hohen Beamten der britischen Kolonial-Armee, der den Fußball in Myanmar eingeführt hat. Die "Hosenmenschen", wie die Briten genannt wurden, unterschieden sich nicht zuletzt äußerlich von den Birmanen, die noch heute den Longyi, eine Art Wickelrock, tragen. Das Tagebuch Scotts über seine Missionen in den Stammesgebieten gewährt einen wertvollen Einblick in die Vielfalt Myanmars im 19. Jahrhundert. Rund 150 Jahre später stattete der Autor, der 2014 für die Berichterstattung über die Rohingya-Unterdrückung mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, diesen Ethnien einen Besuch ab und beschreibt ihren harten Alltag im heutigen Myanmar zwischen Guerilla, Opiumorgien und Völkermord.

Website über dieses Buch (auf Englisch)

 

Brave New Burma (Schönes neues Myanmar), Nic Dunlop, 2013 (nur in englischer Sprache)

Nic Dunlop ist der irische Journalist, der 1999 den Folterchef „Genosse Duch“ in einem kambodschanischen Dorf entlarvte. Diese Verfolgungsjagd ermöglichte den Prozess gegen den Direktor des berüchtigten Gefängnisses von Tuol Sleng (S-21), 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Terrorregimes der Roten Khmer. Der Fotograf reiste außerdem mehrmals innerhalb von 20 Jahren durch Myanmar und dokumentierte das Leben seiner Bewohner in diesem persönlichen, engagierten und düsteren Porträt-Buch.

Hier können Sie das Buch auf der Website seiner Fotoagentur durchblättern.

 

Filmografie

Rohingya in Arakan, Burma! The Hidden Genocide (Die Rohingya in Arakan, Myanmar! Der versteckte Völkermord), Al-Jazeera, 2012 (nur in englischer Sprache)

Eine Reportage des Senders Al-Jazeera, der mithilfe von Archivbildern und Interviews der Opfer und Gewaltausübenden auf die Zusammenstöße zwischen Rakhine und Rohingya im Juni 2012 im Bundesstaat Arakan zurückblickt. Zehntausende Rohingyas, eine staatenlose Ethnie muslimischen Glaubens ohne Anrecht auf Ausweispapiere, sahen sich nach den Unruhen dazu gezwungen, in die Nachbarländer ins Exil zu gehen. Von den 1,2 Millionen Muslimen, die in der Region leben, flohen bereits 800.000 u.a. als Boatpeople und lösten eine innerstaatliche Migrantenkrise aus, die sich immer weiter auf Südostasien ausdehnt.

Der Dokumentarfilm ist auf Youtube abrufbar (auf Englisch)

 

This Kind of Love (Diese Art von Liebe), Jeanne Marie Hallacy, 2015 (nur in englischer Sprache)

Dieser Dokumentarfilm widmet sich dem Werdegang von Aung Myo Min. Dieser birmanische Aktivist, der mit der Regisseurin seit über 20 Jahren befreundet ist, kämpft für Demokratie und die LGBT-Rechte: „ein Kampf innerhalb des Kampfes”. In Myanmar sind LGBT-Menschen zugleich Opfer institutionalisierter Kriminalisierung und sozialer Ächtung. Nach 24 Jahren im Exil wurde es Aung Myo Min genehmigt, 2012 nach Myanmar zurückzukehren. Seither vermittelt er mithilfe seiner Organisation „Equality Myanmar“ seinen Landsleuten die Bedeutung von Menschenrechten.

Die Website des Dokumentarfilms (auf Englisch)

 

Animal, Fakear, 2015

Fakear, dessen Debüt in der französischen Elektroszene große Aufmerksamkeit erregte, drehte seinen aktuellen Clip in Myanmar. "Animal" erzählt die poetische Geschichte eines Jungen, der sich für Ballons begeistert und zeigt atemberaubende Landschaften, die bereits mehrere Generationen von Reisenden verzaubert haben. Das Heißluftballon-Festival Tazaungdaing in Myanmar würdigt diese Tradition alljährlich, am Abend des achten Vollmondes nach dem birmanischen Kalender.

 

 

In den ARTE-Archiven:

"Die Menschen im Delta": Reportage über den langsamen Neuanfang der Landwirtschaft (ARTE Reportage). 

"Kino aus einer vergangenen Zeit in Rangun": Reportage über das Memory-Filmfestival, das die Glanzzeit des birmanischen Kinos in den 1950er-Jahren würdigt (ARTE Journal). 

"In deinem Alter: Tu Naing Kha": Reportage über eine birmanische Schülerin (ARTE Junior).  

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016